Amnesty-Bericht Taser-Einsätze forderten Hunderte Tote

Harsche Kritik an Elektroschockern: Laut Amnesty International kamen in den vergangenen acht Jahren 334 Menschen bei Taser-Einsätzen der US-Polizei ums Leben. Die Verwendung der potentiell tödlichen Waffen müsse rigoros beschränkt werden, fordern die Menschenrechtler.


Hamburg - "Nicht-tödliche Waffen" oder auch "weiche Waffen" werden Taser in den Vereinigten Staaten genannt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnt nun aber vor den tödlichen Gefahren der Elektroschocker. "Die Elektroschocker sollten - wenn überhaupt - nur als letztes Mittel eingesetzt werden", sagte Mathias John, Rüstungsexperte von Amnesty Deutschland am Dienstag. Ein Problem solcher Einsätze sei das "hohe Missbrauchsrisiko". Auf Knopfdruck könnten den Opfern "fast ohne Spuren wieder und wieder starke Schmerzen verursacht werden".

Amnesty zufolge starben zwischen 2001 und August 2008 in den USA 334 Menschen in Zusammenhang mit Taser-Einsätzen. Die Studie der Menschenrechtsorganisation stützt sich auf 98 Autopsien und kommt zu dem Schluss, dass 90 Prozent der nach einem Taser-Einsatz Verstorbenen nicht bewaffnet waren und von ihnen häufig keine unmittelbare Bedrohung ausging.

In manchen Fällen wurde ein weiterer Elektroschock verabreicht, weil die Zielperson nach dem ersten Einsatz gelähmt war und nicht auf Anweisungen reagiert hatte. Der Vorwurf der Menschenrechtler: Die US-Polizei habe Taser auch gegen Kinder, schwangere Frauen und Menschen mit Altersdemenz eingesetzt.

In mindestens sechs Todesfällen wurde ein Taser gegen Menschen mit neurologischen Problemen eingesetzt: so beispielsweise gegen einen Arzt, der nach einem Autounfall einen epileptischen Anfall erlitt. Er starb nach mehreren Elektroschocks, nachdem er, verwirrt und benommen, den Befehlen der Polizisten nicht nachkam.

Es sei besorgniserregend, dass solche Waffen überhaupt eingesetzt würden, ohne dass es vorher umfassende und unabhängige Untersuchungen über die möglichen Auswirkungen gegeben habe, sagte Rüstungsexperte John. Dies gelte auch für Deutschland, wo die Polizei Taser in mehreren Bundesländern einsetze.

Bei einem Taser werden ähnlich wie bei einer Pistole Elektroden an einer langen Schnur abgefeuert, die am Körper des Getroffenen haften bleiben. Über die Kabelverbindung wird dann der Strom übertragen. Die Waffen setzen eine Ladung von 50.000 Volt frei. Dadurch wird das Nervensystem beeinträchtigt und der Gegner für mehrere Sekunden bewegungsunfähig gemacht.

Die Taser-Einsätze konnten in 50 Fällen als direkte oder indirekte Todesursache ausgemacht werden. In den meisten der untersuchten 334 Todesfälle hätten allerdings auch Faktoren wie Drogen eine Rolle gespielt, hieß es.

ala/AFP/dpa

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Parzival v. d. Dräuen 16.12.2008
1.
Zitat von sysopHarsche Kritik am Einsatz von Elektroschockern: Laut Amnesty International starben in den vergangenen acht Jahren 334 Menschen bei Taser-Einsätzen der US-Polizei. Muss über den Einsatz von Elekroschockern neu nachgedacht werden?
Was schlägt denn AI als Alternative vor? Gummi-Geschosse, Giftpfeile oder Wattebäusche gar? Natürlich kommen bei eskalativen Festsetzungen durch nahezu jede Waffe Menschen ums Leben.
Motorpsycho 16.12.2008
2.
Zitat von Parzival v. d. DräuenWas schlägt denn AI als Alternative vor? Gummi-Geschosse, Giftpfeile oder Wattebäusche gar? Natürlich kommen bei eskalativen Festsetzungen durch nahezu jede Waffe Menschen ums Leben.
Der Unterschied ist doch, dass die Waffe eine Ungefährlichkeit vorgibt, die sie nicht hat. Jemand der mit einer normalen Waffe schießt, weiß dass dies tödlíche Folgen haben kann und wird dies nur in Extremsituationen nutzen. So ein Taser verspricht aber, Leute ohne Verletzungen ruhig zu stellen und wird daher wohl schon bei eher kleineren Nichtigkeiten angewandt. Anders ausgedrückt: Die Streuung zwischen keiner dauerhaften Verletzung und dem Tod als Folge ist einfach größer als bei einer normalen Waffe, bei der man in jedem Fall mit ernsthaften Verletzungen rechnen muss.
touri 16.12.2008
3.
Zitat von Parzival v. d. DräuenWas schlägt denn AI als Alternative vor? Gummi-Geschosse, Giftpfeile oder Wattebäusche gar? Natürlich kommen bei eskalativen Festsetzungen durch nahezu jede Waffe Menschen ums Leben.
eskalative Festsetzung, schönes Wort... Wie dem auch sei, Taser sind eine gefährliche Waffe die oftmals zu leichtsinnig eingesetzt wird, zumal eventueller missbrauch stets straffrei für die Vollzugsbeamten auszugehn scheint. Ich hab schon Berichte gesehn wo junge, unbewaffnete Männer, die auch keine aggresiven Anstalten gemacht haben von mehren Beamten getasered wurden, und man fragt sich warum? Sind Polizeibeamte solche Schwächlinge, dass sie solche Hilfsmittel brauchen? Sind die Gummiknüpel nicht mehr hart genug? Ich denke, besonders in den USA werden Taser oftmals als Spielzeug benutzt um Frustrationen rauszulasen. Wenn dann mal jemand ernsthaft schaden erleiden sollte, dann hat er sich halt gewehrt oder ist den Anweisungen nicht gefolgt (kunststück wenn man nach dem ersten Treffer bereits gekähmt ist), psychisch krank, dement, betrunken etc. Der Taser wird halt als einfache Lösung verstanden.
Ahab, 16.12.2008
4.
Zitat von Parzival v. d. DräuenWas schlägt denn AI als Alternative vor? Gummi-Geschosse, Giftpfeile oder Wattebäusche gar? Natürlich kommen bei eskalativen Festsetzungen durch nahezu jede Waffe Menschen ums Leben.
Hallo Parzival v. d. Dräuen, ich nehme an, Sie sprechen aus Erfahrung. Vermutlich haben Sie längere Zeit einen Taser am Kopf gehabt, anders kann ich mir die Selbstverständlichkeit nicht erklären, mit der Sie feststellen, dass bei "eskalativen Festsetzungen" durch jede Waffe Menschen ums Leben kämen. Dass Sie diesem Umstand eher tolerant gegenüber stehen, entnehme ich ihrer polemischen Äußerung in den vorangegangenen Sätzen. Ich habe selbst Leute kennengelernt, die ohne eigene Gewaltanwendung bei "eskalativen Festsetzungen", wie sie es euphemistisch nennen, verletzt wurden. Ich würde jetzt aber dennoch behaupten, dass Fäuste, Gummiknüppel oder Tränengas verheerend genug wirken können. Natürlich müssen sich Sicherheitskräfte ausreichend schützen können. Aber in vielen der hervorgerufenen Todesfälle (ich beziehe mich hier auf diverse TV-Berichte)war der Einsatz völlig unangemessen. Jede Waffe hat auch eine eigene psychologische Komponente. Und die unzutreffende Verharmlosung "nicht-tötlich" ruft offensichtlich bei bestimmten Persönlichkeitsstrukturen eine geradezu bedenklich stimmende Sorglosigkeit im Umgang damit hervor. "Ach, es tut nur richtig weh. Na, dann kann ich ja nochmal...und nochmal..und nochmal.... und nochmal...hoppla! " Ich nehmen an, dass Sie das unter einer eskalativen Festsetzung verstehen. (In welcher Ausbildung haben Sie eigentlich diesen Begriff gerlernt? Gibt es da auch "robuste Befragungen"?)
Ruanes 16.12.2008
5.
Zitat von sysopHarsche Kritik am Einsatz von Elektroschockern: Laut Amnesty International starben in den vergangenen acht Jahren 334 Menschen bei Taser-Einsätzen der US-Polizei. Muss über den Einsatz von Elekroschockern neu nachgedacht werden?
Dass die jemals offiziell zugelassen wurden ist ganz klar ein eklatanter Fehler. Es ist wie üblich, Gefahren verharmlosen und leugnen. Nicht nur das immense Missbrauchspotenzial sollte denkenden Menschen Schauder über den Rücken jagen. Die Polizei muss ausgebildet werden, Gefährdungen durch Personen anders als mit vermeindlich harmlosen Elektroschockern zu begegnen. Gegebenenfalls Warnschuß, Knieschuß...alles möglich, benötigt aber Fertigkeiten und eine Umsicht, die man halt beherrschen und regelmäßig trainieren muss. Die Zulassung solcher Comicwaffen gehört sofort rückgänig gemacht. Die Dunkelziffer können Sie locker mal 300 nehmen, zur Zahl von AI.
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