Alzheimerkranke in US-Gefängnis Wenn Mörder zu Pflegern werden

In Amerikas Gefängnissen kommen mehr Langzeithäftlinge denn je ins Rentenalter - und viele leiden an Demenz. Ein Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien wagt ein ungewöhnliches Modell: Es bildet Insassen zu Pflegern aus.

Claas Relotius

Von , San Luis Obisbo


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Walter Gregory erinnert sich noch sehr genau daran, wie er vor mehr als 30 Jahren seine eigene Freundin mit einem Klappmesser tötete. Ein Dutzend Mal stach er auf sie ein. An manchen Tagen erzählt Gregory so präzise davon, als wäre es erst gestern gewesen.

Und manchmal kann sich der 69-Jährige morgens schon Minuten nach dem Aufstehen nicht mehr merken, welcher Schuh an welchen seiner Füße gehört. Auch die Nummer seiner Zelle und die Namen seiner Knast-Kumpanen vergisst er immer häufiger. Gregorys Langzeitgedächtnis ist noch intakt, doch sein Kurzzeitgedächtnis gleicht einem Sieb, dessen Löcher von Tag zu Tag größer werden. Er leidet an Alzheimer.

In der California Men's Colony, einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis bei San Luis Obispo, ist er damit keine Ausnahme. Hier sitzen mit Vergewaltigern, Mördern und Erpressern vor allem Schwerverbrecher ein. Und wie in vielen Haftanstalten der USA hat ein Großteil der Langzeithäftlinge mittlerweile das Rentenalter erreicht. Aufgrund des demografischen Wandels hat sich seit 1998 die Zahl der über 60-jährigen Häftlinge landesweit verdoppelt, und so häufen sich längst auch typische Alterserkrankungen. Nur: Wie man mit immer mehr dementen Häftlingen umgehen soll, darauf haben die meisten Gefängnisse noch keine Antwort.

Heime stellen sich quer

"Wenn man einen Demenzkranken hinter Gittern angemessen betreuen will, kostet das eine Menge Geld", sagt Cheryl Steed, Psychologin und Ärztin der California Men's Colony. Jeder gesunde Häftling schlage für den Staat mit etwa 8000 Dollar im Jahr zu Buche, jeder pflegebedürftige mit bis zu zehnmal so viel.

Bislang ist New York der einzige US-Bundesstaat, der sich für die Pflege dementer Gefängnisinsassen professionelle Hilfe und eine krankheitsgerechte Betreuung leistet. Allerdings mit jährlichen Kosten von bis zu 90.000 Dollar pro Häftling - ein Aufwand, den andere Bundesstaaten angesichts immer neuer Patienten nicht bezahlen können oder wollen.

Die Männer in normale Pflegeeinrichtungen zu überweisen, sei keine Lösung. "Es gibt fast keine Heime, die dazu bereit sind, verurteilte Mörder oder Vergewaltiger bei sich aufzunehmen", sagt Steed. "Nicht einmal dann, wenn ihre Taten lange zurückliegen und sie heute offensichtlich krank und hilfsbedürftig sind."

Als der California Men's Colony die Gelder ausgingen, verfielen Steed und die Leiter der Anstalt deshalb aus der Not heraus auf eine Idee, die vielleicht genauso ungewöhnlich wie eigentlich doch naheliegend war: Um demente Insassen nicht komplett sich selbst zu überlassen, bildeten sie mit deren Häftlingsgenossen einfach jene Männer zu Pflegern aus, die sowieso rund um die Uhr bei den Erkrankten waren.

Sie folgten damit einem bewährten Modell der Hochsicherheitsanstalt Angola in Lousiana, einem der größten Gefängnisse der USA, wo bereits vor einigen Jahren ein Hospiz eingerichtet wurde, in welchem Häftlinge ihre todkranken Mitgefangenen bis zu deren Lebensende pflegen.

"Die Jungs müssen wach bleiben"

In der California Men's Colony wird der demente Walter Gregory von Samuel Baxter betreut, einem Mann, der zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, weil er 1993 im Streit einen Arbeitskollegen erschoss. Baxter, 46, ein etwas untersetzter, aber austrainierter Kerl mit Strickmütze, ist einer von rund einem Dutzend Häftlingen, die sich von morgens bis abends um ihre erkrankten Mitinsassen kümmern. "Gold Coats", Goldjacken, werden sie aufgrund der gelben Hemden genannt, welche sie von den normalen Häftlingen in blauen Kleidern unterscheiden sollen.

Es ist Nachmittag, als Baxter im Aufenthaltsraum der Anstalt sitzt, um gemeinsam mit dem dementen Gregory ein Bild zu malen. Um sie herum spielen andere "Gold Coats" mit kranken Häftlingen Karten oder Tischtennis. "Die Jungs müssen wach bleiben und sich bewegen", sagt Baxter. "Wenn man sie immer wieder animiert und irgendwie ihren Kopf herausfordert, dann fühlen sie sich besser."

Baxter hat sich zum Pfleger ausbilden lassen, weil er nicht mitansehen will, wie seine dementen Mitinsassen, von denen ihn viele schon die längste Zeit seiner Haft begleiten, unbeachtet in ihren Zellen verkümmern. Sobald Gregory das Bild an diesem Tag fertiggemalt hat, wird Baxter ihm das Essen in kleine Häppchen schneiden und ihm das Wasser dazu in einer Plastiktasse anreichen. Er wird Gregory einhaken und mit ihm eine Stunde lang über den Gefängnishof spazieren. Sie werden über das Wetter sprechen und über Sportnachrichten. Gregory wird alles davon nur Minuten später wieder vergessen.

Am Abend wird Baxter ihn wieder in seine Zelle bringen und darauf achten, dass Gregory sich nur auf seiner Toilette erleichtert und nicht im Bett. Dann wird er ihn zudecken wie einen Jungen und darauf warten, bis am nächsten Morgen wieder alles von vorn beginnt. Für Baxter ist das Routine, der tägliche Job. Es sei gut, hier drinnen eine richtige Aufgabe zu haben, sagt er. "Das ist das Beste, was ich je gemacht habe."

In den USA leiden heute 5,5 Millionen Menschen an Demenz, bis 2040 werden es laut Experten doppelt so viele sein, und in Gefängnissen wie der California Men's Colony, wo Häftlinge über Jahrzehnte kaum geistig beansprucht werden, dürfte sich die Zahl der Erkrankten gar verdreifachen.

Gemalte Festung

Steed, die Psychologin, kennt diese Zahlen. Ihr Büro ist ein karger Raum im zweiten Stock des Verwaltungstrakts der California Men's Colony, nur hundert Meter Luftlinie von den Zellenflügeln entfernt. Durch das doppelt verglaste Fenster fällt der Blick auf den mit Gras bewachsenen Innenhof des Gefängnisses, wo gegen Mittag Hunderte Häftlinge in der Sonne liegen, in kleinen Gruppen spazieren gehen oder Gewichte stemmen.

"Die meisten Männer sollten eigentlich gar nicht mehr hier sein", sagt Steed. Dass es mittlerweile unmöglich sei, alle Häftlinge zu versorgen, habe vor allem damit zu tun, dass die obersten Gerichte in den siebziger und achtziger Jahren auch lebenslange Freiheitsstrafen für nichtgewaltsame Verbrechen vergeben hatten. "Straftäter sollten in der Zelle darben, bis sie sterben - Hauptsache, die Gesellschaft schien geschützt."

Nur dass sich das Justizsystem damit eines Tages auch die Betreuung zahlloser alterskranker Menschen aufhalsen würde, das habe damals keiner bedacht. Auch die "Goldjacken" der California Men's Colony erscheinen dagegen bis jetzt wie ein Tropfen auf den heißen Stein, das weiß Steed. Aber sie nennt es einen Anfang und sie hofft darauf, dass irgendwann weitere Haftanstalten dem Beispiel der California Men's Colony folgen. Schon zwei Dutzend Justizvertreter anderer Bundesstaaten hätten mittlerweile das Gefängnis besucht, um sich selbst ein Bild zu machen und abzuwägen, ob das Programm auch für ihre Anstalt die Lösung sein könnte. "Es wäre möglich", sagt Steed, "dass ihnen irgendwann gar nichts anderes mehr übrig bleibt."

Auf dem Bild, das der demente Gregory an diesem Nachmittag im Aufenthaltsraum malt, ist etwas zu sehen, das wie eine große, graue Festung oder Burg aussieht. Vor dem Eingang stehen blaue und gelbe Männchen, die sich an den Händen halten. Dem Erkrankten bekomme die Zuwendung der "Gold Coats" den Ärzten zufolge gut. Seitdem andere Häftlinge wie Samuel Baxter sich kümmerten, sei er viel ruhiger und ausgeglichener, brauche deutlich weniger Medikamente. Die Krankheit lasse sich nicht aufhalten, aber man könne sie deutlich langsamer voranschreiten lassen - auch im Gefängnis.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
a.wuechner 19.04.2014
1. was das kostet...
genauso auch hier bei und in Deutschland. Jeder Gefangene ist einer zu viel. Die verbrauchen wahrscheinlich mehr Geld als jeder Hartz 4 - Empfänger. Einfach ungerecht und nicht nachzuvollziehen. Und wenn dann noch so was wie pflegebedürftigkeit raus kommt, was eine massive Geldverschwendung.
darkview 19.04.2014
2. und wie wird es sein...
Wenn die Kranken bettlägerig werden und komplett inkontinent sind und gelagert werden müssen? Bleiben die dann auch die ganze Nacht alleine eingeschlossen und kriegen Dekubiti?
thewizardofohz 19.04.2014
3. Toll!
Wenn das keine gute Idee für ein neu auftretendes Problem ist, weiß ich es auch nicht.
ijf 19.04.2014
4. Dilemma
Also ganz ehrlich - wenn ich erfahre, dass in einem Pflegeheim, das vielleicht (eines Tages) fuer meine Mutter in Frage kaeme, demente Gewaltverbrecher untergebracht sind, wuerde ich ich auch auf dem Absatz kehrt machen und nach einer Alternative fuer meine Mutter suchen. Ich haette Angst, dass der eine oder andere, der nur noch in seiner moerderischen Vergangenheit lebt, auch die alten Agressionen wieder neu und tgl frisch durchlebt. Ich wuerde das schon fuer gefaehrlich halten. Auf der anderen Seite - ein nicht dementer "Gold Coat-Pfleger" - das waere sicher ein spannendes "highlight" fuer so manchen alten Menschen im Heim - und damit waere vielleicht auch die "Ungerechtigkeit" in den Urteilen ein wenig zu heilen. Warum die lebenslang Verurteilten, die heute "nur" noch langjaehrige Zeitstrafen bekaemen, auf Bewaehrung frei lassen. Erst zu Pflegern ausbilden, dann einige Jahre Pflegedienst an Mitinsassen und anschliessend mit der Auflage,auch draussen pflegerisch taetig zu sein, mit lebenslanger Bewaehrung freilassen?
thomasmoruss 19.04.2014
5. Einsperrwahn
typisch für die USA anstatt damit anzufangen sich die im Sicherheitswahn der 80 und 90 ausgesprochen Urteile und strafen zu prüfen und den emnschen wenigstens ein würdevollen Abschied in Freiheit zu ermöglichen lieber im Knast verecken lassen
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