Amokläufer David S. Einsam, krank und fest entschlossen

Der Münchner David S. hat neun Menschen erschossen. Was trieb den 18-jährigen Jungen zu seinem blutigen Amoklauf? Eine Spurensuche im Leben eines Einzelgängers.

Polizei am Tatort in München
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Polizei am Tatort in München


Am Freitag, den 22. Juli 2016, sterben auf dem Gelände des Olympia-Einkaufszentrums in München neun Menschen - hingerichtet vom 18-jährigen Deutsch-Iraner David S.

Wer war der Mann, der sich noch am gleichen Abend selbst umbrachte? Zwei Tage nach der Bluttat sind noch immer viele Fragen offen. Doch aus dem, was man bisher weiß, ergibt sich das Bild eines einsamen jungen Menschen mit schweren psychischen Problemen, dessen Leben schon seit Langem auf die schreckliche Tat zusteuerte.

Seine Herkunft: Einwandererkind aus dem Hasenbergl

Ende der Neunzigerjahre wird David. S. in München geboren. Seine Eltern sind kurz zuvor aus Iran nach Deutschland gekommen. David S. wächst im Hasenbergl auf, einem Problemviertel mit hohem Migrantenanteil. Wer hier wohnt, hat selten große Perspektiven.

Dennoch scheint es, als könnte sich seine Familie in München ein Leben aufbauen. Der Vater arbeitet als Taxifahrer, die Mutter als Verkäuferin. Neben David haben sie noch einen Sohn, der vier Jahre jünger ist.

Sein Leben: Mobbing-Opfer und Ego-Shooter

David besucht zunächst die Mittelschule in der Toni-Pfülf-Straße. Schon dort wird er gemobbt, heißt es. Er ist ein Einzelgänger, hat offenbar kaum Freunde. Laut Staatsanwalt kommt es 2012 zu einem Jugendverfahren, weil David auf dem Nachhauseweg von der Schule von drei Jugendlichen angegangen und gehänselt wird.

Später wechselt David S. an die Alfonsschule im Stadtteil Neuhausen, einer gutbürgerlichen Gegend. Mit seinen Eltern wohnt er jetzt ganz in der Nähe, in einer Sozialwohnung in den sogenannten Nymphenburger Höfen. Die Wohnanlage in der Maxvorstadt ist erst 2012 neu eröffnet worden; zu ihr gehören sowohl teure Penthouse-Wohnungen mit Alpenblick als auch Sozialwohnungen - diese Mischung ist eine Vorgabe der Münchner Bauverordnung.

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Gewalttat in München: Schrecken am Olympia-Einkaufszentrum

Auch auf der Alfonsschule hat David S. Probleme mit seinen Mitschülern. "Er hatte überhaupt niemanden in der Klasse, der sich mit ihm abgegeben hat", sagt ein Bekannter. Seine "Singsangstimme" habe alle genervt, er habe Namen immer "blöd ausgesprochen". Auch wegen seines "komischen Gangs" habe man sich lustig gemacht, er habe das linke Bein so merkwürdig aufgesetzt.

In der Nachbarschaft gilt David als verschlossen. Er habe Werbezeitungen verteilt, berichten Nachbarn, doch die Blätter seien stapelweise im Altpapier verschwunden.

David flüchtet sich mehr und mehr in die Welt der Computerspiele. Vor allem der Ego-Shooter Counter-Strike hat es ihm angetan. Laut einem Mitspieler meldet er sich in Chats unter Namen wie "Amokläufer" und "Hass" an. Dort lebt er offenbar auch seine Wut auf die Türken aus. Er habe "Türkei =ISIS" gepostet und die rechtspopulistische AFD verehrt, berichtet der Mitspieler. Im vergangenen Winter sei der Kontakt abgebrochen.

Zu diesem Zeitpunkt ist David längst in psychiatrischer Behandlung. Im Sommer 2015 verbringt er laut Staatsanwaltschaft zwei Monate in einer stationären Einrichtung. Auch danach wird er ambulant weiterbehandelt, bekommt Psychopharmaka verordnet. David leidet offenbar nicht nur unter Depressionen, sondern auch unter einer sozialen Phobie, Begegnungen mit Fremden versetzen ihn in Angstzustände. Noch im Juni 2016 sucht er offenbar einen Arzt auf.

Sein Motiv: Der klassische Amokläufer

Ein genaues Motiv für den Amoklauf lässt sich kaum erkennen. Doch David S. war, auch wenn es zynisch klingt, wohl so etwas wie ein Amokläufer aus dem Lehrbuch. "Er passt von Persönlichkeit und Verhaltensweisen", sagt Forscherin Britta Bannenberg von der Universität Gießen.

Die Kriminologin hat in einem gerade abgeschlossenen Projekt 35 Fälle von Amoktaten seit 1992 untersucht. Die Täter waren in der überwiegenden Mehrzahl junge Männer. Und sie waren oft so, wie David S. jetzt beschrieben wird: Ein sonderbarer Einzelgänger, psychisch auffällig, bestimmt von Wut und Hass - und von Rachegedanken. Und ohne brauchbare soziale Kontakte. "Diese Menschen steuern auf einen schwarzen Tunnel zu", sagt Bannenberg.

Experten warnen davor, die mutmaßliche Depression des Täters zum Auslöser der Bluttat zu erklären. "Mit großer Sicherheit kommt eine Depression des Täters als Ursache für den Amoklauf in München nicht infrage", meint Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. "Wir sehen es mit großer Sorge, wenn Depressionen mit Gewalttaten in Verbindung gebracht werden." Dies sei vom Krankheitsbild her nicht gerechtfertigt.

Video: "Depressive dürfen nicht stigmatisiert werden"

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Auch Davids Faible für waffenstrotzende Computerspiele wie "Counter-Strike" lassen sich nicht einfach als Grund für seinen Amoklauf ausmachen. "Ego-Shooter sind nicht die Ursache solcher Taten", sagt Forscherin Bannenberg. "In ihrer Persönlichkeitsentwicklung bereits gestörte Jungen gehen mit ihren Aggressionen dort hinein."

Sein Plan: Vorbild Breivik

Spätestens seit 2015 ist David S. fasziniert von Amokläufen. Er recherchiert im Internet, sammelt Zeitungsartikel und besorgt sich das Buch "Amok im Kopf - warum Schüler töten" (Lesen Sie hier ein Interview mit dem Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der das deutsche Vorwort zum Buch geschrieben hat.).

Im Sommer vergangenen Jahres fährt er nach Winnenden. In dem baden-württembergischen Städtchen hat sechs Jahre zuvor der 17-jährige Tim K. seine ehemalige Realschule gestürmt und um sich geschossen. Insgesamt tötete er bei seinem Amoklauf 15 Menschen - und am Ende sich selbst. David S. scheint fasziniert von Tim K., besucht die Tatorte und fotografiert sie. Die Polizei findet die Bilder später auf seiner Kamera.

Auch das Attentat von Anders Breivik hat es David S. offenbar angetan. Der rechtsradikale Norweger hatte am 22. Juli 2011 auf der Insel Utøya ein Jugendzeltlager angegriffen und dabei 69 Menschen getötet. Vorher hatte er ein Manifest dazu geschrieben.

Video: Neue Erkenntnisse - Waffe stammt aus Darknet

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Im Sommer 2015 beginnt David S. offenbar konkret mit Planungen für einen eigenen Anschlag. Auch er schreibt an einem Manifest, dass die Polizei später auf seinem Computer findet.

Im Mai 2016 legt er ein Facebook-Profil mit dem Namen Selina Akim an. Das Profilfoto zeigt ein hübsches, südländisch aussehendes Mädchen

Am 22. Juli 2016, genau fünf Jahre nach dem Breivik-Attentat, postet die vermeintliche Selina eine Nachricht auf Facebook: "Kommt heute um 16 Uhr ins Meggi am OEZ ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer". Auch per Messenger verschickt sie die Einladung. Ob ihr jemand folgt, ist unklar.

Am Nachmittag macht er sich, ganz in schwarz gekleidet, auf den Weg zum Schnellrestaurant vor dem Einkaufszentrum, wo auch seine Mitschüler und "Counter-Strike"-Mitspieler oft Zeit verbringen. Mit dabei hat er eine Pistole der Marke Glock vom Kaliber 9 Millimeter, die er sich im sogenannten Darknet beschafft hat, einem Schlupfwinkel des Internets, in den man nur mit einer speziellen Software gelangt. In seinem Rucksack liegen 300 Schuss Munition.

Gegen 17:50 Uhr gehen bei der Polizei erste Meldungen über eine Schießerei ein. Wenige Minuten danach sind neun Menschen tot. Knapp drei Stunden später stirbt auch David S..

Im Video: Chronologie eines Amoklaufs

stk/chs/cnm/jul/jdl

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