Der dramatisch inszenierte Moment kommt nach 22 Minuten. Diane Sawyer, Interview-Star des US-Senders ABC, legt den Kopf schräg, verzieht übertrieben den Mund und fragt bebend: "Hast du Meredith Kercher ermordet?"
Amanda Knox starrt. Schweigen. Und Schnitt: Werbepause für das Rheumamittel Enbrel.
Hast du Meredith Kercher ermordet? Um diese eine Frage dreht sich immer noch alles. Die Prozesse, die Memoiren und jetzt also das TV-Interview - das erste nach ihrem spektakulären Freispruch und dem sensationslüsternen Spektakel vor - und nachher. Obwohl jeder weiß, was Knox antworten wird, sie hat es ja schon so oft beteuert. Vor Gericht, in ihren Memoiren und jetzt also auch im Interview, am Dienstag zur besten Sendezeit.
Doch natürlich antwortet Knox erst nach der Werbung. Zuschauer müssen gebannt, Sponsoren bedient, Quoten gehalten werden. Danach kündigt Musik Sawyers zweiten Anlauf an: Hast du Meredith Kercher ermordet? "Nein." Warst du in jener Nacht dabei? "Nein." Gibt es sonst noch etwas, das die Polizei nicht weiß? "Nein."
Und dabei könnte man es eigentlich belassen.
Aber hier geht es um Amanda Knox: 2009 als US-Austauschschülerin in Italien wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher zu 26 Jahren Haft verurteilt. Ein Berufungsgericht hob den Schuldspruch 2011 auf, Knox kehrte heim - nach 1427 Tagen im Gefängnis. Doch sie blieb ein Rätsel. Eine leere Maske, auf die Beteiligte wie Unbeteiligte ihre eigenen Gefühle projizierten: verteufelt, verhasst, verklärt.
Dinge richtigstellen
"So viel ist über diesen Fall und über mich gesagt worden", klagt Knox in ihren Memoiren "Waiting to Be Heard", die parallel am Dienstag erschienen sind. Sie klagt in so vielen Sprachen, in so vielen Büchern, Artikeln, Talkshows, Nachrichten, Dokumentationen und sogar einem Fernsehfilm. Jetzt sei es endlich Zeit, dass sie rede, "um die Dinge richtigzustellen".
Das tut sie, auf 461 Seiten und akribischer, als einem oft lieb ist. Immerhin soll sie dafür vier Millionen Dollar bekommen haben. Das flankierende Interview mit Sawyer - gefolgt von mehr Clips im Spätprogramm "Nightline", einem Auftritt in der Frühstücksshow "Good Morning America" und in den Abendnachrichten an diesem Mittwoch - soll nun offenbaren, was selbst ein Buch nicht zeigen kann: Amanda Knox' wahres Gesicht.
Das wacklige Doppel-Alibi
Doch sie widersetzt sich dem in den USA üblichen Begehr nach charismatischer Charakterisierung. Verweigert die großen Gefühle, bleibt unentschlüsselbar. Trotz aller Bemühungen von ABC, sie mit Heimvideos und Synthesizer-Soundtrack menschlicher erscheinen zu lassen. Auch faktisch gibt es nichts Neues. Also bleibt einem nur, auf Knox' Gebaren zu starren.
Sie redet stockend, scheu und meist nüchtern, als stünde sie noch unter Schock. Lipgloss ist das einzige Anzeichen von Kosmetik. Eine nette junge Frau, werden die einen da sagen; die anderen: kalkuliertes Understatement.
Die Mordnacht: Wo war Knox? Bei ihrem damaligen Freund Raffaele Sollecito, der dann ursprünglich als Mittäter zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. "Wir blieben zu Hause, aßen zu Abend, guckten einen Film." Das wacklige Doppel-Alibi, auch das ist nicht neu.
Nicht verstanden, "was auf dem Spiel stand"
Knox beschreibt ihren Schock, als Kercher mit durchschnittener Kehle aufgefunden wurde. Ihre Verwirrung, ihr seltsames Verhalten, das die Behörden misstrauisch machte - Kichern, Küsse, Dehnungsübungen. Reine Nervosität, beteuert sie, aber: "Ich hätte sensibler sein können." Doch Unsensibilität ist ja kein Indiz.
Und ihr "Geständnis", mit dem sie erst auch einen Unschuldigen beschuldigt hatte, den Barbesitzer Patrick Lumumba? Da wird sie auf einmal ganz hart. Das habe ihr die Polizei mit Drohungen in den Mund gelegt: "Wenn nicht, würde ich meine Familie nie wiedersehen." Das stundenlange Verhör habe sie "vernichtet". Sie habe in jenem Chaos nicht verstanden, "was auf dem Spiel stand", schreibt sie in dem Buch.
Das Trauma der Prozesse, der Schock des Urteils, der Horror der Haft, der sie fast zum Selbstmord getrieben habe: "Es hat unglaublich wehgetan", sagt sie. "Es war, wie durch ein Feld aus Stacheldraht zu kriechen."
Weshalb sie das alles nun vor den Kameras noch mal auf sich nehme? "Ich möchte wieder als Mensch in Betracht gezogen werden."
Unschuldiges Mädchen oder eine kalte Killerin?
Doch viele Zuschauer dürften enttäuscht sein. Dabei hatte Sawyer sie zuvor mit viel Hype eingepeitscht: "Was sehen Sie in diesem Gesicht? Ein unschuldiges amerikanisches Mädchen - oder eine kalte und wilde Killerin?"
Diese Fragen werden nun erneut hochkochen: Der Oberste Kassationsgerichtshof in Rom hat entschieden, dass der Fall neu verhandelt werden muss. Diesmal aber ist Knox gerüstet: "Ich kann jetzt keine Angst mehr haben", sagt sie fest. "Ich muss bereit sein, zu kämpfen."
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