Amoklauf in München Mobbing als Motiv

Im Fall des Münchner Amokschützen ist für die Ermittler acht Monate nach der Tat klar: Der 18-Jährige handelte allein - und nicht aus politischen Motiven.

Trauer nach dem Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum in München (Archivbild)
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Trauer nach dem Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum in München (Archivbild)


Die Ermittlungen zum Amoklauf in München vom vergangenen Juli mit zehn Toten sind abgeschlossen. Das zentrale Ergebnis: Mobbing ist offenbar das Motiv für die Tat gewesen. Der Amokschütze David Sonboly sei über Jahre hinweg von seinen Mitschülern gemobbt worden, teilten die Ermittler in ihrem Abschlussbericht mit.

Der 18 Jahre alte Amokläufer hatte am 22. Juli am Münchener Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und anschließend sich selbst erschossen, zudem verletzte er fünf Menschen. Zahlreiche weitere Menschen erlitten teils schwere Verletzungen bei ihrer panikartigen Flucht vor dem Amokläufer.

"Er hat die Tat allein geplant und allein durchgeführt", sagte Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst. Die Ermittlungen bestätigten demnach, dass Sonboly psychische Probleme hatte und aus diesen heraus seine Opfer aussuchte: Es seien Jugendliche gewesen wie jene, von denen er sich in der Schule gemobbt fühlte - und die damit in sein persönliches Feindbild passten.

"Rache- und Vernichtungsphantasien"

Obwohl der Schüler einen extremen Fremdenhass entwickelt und teils nationalsozialistische Parolen oder Symbole benutzt habe, sei die Tat nicht als politisch motiviert einzustufen, sagte Kornprobst.

Weder Eltern noch Ärzte oder Lehrer hätten die Tat ahnen können, hieß es. Selbst die Schießübungen des Schülers im Keller des Wohnhauses blieben unentdeckt - obwohl er insgesamt 107 Schüsse abgab. Ein Gutachten habe erwiesen, dass die Schüsse im Haus oder draußen tatsächlich nicht zu hören waren.

Sonboly war wegen psychischer Probleme wiederholt in Behandlung gewesen. Laut Staatsanwaltschaft erschuf er sich ein "irrationales Weltbild". Er habe der Vorstellung nachgehangen, dass die von ihm gehassten Menschen mit einem Virus infiziert seien und er sie deshalb vernichten müsse. Er habe "Rache- und Vernichtungsphantasien" entwickelt und sich intensiv mit dem Thema Amok beschäftigt.

Anklage gegen Waffenverkäufer

Nach Auswertung aller Tatortspuren, Zeugenbefragungen und sonstigen Ermittlungsergebnisse sind Polizei und Staatsanwaltschaft davon überzeugt, dass Sonboly als Einzeltäter handelte. Allein dem Lieferanten, von dem er sich für 4000 Euro die Tatwaffe mit Munition über das Darknet beschaffte, sei strafrechtlich etwas vorzuwerfen. Gegen den 32-Jährigen wurde Anklage wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen sowie fahrlässiger Körperverletzung in fünf Fällen erhoben.

Dritte seien weder an der Planung noch an der Ausführung des Amoklaufs beteiligt gewesen. Bei einem gefundenen Chatprotokoll habe sich durch Auswertung der IT-Spuren gezeigt, dass Sonboly mit sich selbst gechattet hatte. Auch die wegen massiver Bedrohungen inzwischen unter Opferschutz stehenden Eltern hätten nach Überzeugung der Ermittler nichts mitbekommen können.

So habe Sonboly seine Vorbereitungen der Tat massiv verheimlicht. Er habe keinerlei Andeutungen gemacht, für sein gesamtes Umfeld sei nicht erkennbar gewesen, dass so etwas bevorstehe. Die 4000 Euro für die Tatwaffe und Munition habe der Amokläufer "über Jahre hinweg" zur Seite geschafft. Er habe etwa für Zeitungsaustragen und über Praktika Geld verdient und dieses gespart. Am Ende habe er genau über den nötigen Betrag verfügt.

wit/AFP/dpa



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