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Amokläufer Cho Seung-Hui: Wie ein Einzelgänger zum Massenmörder wurde

Eigenbrötler, Englischstudent, Einwanderer: Cho Seung-Hui, der Amokläufer von Blacksburg, ist den Ermittlern ein Rätsel. Was trieb ihn zum Mord an 32 Studenten und Lehrkräften? Klarheit könnte eine Notiz bringen, die Fahnder in Chos Wohnheimzimmer fanden.

Blacksburg - Cho Seung-Hui, Einzelgänger, Massenmörder. Im Alter von drei Jahren kam der gebürtige Südkoreaner in die USA, lebte zuletzt in Centreville im US-Bundesstaat Virginia - und in einem Wohnheim auf dem Campus der Virginia Tech University, in Harper Hall. Er studierte Englisch im Hauptfach. Sehr viel mehr ist bislang nicht bekannt über den Mann, der das schlimmste Massaker auf einem US-Uni-Campus angerichtet hat.

Der gestrige Tag, der 16. April 2007, ist der vielleicht am besten dokumentierte im Leben des 23-Jährigen. An diesem Tag zückte er zwei Waffen und schoss sich durch den Campus seiner Uni. 32 Studenten und Lehrkräfte sind tot, etliche weitere verletzt. Schließlich feuerte er sich selbst in den Kopf.

Bloß, warum? Was trieb den 23-Jährigen zum Massenmord?

Es könne sich um ein Beziehungsdrama handeln, lauten erste Vermutungen. Sein erstes Opfer im Wohnheim West Ambler Johnston war eine Frau, angeblich seine Freundin. Nach Angaben von US-Nachrichtenagenturen handelte es sich um Emily Hilscher, 18, (siehe Fotostrecke). Bestätigt ist das allerdings offiziell noch nicht. Das zweite Opfer, Ryan Clark, war mit seinen 22 Jahren der Wohnheimsälteste, er sei der Frau zur Hilfe geeilt berichteten Augenzeugen der "New York Times". Auch dazu schweigt die Polizei. Die Website oddculture.com berichtet indes, Cho habe offenbar eine Romanze zwischen Hilscher und Clarke vermutet. Cho und Hilscher seien nicht mehr zusammen gewesen, das habe Cho nicht verkraftet. Auch dies ist allerdings nur Hörensagen.

Was wiederum gegen eine Kurzschlussreaktion spricht - möglicherweise ausgelöst durch Beziehungsstress oder Liebeskummer: Die erste Waffe, eine 9-Millimeter-Glock, kaufte er schon am 13. März. Die zweite, eine Walther P-22, dann in der vergangenen Woche. Das deutet darauf hin, dass er die Tat seit längerem geplant hat.

Nach den ersten Schüssen um 7.15 Uhr im Wohnheim West Ambler Johnston rannte Cho Seung-Hui zurück in sein Wohnheimzimmer, habe Waffen und Munition aufgefüllt. Dann sei er in Richtung des Lehrgebäudes Norris Hall gelaufen, berichtet ABC News. In seinem Zimmer soll er eine Botschaft hinterlassen haben. Eine "verstörende Nachricht", wie ABC News seine ungenannte Quelle zitiert. Gehetzt habe er in dem Schreiben gegen "reiche Kinder, Lotterleben, Scharlatane". "Ihr habt mich gezwungen, das zu tun."

Die neusten Gerüchte: Er habe Medikamente gegen Depressionen geschluckt, sei zunehmend aggressiv geworden. Die "Chicago Tribune" berichtete, Cho sei in letzter Zeit durch seltsames Verhalten aufgefallen. Er sei "aggressiv und verwirrt" aufgetreten, habe Frauen nachgestellt und in einem Wohnheim Feuer gelegt, erfuhr die Zeitung von Ermittlern. Die Polizei schweigt offiziell bislang dazu.

Fest steht: Zwei Stunden nach den ersten Morden metzelte Cho in Norris Hall 30 Menschen nieder.

Im Vorlesungstrakt für Ingenieurfächer wütete er in mindestens vier Seminarräumen, schoss wild um sich. Gegen 9.45 Uhr fielen dort die ersten Schüsse. Die Türen der Norris Hall waren von innen mit Ketten versperrt, vermutlich durch den Täter.

Auch auf der Treppe fanden Polizeikräfte Leichen. Ein behandelnder Arzt aus einem der regionalen Krankenhäuser sagte CNN, alle Opfer hätten mindestens drei Schusswunden gehabt. Er nannte die Verletzungen "beträchtlich".

Der mutmaßliche Täter selbst tötete sich in einem der Seminarräume. Anhand der Fingerabdrücke auf den Waffen und Einreise-Unterlagen wurde Cho Seung-Hui überführt.

Nach Polizeiangaben verwendete der Amokläufer eine 9-Millimeter-Pistole des Herstellers Glock und eine Walther vom Kaliber .22. In Chos Rucksack wurde eine Quittung über den Kauf einer 9-Millimeter-Handfeuerwaffe gefunden. 571 Dollar soll die Waffe inklusive Munition gekostet haben. Laut "Chicago Tribune" besorgte sich Cho die Schusswaffen erst kurz vor der Tat. Die Neun-Millimeter-Pistole habe er sich erst am Freitag gekauft, berichtete ABC. Wenig später habe er sich noch die andere Waffe zugelegt. In seinem Rucksack habe sich weitere Munition befunden.

Die Patrone vom Kaliber 9 Millimeter Parabellum gilt als weltweit am weitesten verbreitete Pistolenmunition. Sie wurde 1902 von den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) eingeführt. Halbautomatische Pistolen und Maschinenpistolen des Kalibers 9 Millimeter gehören zur Standardausrüstung von Polizei- und Militäreinheiten weltweit. Munition vom Kaliber .22 (5,6 Millimeter) wird auch als Kleinkalibermunition bezeichnet. Sie findet oft in Wettkampfwaffen und bei der Kleintierjagd Verwendung. Trotz seines kleinen Durchmessers kann das Geschoss auf kurze Distanz aber auch größere Tiere und Menschen töten.

Nach Augenzeugenberichten stürmte der Schütze in einen Seminarraum und gab in eineinhalb Minuten 30 Schüsse ab. Zuerst habe er einem Professor in dem Kopf geschossen, dann habe er die Waffe auf die Studenten gerichtet. "Er war sehr ruhig, schien aber sehr darauf bedacht zu sein, auch wirklich jeden zu treffen", erzählt die Studentin Erin Sheehan später, die den Amoklauf als einzige von 25 Studenten, die in diesem Raum waren, unverletzt überlebte. Nach ihrer Schilderung kam der Täter zwei Mal in den Raum, in dem sie gerade einen Deutsch-Kurs hatten. "Er hat einfach angefangen zu schießen, ich habe mich einfach nur tot gestellt."

Die Theorie von einem möglichen zweiten Täter wird immer unwahrscheinlicher: Laut Polizei hat die ballistische Untersuchung ergeben, dass mindestens eine der beiden Waffen an beiden Tatorten, Norris Hall und West Ambler Johnston, benutzt wurde. Dass Cho wirklich ein Einzeltäter war, sei allerdings auch noch nicht zweifelsfrei bewiesen.

Chos Eltern leben in Centreville nahe der Bundeshauptstadt Washington, über 700 Kilometer vom Tatort entfernt, und sollen eine Reinigung betreiben. Der Sender CNN zeigte Bilder des makellos gestrichenen zweistöckigen Reihenhauses der Familie. "Cho war sehr ruhig, hat sich immer von anderen ferngehalten", zitierte die "Chicago Tribune" einen Nachbarn. Briefträger Rod Wells, der die Familie seit langem mit Post beliefert, beschrieb Mutter und Vater als stets freundlich und höflich. "Keine Eltern verdienen so etwas", sagte er sichtlich erschüttert.

Nach der Bluttat wächst nun der öffentliche Druck auf Hochschulleitung und Polizei. Kritische Fragen werden laut: Wie konnte es sein, dass der Todesschütze nicht früher gestoppt wurde?Warum ließ man die Studenten im Ungewissen? Noch gibt es kaum Antworten.

"Ich denke, sie hätten die Vorlesungen viel früher absagen müssen", sagte ein Student namens Sam Leake dem Hochschulmagazin der Virginia Tech, "dann hätten vielleicht ein paar dieser Morde verhindert werden können." Billy Bason, der ebenfalls im Wohnheim lebt, geht sogar noch weiter: "Die Universität hat Blut an ihren Händen, weil sie nach den ersten Schüssen nicht reagiert hat", kritisiert auch der 18-Jährige.

ffr/Reuters/AFP/dpa/AP

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