Amoklauf im US-Staat New York: Tod in der Englischstunde

Von , New York

Es geschah in einem Zentrum für Einwanderer: Ein Mann stürmte das Gebäude im US-Bundesstaat New York und erschoss 13 Menschen. Die Ermittler rätseln nun über das Motiv des Täters, der kürzlich seinen Job verloren hatte.

New York - Sie waren gekommen, um Englisch zu lernen und den "amerikanischen Traum" zu leben. Eine Gruppe Immigranten, die meisten, wenn nicht alle waren Vietnamesen, saß am Freitagmorgen in einem Klassenzimmer der American Civic Association in Binghamton, einem hübschen Ort im stillen Westen des US-Staats New York, der sich seiner kleinen, gut integrierten Einwanderergemeinde rühmt.

Die Civil Association, eine staatlich unterstützte Hilfsorganisation, kümmert sich um diese Neuankömmlinge. Sie steuert sie durchs bürokratische Dickicht, gibt Sprachkurse, berät bei Familienzusammenführungen und ebnet den Weg zur US-Staatsbürgerschaft. Die Lobby des modernen Flachbaus schmücken eine drei Meter große Replik der Freiheitsstatue und Flaggen zahlreicher Länder.

Der Amokläufer, der Augenzeugenberichten zufolge eine schwarz geränderte Brille und eine hellgelbe Nylonjacke trug, hatte seine Tat offenbar geplant. Er rückte mit zwei Handfeuerwaffen an, barrikadierte den Hintereingang des Zentrums mit seinem Auto und trat durch die vordere Glastür in die Lobby. Dort begann er sofort zu schießen.

Der erste Notruf erreichte die Polizei um 10.31 Uhr. Er kam von einer der Empfangsdamen im Hilfszentrum, die verwundet war und nur überlebte, weil sie sich unter einem Tisch tot stellte. Ihre Kollegin war sofort gestorben.

Ungeklärtes Motiv

Drei Stunden später war alles vorbei. 14 Tote zählte die Polizei, darunter offenbar auch der Schütze selbst, der sich mit einem Kopfschuss gerichtet habe. Vier weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Insgesamt retteten die Einsatzkommandos 37 Personen lebend aus dem Chaos an der Front Street mitten im Ortszentrum, am Ufer des Chenango River. Viele hatten sich in Todesangst in Büros und Kammern verkrochen. Das Motiv für den Blutrausch blieb zunächst unklar.

Am späten Nachmittag traten New Yorks demokratischer Gouverneur David Paterson, Binghamtons Bürgermeister Matthew Ryan und Polizeichef Joseph Zikuski vor die Presse. Sie präsentierten einen ersten, groben Ablauf der Ereignisse, über die die lokalen TV-Sender und landesweiten Nachrichtenkanäle bis dahin nur in meist wilder Hysterie spekuliert hatten. Dies sei "der tragischste Tag in der Geschichte von Binghamton", sagte Ryan sichtlich bewegt.

"Es war offensichtlich vorsätzlich", beschrieb Zikuski das kaltblütige Vorgehen des Killers. "Er blockierte die Hintertür, damit keiner hinaus konnte. Er stellte sicher, dass niemand fliehen konnte." Nachdem der Mann auf die beiden Empfangsdamen geschossen habe, habe er eine Gruppe ahnungsloser Einwanderer ins Visier genommen, die gerade in einem Klassenzimmer Englisch gelernt hätten. Viele von ihnen waren in die USA gekommen, um Brutalität und Gewalt in ihren Heimatländern zu entfliehen. In dem Klassenraum fanden sich Zikuski zufolge auch die meisten der Toten.

"Einige Leute versteckten sich in Schränken, einige unter Tischen", sagte Than Huynh, ein Lehrer aus Vietnam, der als Dolmetscher für die Überlebenden fungierte. "Wo auch immer man sich verstecken kann." Niemand habe geschrien. "Sie haben mir gesagt, sie hätten versucht, still zu bleiben und wegzurennen." 26 Leute verkrochen sich im Heizraum des Hauses. Eine Frau rief per Handy ihre Tochter an, um herauszufinden, was draußen passierte.

Spezialeinheit mit Scharfschützen

Die Polizei umstellte das Gebäude binnen Minuten. Das FBI rückte an, außerdem Armee-Reservisten und eine Spezialeinheit mit Scharfschützen. Doch herrschte lange Unklarheit, was wirklich in dem Gebäude vorging und vor allem, ob der Amokläufer überhaupt noch lebte. Anfangs war sogar von einer Geiselnahme die Rede. Ein Unterhändler wurde geholt. Die Highschool, die um die Ecke liegt, blieb bis zum späten Nachmittag abgeriegelt, den Schülern und Lehrern das Verlassen untersagt. Mehrere benachbarte Wohnhäuser wurden evakuiert.

Der ganze Amoklauf selbst hatte aber, wie sich dann herausstellte, nur drei Minuten gedauert. Doch die Polizei brauchte drei Stunden, um sicherzustellen, dass keine Gefahr mehr bestand. In dem Gebäude fand sie einen toten Mann mit einem um den Hals hängenden Ranzen, in dem sich Munition befunden habe, sowie einem Jagdmesser im Hosenbund - wohl der Täter. Doch blieben die Behörden auch damit lange vorsichtig: "Wir haben sehr guten Grund, anzunehmen, dass der Schütze unter den Toten ist", erklärte Polizeichef Zikuski nur.

"Ich kann nicht glauben, dass diese wunderbare, wunderschöne kleine Stadt mal so was erleben würde", sagte der demokratische Kongressabgeordnete Maurice Hinchey, der den Bezirk in Washington vertritt und ebenfalls sofort an den Tatort eilte. "Es ist unglaublich."

Mehrere US-Medien identifizierten den Täter später unter Berufung auf Polizeikreise als Jiverly Voong oder Wong, 41, einen Mann aus dem nahen Johnson City. Er sei wie die meisten seiner Opfer vietnamesischer Herkunft gewesen, habe seit 28 Jahren in den USA gelebt und auch selbst eine Verbindung zur Civil Association gehabt. Voongs Schwester sagte ABC News, ihr Bruder habe dort Englischunterricht genommen. Er sei der Gruppe "nicht fremd" gewesen, so Zikuski.

"Sie waren nette Leute"

Binghamton, rund drei Autostunden westlich von Manhattan an der Nordgrenze Pennsylvanias, ist auch als Geburtsstätte des Computerkonzerns IBM bekannt. Der Schütze, so sagte der Abgeordnete Hinchey der Nachrichtenagentur AP, habe selbst bis vor Kurzem bei IBM gearbeitet, sei aber entlassen worden.

CNN meldete am Abend dagegen, der Mann sei bei einer örtlichen Staubsaugerfirma angestellt gewesen. Polizeichef Zikuski bestätigte lediglich, dass er von seinem Arbeitgeber gefeuert worden sei und darüber starken Groll empfunden habe. Bis in die Nacht vernahmen Beamte die Familie des mutmaßlichen Schützen und durchsuchten sein Haus.

Nachbarn bezeichneten Voong und seine Familie als "still". Sie seien "gute Nachbarn" gewesen. "Sie waren nette Leute", versicherte eine Frau namens Darleen auf ABC News.

Es wäre nicht der erste Amoklauf eines Amerikaners, der in den Strudel der Wirtschaftskrise geraten war. Anfang Mai brachte ein 26-Jähriger in Alabama zehn Menschen um, darunter seine Mutter, und verletzte sechs, bevor er nach einer wilden Verfolgungsjagd durch zwei Bezirke von der Polizei erschossen wurde. Er war kurz zuvor von einer Geflügelfabrik entlassen worden. Im Januar töteten zwei Familienväter in Ohio und Kalifornien wegen finanzieller Probleme erst Frau und Kinder und dann sich selbst.

"Vom Tod phantasieren"

Erst Anfang der Woche hatte die US-Regierung ein Online-Merkblatt herausgegeben, in dem sie vor den psychischen Folgen der Rezession warnte. Depression über die Wirtschaftslage oder über die persönlichen Folgen könnten zu Reizbarkeit und Wutgefühlen führen, heißt es darin. Mitverantwortet wurde der Ratgeber vom Suicide Prevention Resource Center - einem Zentrum für Selbstmordverhütung im US-Gesundheitsministerium, das sich um Leute kümmert, die "vom Tod phantasieren" oder "keinen Grund zum Leben mehr sehen".

Amok-Experten verwiesen allerdings darauf, dass der Hintergrund für die Bluttat auch gut anderswo gelegen haben könnte, etwa in wahren und vermeintlichen Kränkungen privater Natur. Fest steht, dass der Täter bei der Civic Association kein Unbekannter war. "Keine Ahnung, was das Motiv ist", sagte Polizeichef Zikuski auf der Pressekonferenz.

Obschon seine Organisation - nach Erkenntnissen des FBI - ganz sicher nichts mit der Tat zu tun hatte, entblödete sich ein führender Taliban nicht, sich dazu zu bekennen. "Ich übernehme die Verantwortung", sagte der pakistanische Taliban-Führer Baituallah Mehsud der Nachrichtenagentur Reuters. Er habe die Tat zur Vergeltung für US-Raketenangriffe auf pakistanisches Gebiet angeordnet.

"Wir kennen noch nicht alle Fakten", warnte hingegen US-Präsident Barack Obama, der von seiner Europa-Reise aus eine Kondolenzerklärung verbreiten ließ, in der er sich "schockiert und bestürzt" zeigte. Obama sprach von einem "Akt sinnloser Gewalt" und sicherte den Hinterblieben und den "Menschen von Binghamton" zu, dass sie in den "Gedanken und Gebeten" aller eingeschlossen seien.

"Wir müssen einen Weg finden, mit dieser schrecklichen, schrecklichen Gewalt fertig zu werden", sagte Vizepräsident Joe Biden in einer Rede in New York City. Als Biden den Amoklauf vor seinem Publikum ansprach, das davon größtenteils noch gar nicht gehört hatte, ging ein hörbares Stöhnen durch den Saal.

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