Neues Verfahren gegen Amanda Knox: Von der Femme fatale zur Heiligen
"Engel mit Eisaugen" wurde sie genannt - nun prüft ein italienisches Gericht erneut, ob Amanda Knox die britische Studentin Meredith Kercher tötete. Einen wichtigen Sieg hat Knox allerdings schon vor der Verhandlung errungen: Ihr Killer-Image verkehrte sie gekonnt ins Gegenteil.
Hamburg - Schmal ist sie geworden, fast schon zerbrechlich. Sie ist dezent geschminkt, trägt ein Pastellkleidchen ohne Dekolleté. Dann sagt Amanda Knox mit zitternder Stimme: "Ich hoffe, dass sie meiner Unschuld eine Chance geben." Es ist die Antithese einer Femme fatale, die Ende September auf dem Sessel der "Today"-Show sitzt.
Ob sie unschuldig ist, wird sich ab Montag vor einem Gericht in Florenz zeigen. Dort wird der Prozess um den Tod der britischen Studentin Meredith Kercher erneut aufgerollt (Lesen Sie hier die Chronologie zum Fall). Im Fokus des Verfahrens stehen erneut Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito. Keiner der beiden wird persönlich auf der Anklagebank Platz nehmen. Aus Angst, wie sie sagen, schließlich seien sie ja schon einmal zu Unrecht verurteilt worden.
Die italienischen Ermittler werden zum vierten Mal die Indizien überprüfen. Vom Kassationsgerichtshof sind sie angehalten, die Details "im Großen und Ganzen" zu betrachten. Doch egal, wie die Richter entscheiden - Knox hat schon vor Prozessbeginn einen großen Sieg errungen: Sie hat ihr Image der sexbesessenen Studentin in das eines barmherzigen Opfers gewandelt.
Nach der gewaltigen Imagekampagne inklusive Biografie und mehrerer groß zelebrierter Interviews im US-Fernsehen, scheint die 26-Jährige ihre Auftritte als unschuldig Verurteilte perfektioniert zu haben. Wenige Tage vor Prozessbeginn in Florenz tritt sie zur besten Sendezeit im US-Fernsehen auf. Regelmäßig spricht sie - in fließendem Italienisch - mit den Medien in Italien. Es gibt die heruntergeschlagenen Augen, die Schluchzer in der Stimme, den "Ich-fühl-mich-nicht-wohl-darüber-zu-reden"-Blick.
Teil dieser neuen Strategie: Barmherzigkeit und Vergebung für das, was man ihr angetan habe. "Ich kann die Ermittler verstehen, sie standen unter großem Druck", sagte sie dem italienischen Wochenmagazin "Oggi". Sobald sie ihren Fehler eingestehen würden, werde sie ihnen vergeben.
Und auch für Kerchers Familie, die Knox nach wie vor für den Tod ihrer Tochter verantwortlich macht, hat sie nichts als Verständnis übrig. Wer ein Kind verloren habe, könne die Sachlage nicht logisch betrachten, sei zu emotional. "Ich hoffe, dass sie mit der Zeit verstehen können, dass sie meiner Unschuld eine Chance geben", sagte sie im "Today"-Interview.
Kerchers Eltern lehnten diese Annäherungsversuche ab. Zuletzt verbaten sie Knox, das Grab ihrer Tochter zu besuchen. "Fast unerträglich" seien Knox' Äußerungen, sagte der Anwalt der Familie der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. "Sie denkt immer nur an sich, dabei wäre auch Respekt vor dem Opfer angebracht."
Knox und Sellecito stehen nach eigener Aussage in Kontakt miteinander, Fotos zeigten die beiden im Sommer vertraut bei einem gemeinsamen Treffen in New York. Mit dem Näherkommen des Prozesses rückten beide auch in der Öffentlichkeit wieder zusammen.
Fiktiver Brief an ihre ungeborene Tochter
Sie sagt, er sei unschuldig, er sagt, sie sei unerfahren im Bett gewesen - Aussagen, die vermutlich die Theorie der eskalierten Sexspiele entkräften sollen. Denn diese These soll überprüft werden. "Die Möglichkeit, dass Kercher während eines Gruppensex-Spiels getötet wurde, muss nochmals untersucht werden", hieß es vom Kassationsgericht. Die Staatsanwaltschaft war stets davon ausgegangen, dass Kercher von Knox, Sollecito und dem Ivorer Rudy Guede getötet wurde. In dem Szenario soll Knox das Opfer mit einem Messer misshandelt haben.
Die Schadensbegrenzungsbemühungen von Knox gipfelten in einem fiktiven Brief an ihre ungeborene Tochter - falls sie lebenslänglich im Gefängnis säße.
Dass sie erneut verurteilt wird, hält sie selbst allerdings für sehr unwahrscheinlich. Auf einer Skala von 1 bis 10 sei ihr Fall eine sichere 9, sagte sie in der "Today"-Show. Eine kleine Unsicherheit bleibe bestehen, sie sei schließlich schon einmal fälschlicherweise verurteilt worden. Ihre Anwälte stünden nicht mit den amerikanischen Behörden in Kontakt. "Das liegt daran, dass sie überzeugt sind, dass wir diese Sache gewinnen können."
Selbst wenn Knox für schuldig befunden wird, gehen Rechtsexperten nicht davon aus, dass die USA sie ausliefern - auch wenn das zu diplomatischen Verstimmungen führen würde. Denn laut der amerikanischen "Double Jeopardy"-Regel kann jemand, der einmal für eine Sache verurteilt wurde, nicht noch mal verurteilt werden.
Und wenn es nun einen internationalen Haftbefehl gegen sie gäbe? Dann bleibe sie in den Staaten, sagte Knox. Sie bereite sich innerlich schon darauf vor. Es ist vermutlich nicht die schlechteste Option für sie. Knox hat im amerikanischen Boulevard eher die Position einer Kim Kardashian als die einer Mörderin; ihre Lippenstiftfarbe ist vielen wichtiger als die Details im Prozess.
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