Amoklauf in Lörrach Motiv dringend gesucht

Mit Hochdruck versucht die Polizei, das Motiv der Amokläuferin zu ermitteln, die in Lörrach erst Mann und Sohn tötete und dann in einem Krankenhaus um sich schoss. Dort war sie 2004 nach einer Fehlgeburt in Behandlung gewesen.

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Hamburg - Warum tötete Sabine R. ihre Familie und stürmte das Elisabethen-Krankenhaus in Lörrach? Warum schoss die Rechtsanwältin wild um sich, tötete und verletzte dabei auch ihr offenbar unbekannte Personen? Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen kommen die Ermittler stückweise voran.

So habe die Befragung von Zeugen ergeben, dass die 41-Jährige "in jüngster Vergangenheit den Eindruck vermittelte, psychisch angespannt zu sein", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer auf einer Pressekonferenz im Rathaus der badischen Kleinstadt nahe Basel. Anzeichen für eine psychische Erkrankung der Frau seien jedoch bisher nicht bekannt.

Sabine R. tötete zuerst in ihrer Kanzlei den von ihr getrennt lebenden Ehemann und den fünfjährigen gemeinsamen Sohn, den dieser abholen wollte. Anschließend legte sie mit einem Brandbeschleuniger Feuer in ihrem Büro und verließ das Mehrfamilienhaus schnell, das wenig später mit solcher Wucht von einer Explosion erschüttert wurde, dass eine Hauswand herausgerissen wurde.

Dann lief die Rechtsanwältin entschlossen in das benachbarte Elisabethen-Krankenhaus, keine 150 Meter entfernt. Rund 300 Schuss Munition hatte sie bei sich.

Vor dem Eingang schoss sie auf zwei Passanten, verletzte diese schwer. Einer wurde am Rücken getroffen, ein weiterer erlitt einen Streifschuss am Kopf. Beide Verletzte sind inzwischen außer Lebensgefahr. Gezielt stürmte die Frau ins erste Stockwerk, in dem die gynäkologische Abteilung untergebracht ist. Im Jahr 2004 hatte Sabine R. eine Fehlgeburt erlitten und war auf dieser Station behandelt worden. Ob das nun der Grund war, warum sie gerade in der Klinik um sich schoss, sei jedoch noch unklar, erklärte der Oberstaatsanwalt.

Sabine R. schoss zehnmal auf ein Patientenzimmer

Im Flur attackierte die 41-Jährige einen Krankenpfleger, schoss diesem mehrfach in den Kopf, stach auf ihn ein. Der 56-Jährige starb noch am Tatort. Nach bisherigem Ermittlungsstand gab es zwischen Sabine R. und dem 56-Jährigen keine Verbindung. "Wir gehen davon aus, dass er zufällig ihren Weg kreuzte", sagte Inhofer.

Anschließend habe sich Sabine R. in einem Arbeitszimmer verschanzt und von einer Nische aus mindestens zehnmal auf ein Patientenzimmer geschossen, in dem sich eine Patientin und sechs Besucher befunden hätten, erklärte der Einsatzleiter der Polizei, Michael Granzow.

Als Polizisten auf den Flur der Abteilung kamen, wurden auch sie von Sabine R. beschossen. Auf dem Boden sahen die Beamten den schwerverletzten, vermutlich bereits toten Pfleger liegen. Um die Personen in dem Krankenzimmer und sich selbst zu schützen, hätten die Polizisten dann auf Sabine R. gefeuert. Auch sie starb noch am Tatort.

Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass Sabine R. ihren eigenen Tod durch die Schüsse der Polizisten habe herbeiführen wollen, betonte Einsatzleiter Granzow.

Nach derzeitigem Ermittlungsstand liege es nahe, "dass eine Beziehungsproblematik Auslöser für die Tat war", so Inhofer. Ob es sich dabei um einen Sorgerechtsstreit handele, sei ungewiss. Von behördlicher Seite sei jedoch nichts festgehalten, dass heißt, es gibt keine Dokumente über einen entsprechenden Rechtsstreit zwischen Sabine R. und ihrem Mann.

Die Wohnung - "Büro mit Schlafmöglichkeit"

Den Ermittlungen zufolge erschoss die Anwältin den von ihr getrennt lebenden Ehemann, einen 44 Jahre alten gelernten Schreiner. Wie der gemeinsame Sohn ums Leben kam, sei noch nicht geklärt. Sicher sei nur, dass der Fünfjährige an "Verletzungen durch stumpfe Gewalteinwirkung" starb. Das Kind weise keine Schussverletzung auf, teilte Generalstaatsanwalt Uwe Schlosser bei der Pressekonferenz mit. Nach dem sich zeigenden Gesamtbild sei davon auszugehen, dass Sabine R. auch das Kind getötet habe.

Sabine R. und der Vater ihres Kindes hatten sich laut Ermittlungen im Juni dieses Jahres getrennt. Die 41-Jährige sei daraufhin in die Markus-Pflüger-Straße in Lörrach gezogen, habe dort ihre Kanzlei eröffnet. Lörrachs Oberbürgermeisterin beschrieb die Wohnung als "Büro mit Schlafmöglichkeit".

Sabine R., in Rheinland-Pfalz geboren, war Sportschützin, besaß rechtmäßig eine Waffe. Die Pistole war auf der Besitzkarte der Rechtsanwältin eingetragen. In der Vergangenheit sei die Juristin Mitglied in einem Schützenverein im Nordbadischen gewesen.

Politischer Streit ums Waffenrecht

Angesichts des Amoklaufs zeichnet sich eine erneute Debatte um das Waffenrecht ab. Die bundesweite Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" forderte am Montag ein totales Verbot tödlicher Sportwaffen. Initiativensprecher Roman Grafe verwies darauf, dass als Tatwaffe eine kleinkalibrige Sportwaffe benutzt wurde. Das Risiko durch legale, tödliche Sportwaffen sei trotz der gesetzlichen Regelungen "unbeherrschbar".

Grafe hatte Ende Juli 2010 zusammen mit Eltern von Opfern des Amoklaufs von Winnenden beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde gegen das deutsche Waffengesetz eingereicht. In den Verfassungsklagen wird gerügt, dass das Waffengesetz das Recht auf Ausübung des Schießsports in unzulässiger Weise über das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit stelle.

Der legale Besitz tödlicher Waffen zum Zweck des Schießsports stelle ein nicht hinnehmbares Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung dar. Das deutsche Waffengesetz begünstige Amokläufe. Die Initiative fordert "ein Verbot tödlicher Sportwaffen, egal welchen Kalibers". Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) lehnte eine "reflexartige Debatte" über das Waffenrecht ab. Zunächst müssten alle Informationen in aller Ruhe analysiert werden, sagte er.

Mit Material von AP



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