Attentat in Kino bei Denver: Polizei findet Sprengfallen in Wohnung des Attentäters

Das Kino in der Nähe von Denver war ausverkauft, über die Leinwand flimmerte der neue Batman-Film, da schlug der Attentäter zu. Er schoss in die Menge, tötete zwölf Menschen, verletzte Dutzende. Die Polizei hat in der Wohnung des verhafteten 24-Jährigen ausgeklügelte Sprengfallen entdeckt.

AP

Es ist ein schwarzer Freitag in Denver. Die Stadt wacht mit furchtbaren Nachrichten auf, in der Nacht sind zwölf Menschen erschossen worden. Dutzende wurden verletzt, als ein Attentäter in einem Kinosaal ein Blutbad anrichtete. Im Fernsehen werden seit Stunden Livebilder gesendet: Schwer geschützte Spezialkräfte auf einer Feuerwehrleiter arbeiten sich langsam vor. Mit langen Stangen zerschlagen sie ein Fenster im dritten Stockwerk eines roten Backsteingebäudes. Es ist das Wohnhaus des mutmaßlichen Täters.

Die Polizisten wissen auch Stunden später nicht genau, was sie dort erwartet.

Der Schütze hat nach seiner Festnahme erklärt, er habe in seinem Wohnhaus Sprengstoff gelagert. Nach Angaben eines Polizeisprechers wurden tatsächlich Sprengfallen in der Wohnung entdeckt. Man versuche nun herauszufinden, wie man das entzündliche oder explosive Material entschärfen könne. Diese Arbeit könne Stunden oder sogar Tage dauern, sagte der Sprecher. Die Fallen seien raffiniert gebaut - darauf deuteten Bilder hin, die die Polizei offenbar von außerhalb der Wohnung gemacht hat. Die Bilder seien beunruhigend, sagte der Sprecher. Insgesamt wurden fünf Gebäude des Komplexes evakuiert.

Manche Kinobesucher trugen Batman-Kostüme

Die Säle 8, 9 und 16 im Kino Century 16 in Aurora, einem Vorort von Denver, waren am Donnerstagabend ausverkauft. Aurora hat 325.000 Einwohner, der letzte Film der "Batman"-Trilogie, "The Dark Knight Rises" war mit Spannung erwartet worden. In allen drei Sälen wurde ein "Midnight Special" gezeigt. An diesem Freitag ist in den USA der offizielle Kinostart. Besucher hatten sich verkleidet, einige trugen Batman-Kostüme.

Der Film lief rund 15 Minuten, als ein Mann durch den Notausgang Saal 9 betrat. Er soll eine Rauch- oder Reizgasbombe geworfen haben, Qualm verbreitete sich in den Reihen. So berichteten es Augenzeugen Medien vor Ort. Danach habe er begonnen, eine Treppe aufwärts zu gehen und Menschen gezielt zu erschießen.

Viele Zuschauer begriffen zunächst nicht, was vor sich ging und glaubten, es handele sich um eine Inszenierung, die Teil der Filmvorführung sei. "Es war wie in einem Kinofilm, wir haben zunächst gar nicht begriffen, was passierte", beschrieb ein Mann die ersten Sekunden der Tat. "Erst als der Alarm losging, wussten wir, dass etwas nicht stimmt", sagte einer der Kinobesucher CNN.

Mindestens zwölf Menschen wurden getötet, 50 weitere verletzt, wie die Polizei mitteilte. Zehn starben im Gebäude des Kinos, zwei weitere erlagen im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Zunächst hatte die Polizei berichtet, 14 Menschen seien von dem Schützen getötet worden.

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Colorado: Tödliche Schüsse im Kino
Augenzeugen erzählten, auch ein Baby sei verletzt aus dem Kino getragen worden. Wie viele Kinder insgesamt verletzt worden sind, war auch Stunden nach dem Unglück unklar. Der Film ist in den USA ab 13 Jahren freigegeben.

Wendy Post, deren Tochter in Saal 9 saß, sagte dem Sender 9News, die Notausgangtür habe sich geöffnet, irgendetwas sei in Richtung Leinwand geworfen worden, dann habe die Schießerei begonnen. "Es herrschte Chaos." Paul Otermat, der den Film mit seiner Freundin sehen wollte, sagte Sky News, er habe zunächst an einen Werbegag gedacht. "Doch dann feuerte der Mann in die Menge, wir gingen in Deckung und rannten aus dem Kinosaal in die Lobby. Dabei hörten wir den Mann immer weiter schießen."

Männer, Frauen, Kinder - verletzt am Boden

Der mutmaßliche Täter soll 24 Jahre alt sein. US-Behörden identifizierten ihn als James Holmes, wie TV-Sender und die Nachrichtenagentur AP übereinstimmend berichteten. Sein Motiv ist noch unklar. Laut MSNBC soll er der Polizei zuvor nur einmal aufgefallen sein: wegen eines Strafzettels.

Augenzeugen berichten, er sei schwarz gekleidet gewesen, habe eine schusssichere Weste und eine Gasmaske getragen. Erst als er begonnen hätte, um sich zu schießen, sei im Saal Panik ausgebrochen. Die Besucher hätten versucht, sich durch den Notausgang in Sicherheit zu bringen. Menschen seien übereinander hinweggetrampelt. Männer, Frauen und Kinder hätten blutend am Boden gelegen.

Der Täter habe sie in seiner Montur Elite-Polizisten erinnert, sagte eine Augenzeugin MSNBC.

Die Schüsse habe man fast im kompletten Kino gehört, Kugeln hätten auch den angrenzenden Saal 8 durchschlagen. "Es gab Explosionen und kurz danach hörten wir Menschen schreien", sagte Hayden Miller 9News. Miller saß in Saal 16. Er habe zuerst gedacht, der Ton sei zu laut eingestellt und es handelte sich um Filmgeräusche aus einem anderen Saal. "Doch dann sahen wir Hunderte Menschen, die geduckt aus dem Kino liefen."

Ein Roboter untersuchte das Auto des Verdächtigen auf Sprengstoff

Mindestens 250 Polizisten und Dutzende Krankenwagen waren in kürzester Zeit in dem Multiplexkino in der Aurora-Mall, einem Einkaufszentrum in der Stadt. Als die Polizei eintraf, war die Schießerei offenbar noch nicht beendet. Polizei und Feuerwehrleute evakuierten das Gebäude. Helfer errichteten auf dem Gelände eine provisorische Krankenstation.

Der mutmaßliche Schütze sei auf dem Parkplatz hinter dem Century 16 festgenommen worden, sagte Polizeichef Dan Oates. Im Wagen des 24-Jährigen seien neben einer Handfeuerwaffe auch Gasmaske, Messer sowie eine weitere Waffe gefunden worden. Die Polizei durchsuchte das Auto auf Bomben und Sprengstoff.

"Michelle und ich sind schockiert und betroffen von dem schrecklichen Angriff in Colorado", teilte US-Präsident Barack Obama in einer Stellungnahme mit. "Wir alle sollten die Menschen von Aurora in unsere Gebete einschließen und ihnen in diesen schwierigen Stunden beistehen." Wegen des Blutbades verkürze Obama seine Wahlkampftour in Florida.

"Man lässt seine Kinder in die Nachtvorstellung", sagte Tammi Stevens, deren 18-jähriger Sohn in Saal 9 überlebte. "Man denkt doch gar nicht dran, dass so etwas passieren kann!"

jjc/han/hut

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