Nach dem Amoklauf München trauert, gafft, rätselt

Tag eins nach dem Amoklauf - und München steht noch immer still. Am Tatort trauern Menschen um die Toten, andere schießen Selfies. Am Wohnort des Schützen rätseln Nachbarn und Bekannte über das Motiv.

Trauernde Menschen vor dem OEZ in München
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Trauernde Menschen vor dem OEZ in München

Aus München berichten und


Es liegt eine große Stille über der Straße. Eine etwa 100 Meter lange Schneise des Schweigens zwischen dem Haupteingang des Olympia-Einkaufszentrums und dem McDonald's-Restaurant auf der anderen Straßenseite. In dieser Umgebung erschoss David S., ein 18-jähriger Deutsch-Iraner, am Freitagabend erst neun Menschen, dann sich selbst.

Hunderte Menschen sind nun auf den beiden Fahrbahnen versammelt, daneben stehen schwarz gekleidete Polizisten, still und stumm. Wie hingemalt.

Sonst tobt hier das Leben, vor allem der Verkehr. Busse, Autos, Radfahrer, Fußgänger, die es in die Läden und Cafés des großen Einkaufszentrums neben dem Olympiapark zieht. Passanten, die die grauen Beton-Mietskasernen ansteuern, die 1972 Wohnraum und Pressezentrum für die Olympischen Spiele waren. Heute gehören die Hochhäuser im Norden der Stadt zu den wenigen noch bezahlbaren Adressen für Rentner oder Familien mit geringem Einkommen.

Polizisten am abgesperrten Tatort
DPA

Polizisten am abgesperrten Tatort

Um den kleinen Gästegarten des Schnellrestaurants sind schwarze Planen gezogen, links davon zwei Marktstände mit einer weißen Kunststoffwand abgedeckt. Absperrgitter der Polizei riegeln den Tatort ab, auch der Eingang zum Einkaufszentrum ist mit rot-weißen Bändern versperrt.

Dazwischen aber spielen sich an diesem schwülen Nachmittag bizarre Szenen ab.

Unzählige Schaulustige, viele mit Fahrrädern, treiben sich rund um den Tatort herum. Kaum angekommen, zücken sie das Smartphone, rufen Freunde oder Verwandte an. Immer wieder hört man Gesprächsfetzen wie: "Bin jetzt da, wo geschossen wurde, direkt davor, das glaubst du nicht, ich schick dir Bilder." Und auch jetzt noch verbreiten sich Gerüchte und wirre Geschichten. Dass auch am Isartor ein Toter mit Kopfschuss gefunden worden sei. Dass die Polizei den Täter erschossen habe. Dass "das hier noch lange nicht vorbei ist".

Passanten vor dem Olympia Einkaufszentrum
DPA

Passanten vor dem Olympia Einkaufszentrum

Die echten Trauernden, die fassungslos und in Tränen vor den Gittern stehen, verlieren sich fast in der Menge der Gaffer. Sie legen Blumen nieder, zünden Kerzen an. Für den Schulfreund, die Kollegin, für den Nachbarn oder den Sohn des Mitarbeiters, der hier umgekommen ist.

Trauernde organisieren private Gedenkfeiern

Haben die Betroffenen Glück, spricht sie ein Seelsorger der Kriseninterventionsteams an. Dazwischen wuseln aber auch vermeintlich besorgte Vertreter merkwürdiger Religionsgruppen, die Blumen und Sprüche von angeblichen Philosophen verteilen.

Manchen ist es ein Trost, der Welt von ihrem Schock zu erzählen. Ein Mann, Mitte 40, geht an diesem Nachmittag gerne vor TV-Kameras. Sein Sohn habe hier drei Freunde verloren, sagt er, zwei Mädchen und einen Jungen. Der Junge sei sein Spielkamerad aus Kindertagen gewesen. Sie hätten Fußball zusammen gespielt.

Auch der Sohn eines Kollegen sei unter den Opfern. Er selbst sei mit seinen Kindern dem Attentat nur knapp entronnen. Am Abend noch wolle man sich im Bekanntenkreis treffen, zu einer kleinen Gedenkfeier.

An der Ampel zwischen dem Schnellimbiss und dem Einkaufszentrum liegt eine zerbrochene Handyhülle mit Micky-Maus-Design, daneben eine geringelte Kindersocke.


Ortswechsel: Die Wohnung des Täters in der Münchner Maxvorstadt.

Die Polizisten, die hier eine Stunde nach Mitternacht an der Wohnungstüre von Amokläufer David S. klingelten, konnten nicht wissen, was sie erwartet. Vorsorglich sicherten sie die Garagenzufahrt und die seitlichen Ausgänge der weitläufigen Wohnanlage im Herzen von München, vergaßen aber die Tür zum Hinterhof. Glücklicherweise gab es keinen zweiten und dritten Täter, wie nachts noch spekuliert wurde, keinen weiteren Amokläufer auf der Flucht.

Im Video: Die wichtigsten Fragen und Antworten der Polizei-PK

In der Sozialwohnung schräg gegenüber des Münchner Justizzentrums trafen die Polizisten nur die Eltern des Attentäters an. Vernehmungsfähig war das Paar vorerst nicht. "Auch sie haben ihr Kind verloren", betont der Polizeipräsident Hubert Andrä.

"Wir haben die ganze Nacht geweint", erzählt Chauan Hussein. Die 21-Jährige lebte Wand an Wand mit dem Attentäter. Ihr Vater und der Vater des Amokläufers kannten sich gut. Sie fahren beide Taxi, haben sich oft auf den Weg in die Tiefgarage getroffen. Die in Deutschland geborene Irakerin musste nicht nur die Verwandlung des unscheinbaren Nachbarn in einen Amokläufer verarbeiten. Sondern auch die Nachricht, dass der Täter einen ihrer Bekannten tödlich verwundet hat. Ein 14-jähriger Junge, der Bruder einer Freundin, wurde in Brust und Kopf getroffen. Er war zum Shoppen mit Freunden ins Olympia-Einkaufszentrum gefahren.

Auch Ali Sedic, ein 29-jähriger Verkäufer, der im Haus wohnt, kannte den Täter, in dessen Zimmer die Polizei ein Buch mit dem Titel "Amok im Kopf" fand. "Eine ganz normale Familie ist das", sagt er. "Den Vater und den jüngeren Bruder des Attentäters habe ich oft gesehen. Ich habe einmal meine Wellensittiche in ihrer Wohnung fliegen lassen. Wir haben Fußball im Park gegenüber gespielt." David S., der ältere Bruder, allerdings ging meist stumm an ihm vorbei. Hinter sich zog er häufig einen Wagen, beladen mit Wochenblättern. "Gesprochen hat er mit mir nie. Auch kein Hallo", sagt Sedic.

Spurensuche rund um die Wohnung des Täters

Chauan Hussein kann nicht schlafen, kann nicht verstehen, was David S., der sich selbst Ali genannt haben soll, getrieben hat. Trostlose Verhältnisse im Hartz-4-Milieu können es kaum gewesen sein. Die Sozialwohnung, in der David S. mit seiner Familie wohnte, dürfte zu den luxuriösesten von ganz München gehören. Sie liegt im fünften Stock der 2012 eröffneten Nymphenburger Höfe, einer Wohnanlage in der Maxvorstadt, in der auch Penthouse-Wohnungen mit Alpenblick für drei Millionen Euro bewohnt werden.

Nachbarin Chauan Hussein
Anna Clauß

Nachbarin Chauan Hussein

Laut Münchner Bauverordnung müssen bei Neubauten - egal wie hochpreisig, zentral und edel - immer auch Wohnungen für Bedürftige errichtet werden. Von außen sind die Sozialwohnungen kaum von den Luxus-Apartments im Hinterhof zu unterscheiden: heller Anstrich, Fenster mit Extra-Lärmschutz, Balkons aus dunklem Stahl. Im Erdgeschoss der genannten Wohnanlage bietet ein Maserati-Händler ein Luxusauto zum Barpreis von 103.619 Euro an.

Stephan Baumanns, Besitzer eines amerikanischen Lebensmittelgeschäfts, hat heute eine "Iced blended Chai Latte" im Angebot. Er war der Erste, der vor drei Jahren in die Nymphenburger Höfe eingezogen ist. Die Nachbarschaft beschreibt er als "schwierig, weil wahnsinnig inhomogen". Im Hinterhof die Reichen in ihren Luxus-Apartments, im Seitenflügel vor allem städtische Bedienstete mit Wohnberechtigungsscheinen und im Vorderhaus Sozialhilfeempfänger, die meisten mit ausländisch klingenden Namen.

Die Hoteltür mit Betten verbarrikadiert

Probleme gab es mit den Nachbarn aus den Sozialwohnungen immer wieder - geklaute Fahrräder, geklaute Blumenkübel, eine im Hausmüll entsorgte Matratze. Aber "dass hier einer wohnt, der problemlos an eine Waffe und 300 Schuss Munition zu kommen scheint, hätte ich nicht gedacht".

Der Gebäudekomplex, in dem der Täter wohnte
Anna Clauß

Der Gebäudekomplex, in dem der Täter wohnte

Der Spielplatz im Innenhof ist an diesem Tag menschenleer. Ein Lehrer-Ehepaar eilt über den Hof in seine Wohnung. "Wir wollten gestern ins Kino gehen, als am Stachus plötzlich eine Panik ausbrach", erzählen sie. Nicht nur am Beginn der Münchner Fußgängerzone gab es eine Massenpanik, auch im Hofbräuhaus und am Marienplatz waren die Menschen panisch - wohl eine Reaktion auf die per Twitter kursierenden Warnungen und Falschmeldungen. "Wir sind um unser Leben gerannt, ins nächstgelegene Hotel und haben uns dort mit sechs Fremden verbarrikadiert, indem wir Betten vor die Zimmertür gestellt haben", erzählen die Lehrer.

Erst jetzt seien sie zurück in ihre Wohnung gekehrt, um festzustellen, dass der Täter schräg gegenüber wohnte. "Das ist ein Schock."

Video-Chronik: Die dramatischen Stunden von München:

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