Amnesty-Jahresbericht zu Hinrichtungen Der Tod als Teil der Justiz

Weltweit haben 141 Länder die Todesstrafe abgeschafft. In den anderen Staaten wurden 2016 mehr als tausend Menschen hingerichtet - und mehr als dreimal so viele zum Tod verurteilt.

Todeskandidat im Gefängnis von San Quentin, USA
REUTERS

Todeskandidat im Gefängnis von San Quentin, USA

Von


Der Mörder? Stirbt durch die Giftspritze. Die Drogenhändlerin? Wird gehängt. Der Hochverräter? Wird erschossen. Die Konvertitin? Wird geköpft. Der Tod ist in Dutzenden Ländern weltweit Teil der Strafjustiz.

Allerdings sinkt deren Zahl, wie der Jahresbericht von Amnesty International zu Hinrichtungen und Todesurteilen zeigt:

  • 104 Staaten haben die Todesstrafe komplett abgeschafft
  • 7 Staaten ermöglichen Todesurteile nur bei außergewöhnlichen Straftaten wie Kriegsverbrechen
  • 30 Staaten sehen die Todesstrafe noch gesetzlich vor, vollziehen aber keine Hinrichtungen mehr

141 Staaten haben die Todesstrafe demnach de facto abgeschafft - vor 40 Jahren waren es gerade einmal 16 Nationen.

Weltweit gibt es aber noch 57 Länder, in denen Hinrichtungen durchgeführt wurden. Für 2016 zählt Amnesty 3117 entsprechende Urteile - deutlich mehr als im Vorjahr (1998 Urteile).

Aus 23 Staaten wurden im vergangenen Jahr vollstreckte Todesurteile bekannt: Die Organisation zählte 1032 Hinrichtungen weltweit. Auf den ersten Blick ein Grund zur Hoffnung für Gegner der Todesstrafe - 2015 lag die Zahl der Exekutionen noch bei 1634.

"+" bedeutet: Todesurteile wurden verhängt oder vollstreckt. Daten genügen nicht für konkrete Zahlen.
">" bedeutet: Mindestwert. Laut Amnesty International liegt die tatsächliche Zahl wahrscheinlich höher.

Lücken in der Statistik

Tatsächlich ist es unmöglich zu sagen, ob die Hinrichtungszahlen tatsächlich gesunken sind. Denn aus manchen Staaten sind Informationen gar nicht oder nur bruchstückhaft zu bekommen. In Vietnam etwa wurden im Februar erstmals Informationen öffentlich, wonach es viel mehr Hinrichtungen gab als bislang angenommen. Von August 2013 bis Juni 2016 sollen in dem Land mindestens 429 Menschen hingerichtet worden sein.

Dass die Zahlen im Amnesty-Bericht lückenhaft sind, liegt aber vor allem an China. "Informationen zur Todesstrafe in China stehen per Gesetz als Staatsgeheimnis unter Verschluss. Die öffentliche staatliche Datenbank lässt entgegen den Behauptungen der Regierung keine Rückschlüsse darauf zu, ob die Todesstrafe in China weniger angewendet wird", sagt Alexander Bojcevic, Experte bei Amnesty International in Deutschland. Der Bericht stützt sich deshalb etwa auf Aussagen von Wissenschaftlern. Amnesty geht von Tausenden Fällen aus - demnach richtet China mehr Menschen hin als alle anderen Länder der Erde zusammen.

Weniger Hinrichtungen in den USA

Damit liegt das Land in der Hinrichtungsstatistik wie schon in den vergangenen Jahren klar auf Rang eins. Auch Iran (567), Saudi-Arabien (154), der Irak (88) und Pakistan (87) richteten viele Menschen hin. In Iran waren mindestens zwei der Getöteten zur Tatzeit minderjährig.

Gegner der Todesstrafe dürften es begrüßen, dass die USA erstmals seit 2006 nicht mehr zu den fünf Staaten mit den meisten Exekutionen zählen. Dennoch wurden in dem Land 2016 immer noch 20 Menschen hingerichtet, 2015 waren es noch 28.

Hinrichtungen seit 1976

Das ist allerdings nicht unbedingt Ausdruck eines Sinneswandels. In manchen Staaten wurden Hinrichtungen mit Klagen gestoppt, die sich auf die Vorschriften für Exekutionen bezogen. Und manche Bundesstaaten haben schlicht Probleme, Medikamente für Hinrichtungen zu beschaffen.

Bojcevic führt das auch auf den Engpass bei den Todesgiften zurück. "Die Behörden finden keinen Hersteller mehr, der ihnen das Gift liefert", sagt er. Ein Pharmaunternehmen nach dem anderen hatte in den vergangenen Jahren die Lieferung von tödlichen Wirkstoffen gestoppt. Die Europäische Union hat den Export sogar verboten.

In Arkansas etwa werden nach dem 30. April vorerst keine Todeskandidaten mehr hingerichtet, weil dann das Haltbarkeitsdatum eines für die Spritze benötigten Medikaments abgelaufen sein wird. Deshalb plant der Staat vor dem Termin acht Hinrichtungen in elf Tagen - nachdem es zuvor zwölf Jahre gar keine gab. "Wir sind natürlich entsetzt", sagt Bojcevic. "Wir hoffen natürlich, dass sich der Bundesstaat eines besseren besinnt und dass die Verurteilten nicht hingerichtet werden."

Europa ist auf der Karte der Todesstrafen-Staaten ein nahezu vollständig weißer Fleck. Doch das könnte sich ändern. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan würde die Wiedereinführung der Todesstrafe billigen, wenn das Parlament dies beschließt. In diesem Fall will die EU die Beitrittsverhandlungen mit dem Land abbrechen. Die Türkei würde sich in Europa zu dem einzigen Land gesellen, das derzeit Menschen hinrichtet: Weißrussland.

Mit Material von dpa und AFP



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.