Kino-Attentat in Colorado Ein Land sucht Trost

Zwölf Tote, mehr als 50 Verletzte: Der Angriff im Kino bei Denver schockiert Amerika. Präsident Obama und Herausforderer Romney unterbrechen ihren Wahlkampf, versichern ihr Mitgefühl. Über eine Änderung der gefährlichen Waffengesetze schweigen sie.

AP

Von , Washington


Sie schätzten sich glücklich. Sie hatten Karten ergattert für "The Dark Knight Rises", den neuesten Batman-Film. Karten für ein Mitternacht-Spezial, Stunden vor dem offiziellen Kinostart in den USA. Und so sind sie in die Säle 8, 9 und 16 des Century 16 geströmt, des Kinos von Aurora, einem Vorort von Denver. Paare, Väter, Mütter, viele Kinder. Ein Familienabend.

Eine Viertelstunde hält dieses Glücksgefühl an. Dann erscheint der mutmaßliche Täter James Holmes im Notausgang von Kinosaal 9, es ist halb eins in der Nacht. Der 24-Jährige hat das Kino zuvor ganz regulär mit den anderen Besuchern betreten. Dann hat er sich versteckt und umgezogen. Jetzt trägt er Gasmaske, Helm und schusssichere Weste, ein Sturmgewehr vom Typ AR-15, ein Jagdgewehr sowie eine Glock-Pistole Kaliber .40. Eine weitere Glock findet sich später in seinem Auto.

Nicht wenige im Saal glauben an eine Inszenierung, halten den Auftritt für einen Teil der Show: Sie sitzen doch in einer besonderen Vorführung. Und erinnert der Mann mit seiner Maske nicht irgendwie an einen Bösewicht aus dem Batman-Universum?

"Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an"

Nein, es ist keine Show. Der Täter ist gekommen, weil er töten will. Er baut sich vor der Leinwand auf, wirft Büchsen mit Tränengas. Erst schießt er in die Decke. Und dann auf die Paare, Väter, Mütter und Kinder. "Schuss nach Schuss" habe er abgegeben, erinnert sich Jennifer Seeger auf MSNBC. Die 22-Jährige saß ganz vorne im Kino, in der zweiten Reihe. In seiner schwarzen Kleidung habe der Attentäter wie ein Elitepolizist gewirkt. 40 bis 50 Schüsse habe sie gezählt, sagt Seeger: "Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an."

Doch es waren noch mehr Schüsse. "Einer kroch auf allen vieren aus dem Kino. Ein Mädchen spuckte Blut. Manche hatten Einschusslöcher im Rücken oder in den Armen", sagt ein Augenzeuge dem Sender KCNC. Am Ende sind zwölf Tote zu beklagen, 58 Menschen sind verletzt - elf von ihnen am Freitagabend noch in kritischem Zustand. Die Opfer sind zwischen sechs und 31 Jahren alt, auch ein gerade drei Monate altes Baby wird in einem Krankenhaus behandelt. Es ist eine grausame Bilanz.

Holmes, ein Student der Neurowissenschaften, der gerade seine Doktorarbeit abgebrochen hat, ließ sich schließlich festnehmen, draußen auf dem Parkplatz. Danach wollte die Polizei sein Apartment durchsuchen, doch es ist mit Sprengfallen gespickt. Holmes hatte dies selbst zugegeben. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters soll er sogar eine Zeitschaltuhr zur Steuerung seiner Musikanlage installiert haben. So wollte er offenbar ursprünglich die Nachbarn zu einer Beschwerde wegen Lärmbelästigung bewegen - um die Polizei in die Falle zu locken. Am Freitag wurden fünf Gebäude evakuiert, bis weit in den Samstag hinein wird es nun wohl dauern, bis die Polizei die Wohnung gesichert hat.

Warum hat sich der Angreifer nicht getötet - so wie andere Täter vor ihm? Will er leben, um seine Tat zu erklären? Steht sein Verbrechen im Zusammenhang mit dem Jahrestag des Massakers auf der norwegischen Insel Utøya, begangen von Anders Behring Breivik, der am 22. Juli 2011 insgesamt 77 Menschen getötet hatte? Und was hat das Ganze mit dem Batman-Film zu tun? Ein New Yorker Polizeikommissar zumindest erklärte, man habe ihm gesagt, der Täter habe sich das Haar rot gefärbt und sich Joker genannt - dies ist der Name eines Batman-Rivalen. Die Polizei von Aurora bestätigte dies nicht.

Das Motiv des Täters? "Wenn wir Informationen darüber hätten, würden wir sie nicht mit Ihnen teilen", sagte Auroras sichtlich erschütterter Polizeichef Dan Oats am Freitagabend vor Reportern.

Die Behörden gehen nicht von einer Tat mit terroristischem Hintergrund aus, es soll sich bei Holmes um einen Einzeltäter handeln. Seine Waffen besaß er legal, hatte sie während der letzten zwei Monate in drei Waffenläden erworben. Im Internet bestellte er 6.000 Schuss Munition. So gibt es Polizeichef Oats zu Protokoll. Am Montagmorgen soll Holmes dem Haftrichter vorgeführt werden.

Schon wieder eine Bluttat in den USA, eine wie die vielen zu vielen zuvor, und wieder eine Tragödie in Colorado. Nicht einmal 30 Kilometer entfernt liegt die Columbine High School von Littleton. Vor 13 Jahren liefen dort zwei Schüler Amok, töteten zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Und in Tucson, im Nachbarstaat Arizona, eröffnete im Januar 2011 ein 22-Jähriger bei einem Bürgertreff das Feuer. Sechs Menschen starben, die demokratische Kongressabgeordnete Gabriele Giffords wurde schwer verletzt, eine Kugel durchschlug ihren Kopf.

Tat eines "verwirrten Geistes"

Heute trauert das Land wie damals, wie nach Littleton und nach Tucson. Heute wie damals wird wohl eines nicht geschehen: dass die USA ihre Waffengesetze ändern. Allein New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg rief dazu auf, die Gesetze zu verschärfen. Bloomberg ordnete nach CNN-Informationen zudem Sicherheitsvorkehrungen bei Batman-Vorführungen in New York an.

Noch aber verhallt Bloombergs Appell. In den Stunden nach dem Kino-Anschlag von Aurora setzt kein maßgeblicher Politiker das Thema auf die Agenda. Colorados Gouverneur John Hickenlooper, Mitglied der Demokratischen Partei, sagt lediglich, es sei die Tat eines "verwirrten Geistes" gewesen. Und er stellt mit angeschlagener Stimme klar: "Dies ist eine sichere Stadt. Dies ist ein sicherer Staat. Dies ist ein sicheres Land."

Fakt ist: In den USA sterben jedes Jahr rund 30.000 Menschen durch Schusswaffen, knapp die Hälfte davon sind Suizide. "Wenige mögen bezweifeln, dass James Holmes verrückt ist", kommentiert die "New York Times": "Unsere Waffengesetze sind genauso verrückt, aber viele weigern sich, hier eine Verbindung zu sehen."

US-Präsident Barack Obama brach seine Wahlkampftour durch Florida ab und sagte vor Anhängern in Fort Myers: "Ich wollte hier mit Euch über die Unterschiede zwischen mir und meinem Gegner bei dieser Präsidentschaftswahl reden - aber diese Tragödie erinnert uns daran, dass wir vereint sind als eine amerikanische Familie." Es gebe "andere Tage für Politik". Heute aber sei ein Tag "für Gebete und zum Nachdenken".

Es ist das Motiv der Versöhnung, das Obama da bemüht in diesem politisch so tief zerstrittenen Land. So hat er es schon nach dem Amoklauf von Tucson gemacht. Gewirkt hat es nicht.

Wenn es etwa zu lernen gäbe aus den Ereignissen in Aurora, so der Präsident, dann sei es die Tatsache, dass am Ende des Tages "nicht all die kleinen Dinge, die banalen Dinge" zählten, die so oft unser Alltagsleben dominierten. Sondern es gehe darum, "wie wir uns gegenseitig behandeln und wie wir uns gegenseitig lieben".

Er habe an seine Töchter denken müssen, als er die grausamen Nachrichten am Morgen gehört habe: "Was, wenn Malia und Sasha in dem Kino gewesen wären, wie es so viele unserer Kinder jeden Tag sind?" Er werde seine Töchter heute Abend ein bisschen fester umarmen als sonst.

Republikaner-Rivale Mitt Romney, der seinen Wahlkampf ebenfalls aussetzte, äußerte sich ähnlich. "Ich stehe heute vor Euch nicht als ein Mann, der sich um ein Amt bewirbt, sondern als Vater, Großvater, Ehemann", sagte er vor Anhängern in New Hampshire. Jeder werde heute Abend seine Kinder ein wenig fester halten. Es gebe nur eines, was man jetzt tun könne: Gemeinsam mit den Menschen in Colorado trauern.

Von Amerikas Waffenarsenal auch hier kein Wort.



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