Amokläufer von Emsdetten Die wirre Welt des Sebastian B.

Er war einsam, frustriert, verzweifelt - und voller Hass. Sebastian B. sah keinen Sinn mehr in seinem Leben. Doch er wollte die, denen er dafür die Schuld gab, mit in den Tod reißen - und sich mit einem finalen Showdown rächen. Porträt eines Jugendlichen, der nach Aufmerksamkeit gierte.

Von , Emsdetten


Emsdetten - Heute sollte Sebastian B. vor dem Jugendgericht in Rheine erscheinen - zur Hauptverhandlung wegen unerlaubten Besitzes einer Walther P38-Pistole. Stattdessen wird heute sein Leichnam von Rechtsmedizinern obduziert.

Der 18-Jährige hatte den Amoklauf in seiner alten Schule in Emsdetten lange im Voraus geplant: Er wollte es denen, die ihn belächelt und gedemütigt hatten, zeigen. Seine ehemaligen Mitschüler und Lehrer überraschen, schockieren - und mit in den Tod reißen. Aus Rache. Ausgestattet mit zwei abgesägten Gewehren, zwei weiteren Waffen, einem Messer am Hosenbein, drei Rohrbomben am Körper, zehn weiteren und einem Molotowcocktail im Rucksack - vermummt mit Handschuhen und Gasmaske.

"Es war klar, dass der irgendwann mal austickt, so wie der geredet hat", sagt Jens (Name geändert) SPIEGEL ONLINE. Der 17-Jährige kannte Sebastian B. und dessen bedingungslosen Hass auf seine Umgebung. Woher und ob auch er Gefallen an perversen Rollenspielen mit Hinrichtungsszenen oder anderen gewaltverherrlichenden Spielen hat, will er nicht verraten. Der Verdacht liegt nahe.

Sebastian B., den alle nur Bastian nannten, galt als internetsüchtig und soll den ganzen Tag vor dem Computer gesessen haben. Er spielte den Horror-Shooter "Doom 3", in dem man in einer Science-Fiction-Welt auf Gruselmonster schießt, und angeblich auch "Counter Strike", einen sogenannten taktischen Shooter, in dem sich Teams von "Terroristen" und "Polizisten" gegenseitig bekämpfen - Grund genug für etliche Politiker, erneut eine Debatte um Killerspiele loszutreten. In Webforen und auf seiner Homepage nannte sich B. selbstgefällig "ResistantX" und versteckte sich hinter brutalen Gewaltphantasien.

"Damit mich nie wieder ein Mensch vergisst"

Das Haus seiner Eltern, in dem er lebte, verließ er am liebsten in seinem alten Opel Astra, im langen, schwarzen Mantel. Seine eisblauen Augen sah man selten wegen der dunklen Brillengläser. Gerne posierte er für seine eigene Digitalkamera, präsentierte seine Selbstporträts in martialischer Pose im Netz. Der Waffennarr stellte Kriegsszenen nach - mit Springerstiefeln, schwarz lackierten Fingernägeln und Softair-Pistolen, unterlegt mit aggressiver Musik und grölenden Texten.

Manchmal leisteten ihm "Bekannte" dabei Gesellschaft. Als Freunde von Sebastian wollen sie - zumindest jetzt nach dem Amoklauf - nicht bezeichnet werden. Es klingt eher nach einer Zweckverbindung, wenn sie erzählen, sofern sie sich überhaupt äußern. Die Eltern eines Spielgefährten dementieren auffällig penetrant, ihr Sohn habe "diesen Amokschützen" gekannt.

Die kleine Szene, in der sich Sebastian B. bewegte, ist schockiert, dass er sein angekündigtes Blutbad in die Tat umsetzte. Keiner von ihnen scheint dem 18-Jährigen diesen Amoklauf zugetraut zu haben.

Außer Jens. Ihm gegenüber hat sich Sebastian B. nie verstellt. Seine Worte auf seiner inzwischen gesperrten Homepage überraschen den 17-Jährigen nicht. Sebastian B. schreibt dort: "Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle sterben. Ich habe mir Rache geschworen! Diese Rache wird so brutal und rücksichtslos ausgeführt werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!"

Jens zu SPIEGEL ONLINE: "Der hatte einen Riesenhass auf die Welt. Auch auf seine Schule, die Lehrer, was weiß ich. Der hat gekocht vor Wut." Einen Teil seiner Aggressionen entlud er beim Hören von Death-Metal-Musik - und träumte von einer Karriere bei der Bundeswehr. "Das fand er cool, mit Uniform oder Kampfanzug in die Schlacht zu ziehen. Er hat ja auch privat gern einen Tarnanzug angezogen, hat ja auch niemanden gestört", sagt Jens. In der Schule dagegen trug er meist schwarze Klamotten. "Ich kenne ihn nur ganz in Schwarz gekleidet", sagt sein ehemaliger Sportlehrer Gerd Endemann. Auch er lernte ihn als "verschlossenen Menschen" kennen.

Schüchtern im Pausehof

Sebastian B. war ein Außenseiter - und gefiel sich in dieser Rolle. "Er sprach kaum mit jemandem, stand immer alleine auf dem Schulhof rum", sagt ein Absolvent der Geschwister-Scholl-Schule SPIEGEL ONLINE. "Es war nicht so, dass er mit Absicht ausgegrenzt wurde. Mir schien immer, er lege auch gar keinen Wert darauf." Vielleicht lag es aber auch daran, dass der Junge aus gutem Hause in der 7. und in der 8. Klasse sitzen geblieben war, sich insgeheim dafür schämte und sich von den wechselnden Mitschülern ausgeschlossen fühlte.

Den Ausgleich fand er in seiner virtuellen Welt, in die er nur wenigen Einblicken gewährte. "Ich glaube, seine Mutter und sein Vater wussten gar nicht, was der so treibt", vermutet Jens. "Der hat eine Map angelegt von der Schule und ist da immer durchgelaufen." Ein virtueller bewaffneter Spaziergang durch die ehemalige Realschule? "Ich denke mal, ohne Munition hätte es für ihn keinen Sinn gemacht."

Hat Sebastian B. je den Amokläufer Robert Steinhäuser erwähnt, der am 26. April 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst tötete? Einmal, ja. Da hatten sie darüber gesprochen, dass die Polizei seither selbst virtuelle Amokläufe inszenieren würde, um für solche Fälle besser gerüstet zu sein. Wollte Sebastian B. die Menschen töten, die er angriff? "Keine Ahnung", sagt Jens gleichgültig.

Schüchtern habe er gewirkt, wenn er so alleine in der Pause im Hof gestanden habe, erinnern sich einige Mädchen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dabei war Sebastian B. alles andere als schüchtern, wenn es darum ging, seine bedingungslose Wut ins World Wide Web hinauszuposaunen. "Diese Angst schlägt so langsam in Wut um. Ich fresse die ganze Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen, und mich an all den Arschl**hern zu rächen, die mir mein Leben versaut haben!", schreibt er im Juni 2004 im Internet und legt nach: "Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!"

"Ich hasse es, immer der Doofmann zu sein"

Keiner weiß, warum er nicht schon damals - als er noch Realschüler war - seinen Amoklauf durchexerzierte. So machte er, trotz zweimaliger Ehrenrunde, im vergangenen Jahr einen passablen Abschluss - mit einer Eins in Mathematik. An einer Schule, die keineswegs als Problem- oder Brennpunktschule gilt. Ob Sebastian B. Kontakte zu Extremisten-Organisationen hatte, ist nicht bekannt.

Trotz guter Zensuren: Die grenzenlose Wut auf die Schule blieb. "Ich hasse es, ich hasse es, immer der Doofmann für alle zu sein. Ich hasse es, immer als Depp hingestellt zu werden. Ich hasse es, immer das Individuum zu sein, welches als überflüssig erscheint", schrieb er in einem Abschiedsbrief, den er kurz vor seiner Tat ins Internet stellte. Besonders den Lehrern galt seine Verachtung: "Denn das sind die Menschen die gegen meinen Willen in mein Leben eingegriffen haben, und geholfen haben mich dahin zu stellen, wo ich jetzt stehe; auf dem Schlachtfeld!" Außerdem schreibt er: "Das einzige, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin."

Kriminalpsychologe Rudolf Egg bezeichnet Sebastian B.s Abschiedsbrief als "erschütterndes Dokument", ein letzter Appell an seine Umwelt, ein letzter Strohhalm, dass er vielleicht doch aufgehalten werden wollte. Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer sieht als Auslöser für die Tat "allgemeinen Lebensfrust".

Nachbarn unter Schock

Hinzu kam wohl noch Liebeskummer. "Das Thema Mädchen machte ihn immer aggressiv, da haben wir nie drüber gesprochen", sagt Jens. Immerhin sei man ja auch "nicht wirklich befreundet" gewesen. Doch der 17-Jährige glaubt dennoch zu ahnen, dass Sebastian B.s Abneigung gegenüber "Modepüppchen", wie er sie auf seiner Webseite titulierte, auch für unerwiderte Flirtversuche spräche.

Wie sein Verhältnis zu seinen Eltern war, ist nicht bekannt. Sein Vater, mit dem er oft zur Jagd ging, ist Postbote, seine Mutter Hausfrau. Beide brachen unter der Wucht der unfassbaren Nachricht zusammen, erlitten einen schweren Schock und mussten ins Krankenhaus. Auch seine beiden jüngeren Geschwister, ein 16 Jahre alter Bruder und eine 15-jährige Schwester, werden von Seelsorgern betreut. Keiner der Angehörigen konnte bisher vernommen werden.

Die Nachbarn stehen ratlos vor dem abgesperrten, rot verklinkerten Einfamilienhaus, umrahmt von dichten Hecken. Sie sind schockiert, einige schütteln weinend den Kopf, als auch in der Garage Sprengsätze entdeckt und entschärft werden müssen. "Der wollte wohl einmal so richtig auffallen", sagt eine Anwohnerin zu SPIEGEL ONLINE. "Hätten gerade wir das merken müssen?"



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