Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Amoklauf in Emsdetten: Politiker streiten über Umgang mit PC-Killerspielen

Nach dem Amoklauf an einer Realschule in Emsdetten warnen Politiker und Lehrer vor wachsender Gewalt in der Gesellschaft. Unionsfraktionsvize Bosbach forderte flugs ein Verbot von Killerspielen. Die Grünen lehnen dies ab - das wahre Problem sei die gesellschaftliche Isolation des Täters gewesen.

Hamburg/Berlin - "Wenn die Informationen zutreffen, dass der Täter gesellschaftlich isoliert war und seine Zeit hauptsächlich mit dem Spielen von Killerspielen verbracht hat, dann muss jetzt verstärkt eine Debatte um Förderung von Medienkompetenz und einer sinnvollen Computernutzung geführt werden", sagte der Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck. Hier reiche die "einfältige Forderung der Großen Koalition nach einem Verbot von Killerspielen sicher nicht aus", zumal Verbotenes für Jugendliche bekanntlich umso reizvoller sei.

Anders sieht das der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach. "Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass der 18-jährige Täter sich über einen längeren Zeitraum und intensiv mit sogenannten Killerspielen beschäftigt hat, müsste der Gesetzgeber nun endlich handeln", sagte er. PC-Killerspiele wie "Counterstrike" müssten verboten werden.

Bosbach forderte in der "Netzeitung" eine Verschärfung des Jugendschutzes: "Wir brauchen einen wirksamen Jugend-Medienschutz, aber keine Killerspiele, die zur Verrohung führen können." Ähnlich äußerte sich Brandenburgs Innenminister Jörg Schöhnbohm (CDU): "Killerspiele leisten einen verhängnisvollen Beitrag zur leider wachsenden Gewaltbereitschaft und fördern aggressives Verhalten. Deshalb muss konsequent gegen Spiele vorgegangen werden, die Gewalt verherrlichen." Er kritisierte die Praxis der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Die Prüfung der Spiele durch die USK funktioniere offensichtlich nur "mangelhaft" und stehe nicht im Einklang mit dem Jugendschutzrecht.

Nicht jeder Spieler wird "automatisch zum Massenmörder"

SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz sprach sich dafür aus, ein Verbot gewaltverherrlichender Spiele zumindest in Betracht zu ziehen. Er stellte allerdings klar, dass nicht jeder, der ein Killerspiel spielt, "automatisch zum Massenmörder" werde. Nötig sei vor allem eine generelle Auseinandersetzung mit den Ursachen von Jugendgewalt.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, warnte ebenfalls vor wachsender Gewalt in Filmen und Videospielen. "Brutale Computerspiele und Videofilme gaukeln Jugendlichen den schnellen Sieg des Stärkeren vor", sagte er der "Bild"-Zeitung. "Auswege für den Verlierer bieten sie nicht." Kraus kritisierte auch den Werteverfall in der Gesellschaft: "Drogen, Konsum, Spaß sind die einzigen Werte, die Pop- und TV-Stars noch vermitteln." Von Eltern und Lehrern verlangte er, ihren Kindern durch eigenes Handeln ein positives Zukunftsbild zu vermitteln.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, sieht mit dem Amoklauf eine neue Qualität der Brutalität erreicht. "Dass Sprengstoff im Spiel war, gibt dem Fall eine neue Dimension", sagte Freiberg der "Münsterschen Zeitung". Dies habe es noch nicht gegeben.

Die Polizei barg gestern Abend die Leiche des Amokläufers in der Schule in Emsdetten im Münsterland und übergab sie an die Rechtsmedizin. Der Ex-Schüler hatte fünf Menschen zum Teil schwer verletzt und sich anschließend selbst getötet. Er war mit Schusswaffen und Sprengsätzen bewaffnet. Insgesamt wurden 37 Menschen verletzt, davon 16 Polizeibeamte, die Rauchvergiftungen erlitten, als der Täter beim Eintreffen der Polizei Rauchbomben in dem Schulgebäude zündete. Die anderen erlitten zum größten Teil einen Schock.

als/AFP/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Münsterland: Amoklauf eines 18-Jährigen
Fotostrecke
Mutmaßlicher Täter: Killer-Posen im Internet


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: