Psychogramme von Schulattentätern Auffällig unauffällig

Sie sind unscheinbar, vielleicht etwas eigenbrötlerisch, mehr nicht. Dann töten sie Dutzende Menschen, das Entsetzen ist groß, der Schrecken unbeschreiblich. Wie werden Jugendliche zu sogenannten School Shootern, was eint die Täter?

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Hamburg - Sie waren unauffällig, Einzelgänger. Niemals hätten ihnen Mitschüler und Bekannte eine solche Tat zugetraut. Nicht Adam Lanza, der an diesem Freitag in Newtown 27 Menschen und sich selbst erschoss (hier finden Sie die bisher bekannten Fakten zu dem Verbrechen und hier den Tathergang, wie Augenzeugen ihn schildern). Nicht Tim K., der in Winnenden 15 Menschen und sich selbst tötete. Nicht Cho Seung Hui, der in Blacksburg 32 Studenten und sich selbst erschoss. Nicht Eric Harris und Dylan Klebold, die in Littleton an der Columbine High School zwölf Schüler, einen Lehrer und sich selbst töteten. Nicht Matti-Juhani Saari, der in Kauhajoki zehn Berufsschüler und sich selbst umbrachte. Sie alle galten bis zur Tat als unauffällig, höchstens als Einzelgänger.

Was aber eint sie, außer der Ungläubigkeit des Umfelds nach der Katastrophe? Was lässt vor allem junge Männer zu sogenannten School Shootern werden?

Tatsächlich ist die Unauffälligkeit der Jugendlichen bezeichnend. Es gibt wenig Einigkeit innerhalb der Kriminologie, was junge Männer zu Tätern werden lässt. Fest steht aber: Keiner der Täter war vorher polizeibekannt, keiner schwer kriminell. Man hätte es keinem von ihnen zugetraut.

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Gottesdienst: Trauer um die Opfer von Newtown
Profile lassen sich schwer, und nur postum erstellen. Die Mehrheit der Täter bringt sich nach dem Angriff selbst um oder wird von Einsatzkräften getötet; Persönlichkeitsprofile müssen anhand von Aufzeichnungen, Tagebucheinträgen und psychologischen Gutachten rekonstruiert werden. Kaum ein School Shooter hinterlässt einen Abschiedsbrief. Hinzu kommt, dass die Persönlichkeitsbildung bei Jugendlichen als nicht ausgereift gilt, so dass es schwer fällt, Persönlichkeitsstörungen überhaupt festzustellen.

Der Wunsch einer Typologie speist sich aus der Hoffnung, vergleichbare Taten künftig verhindern zu können: Wenn man nur wüsste, was Menschen wie Tim K. und Adam Lanza zu Massenmördern werden lässt, vielleicht könnte man effektive Präventionsmaßnahmen ergreifen.

Es geht darum, zu verstehen, warum ein Jugendlicher, der von seinen Mitschülern gehänselt und vom Vater unter Druck gesetzt wird, Dutzende ermordet, während ein anderer, der unter ähnlichen Umständen aufwächst, unauffällig bleibt. Es geht um nicht weniger als die quälende Frage nach dem Warum.

Simple Kausalitäten helfen kaum weiter

Psychologie, Kriminologie, Soziologie, Erziehungs- und Medienwissenschaft suchen nach Antworten. Und finden sie. Auffallend häufig vernachlässigten die Täter ihre Körperhygiene, heißt es da. Auffallend häufig spielten sie Computerspiele. Auffallend häufig würden sie von ihren Mitschülern gemobbt. Auffallend oft würden sie von Mädchen zurückgewiesen. Angeblich. Die Fallzahlen sind oft gering, die Vorgehensweisen fraglich.

Doch eines ist klar: Niemand wird zum School Shooter, weil er sich nicht anständig wäscht. Niemand wird zum Täter, weil er Computerspiele spielt. Niemand wird zum Täter, allein weil er gemobbt wird. Niemand tötet Dutzende, nur weil er bei einem Mädchen nicht landen kann. So einfach ist es nicht.

Der Wunsch der Gesellschaft nach Erklärungen ist groß. Je einfacher sie sind, desto plakativer lässt sich mit ihnen Politik und Propaganda machen. Doch es liegt auf der Hand, dass diese Ansätze genauso naheliegend sind wie falsch, dass sie zu kurz greifen, vor allem, wenn sie von einer einfachen Kausalität ausgehen: Jemand wird zum Täter, weil etwas Bestimmtes passiert - oder ausbleibt.

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Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule: Die Tragödie von Newtown
Millionen Menschen spielen Computerspiele, laut einer Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) jeder dritte Deutsche gar mehrmals im Monat. Millionen Schüler werden gemobbt, aber nicht zu Tätern.

Fest steht inzwischen, dass es ein Konglomerat an Einflüssen und Umständen ist, das Jugendliche zu Tätern werden lässt. Die Wissenschaft mäandert zwischen Ansätzen, die den Einfluss vor allem in sozio-kulturellen Faktoren, also vereinfacht gesagt, im Umfeld der Täter suchen. Und solchen, die vor allem individual-psychologische Erklärungen für entscheidend halten.

Der wohl bekannteste Vertreter des letzten Ansatzes ist Peter Langman. Der US-Psychiater erstellte Psychogramme zehn amerikanischer School Shooter und wertete umfangreiches Datenmaterial wie Tagebuchaufzeichnungen aus. Er kommt zu dem Schluss: Der Täter trägt die für die Tat verantwortliche Störung stets in sich. Er hält die von ihm postum begutachteten School Shooter für schwer psychisch krank und unterteilt sie in drei Gruppen: psychotische, psychopathische und traumatisierte Täter. Laut Langman eint die Täter mangelnde Empathie, existentielle Wut, Selbstmordgedanken, eine intensive Phantasie. "Es sind keine normalen Jugendlichen, die sich für Mobbing rächen wollen", sagt er.

Der Fall von Tim K. zeigt, dass auch die Diagnose einer solchen Störung nicht zwingend Konsequenzen hat. Die Eltern des 17-Jährigen missinterpretierten oder überhörten offenbar Alarmsignale. Tim suchte im Netz nach Informationen zu bipolaren Störungen, versuchte sich an einer Selbstdiagnose, war in Behandlung. Die Therapeutin vermutete einen "atypischen Autismus" und eine "schizophrene Psychose", doch sie sah keine "akute Eigen- oder Fremdgefährdung". Eine Fehleinschätzung. Tims Vater fasste nach der Tat gegenüber der Polizei das Gespräch mit den Ärzten so zusammen: Er und seine Frau seien erleichtert gewesen, dass "nichts Gravierendes bei Tim festgestellt worden war". Der Täter von Winnenden war nicht nur seelisch krank, sondern offenbar auch Opfer eines Umfeldes, dass nicht adäquat auf die Störungen und Auffälligkeiten reagierte.

Die Familien sind weiß, wohlhabend

Auch deutsche Forscher wie die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg gehen davon aus, dass die Täter in hohem Maße psychopathologische Störungen aufweisen. Andere Wissenschaftler lehnen dies ab - auch aus politischen Gründen. Sie fürchten, dass die Pathologisierung der Täter einer gesellschaftlichen Debatte im Wege steht: Wenn nur Wahnsinnige zum Täter werden, müssten keine Diskussionen über das Waffenrecht, über Leistungsdruck und Mobbing in Schulen geführt werden.

Doch ebenso wie Millionen Computerspiele spielen, ohne zu Tätern zu werden, sind Tausende psychisch krank, ohne zu Tätern zu werden.

Studien gehen von rund 110 School Shootings in den letzten knapp 40 Jahren aus. Es gibt Gemeinsamkeiten der Täter, die auffällig sind, aber nur bedingt hilfreich bei der Frage nach einer effektiven Prävention. Die meisten Täter stammen aus der weißen, wohlhabenden Mittelschicht. Kaum Armut, kaum Kontakt zu Gewalt und Kriminalität. Den Jugendlichen, die zu Tätern werden, geht es den Umständen entsprechend gut. Die meisten leben in Klein- oder Vorstädten, Orten mit geringen Kriminalitätsraten und Schulen mit geringem Gewaltpotential. Die School Shootings passieren meist dort, wo niemand sie für möglich hält. Fast alle Täter haben eine Beziehung zu der Schule, die zum Tatort wird. Entweder sind sie dort Schüler, oder sie waren es in der Vergangenheit. In kleinen Gemeinden sei die Erfahrung von Ausgrenzung besonders schmerzhaft, mutmaßen Soziologen. Wer hier einmal Außenseiter sei, finde schwieriger Anschluss.

Die meisten Täter gelangen durch das Elternhaus an ihre Waffen und planen ihr Vorgehen meist akribisch. Schüler aus Winnenden berichten, wie ruhig Tim K. bei seinen Taten war, wie planvoll er vorging. Er zog nicht rennend durch die Flure. Der 17-Jährige war schwer bewaffnet, er ging ruhig auf seine Opfer zu. Sie hatten ohnehin keine Chance.

Die Motive: Rache und Ruhm

Untersuchungen zeigen, dass es vor den School Shootings meist einen Auslöser gibt, der das Fass zum Überlaufen bringt. Eine Auseinandersetzung, die von den Tätern als besondere Kränkung oder Zurückweisung begriffen wird. Die Täter eint, dass ihre Fähigkeit, mit Problemen umzugehen, unterdurchschnittlich entwickelt ist. Sie machen Dritte für ihre Lage verantwortlich und sehen keine Möglichkeit, die Situation aus eigener Kraft zu verändern.

Als eines der wichtigsten Motive gilt Rache - dafür, selbst zum Opfer geworden zu sein: der Umstände, der Mitschüler. Nicht die Anerkennung erfahren zu haben, die man sich gewünscht hat. Auch der eigene Suizid wird mitunter Teil dieses Rachefeldzugs.

Die Täter schwanken zwischen Allmachts- und Ohnmachtsphantasien. Die Tat symbolisiert auch Macht: Durch die Schüsse üben die Jugendlichen Kontrolle aus. Die Waffen machen aus gescheiterten Existenzen furchteinflößende Täter. Es ist dieser Gedanke, der den Opfern bei der Bewältigung des Geschehens hilft, zum Beispiel den Schülern aus Winnenden: Tim K. hatte wenige Minuten Macht. Doch es war seine Armseligkeit, die ihn zum Täter machte - nicht seine Stärke.

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