Amoklauf in München Im Rucksack des Täters waren noch 300 Schuss Munition

Über einen möglicherweise gehackten Facebook-Account soll David S. andere junge Menschen in ein Schnellrestaurant gelockt haben - um später dort um sich zu schießen: In München haben Ermittler erstmals Hintergründe zum Amoklauf erläutert.

Gedenken an die Opfer in München
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Gedenken an die Opfer in München


Er war Schüler, kam aus München - und interessierte sich offenbar für alles, was mit Amoklauf zu tun hatte: Die Polizei hat jetzt in München erste Einzelheiten zu dem 18-jährigen David S. mitgeteilt, der als mutmaßlicher Täter der Gewalttat vom Freitagabend gilt. Neun Menschen tötete er, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete.

Ein Einzeltäter, davon sind die Ermittler überzeugt. Und: S., der sich auf Facebook Ali S. nannte, litt offenbar an Depressionen.

Zum Täter und seinen möglichen Motiven:

David S., 18, wurde in München geboren und ist auch dort aufgewachsen. Sein Zimmer in der elterlichen Wohnung wurde durchsucht, es wurden dabei keinerlei Bezugspunkte zur Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gefunden.

In seinem Zimmer entdeckten die Fahnder Hinweise, dass sich der junge Mann intensiv mit dem Thema Amok auseinander gesetzt hat. Ein Buch mit dem Titel: "Amok im Kopf - warum Schüler töten" haben die Fahnder in seinem Besitz entdeckt. Digitale Spuren, die der Täter hinterlassen hat, werden noch untersucht.

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David S. ging noch zur Schule, ob er dort Probleme hatte, dazu wollten die Ermittler am Samstag noch nichts sagen.

Es gebe Hinweise, dass sich der junge Mann wegen einer depressiven Erkrankung in ärztlicher Behandlung befunden habe, teilte der Staatsanwalt mit. Diese Information sei noch nicht gesichert, "würde aber ins Bild passen", so der Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft, Thomas Steinkraus-Koch.

Polizeipräsident Hubertus Andrä sagte, man müsse davon ausgehen, dass sich der Täter auch mit dem Fall des norwegischen Attentäters Andres Breivik befasst habe. Dafür spräche auch, dass er am fünften Jahrestag des Amoklaufs von Utøya zuschlug.

Zu den Opfern:

Sowohl im Schnellrestaurant als auch im Einkaufszentrum erschoss David S. Menschen. Unter den Todesopfern sind viele Jugendliche: drei 14-Jährige, zwei 15-Jährige sowie Personen im Alter von 17, 19, 20 und 45 Jahren. Unter den Opfern sind insgesamt drei Frauen. Die Opfer kommen alle aus München und Umgebung, Auswärtige oder Touristen seien nicht unter den Opfern.

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Unklar sei, ob der Täter gezielt jugendliche Opfer ausgesucht habe, derzeit würden Filme von Überwachungskameras und Handyaufnahmen ausgewertet.

Es gibt nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hinweise darauf, dass der Täter einen Facebook-Account möglicherweise gehackt habe, um so Leute in das Fast-Food-Restaurant zu locken. In der Botschaft hieß es: "Ich spendiere euch, was ihr wollt, aber nicht zu teuer".

Zehn Schwerverletzte und 17 Leichtverletzte werden noch behandelt. Vier der Verletzten haben Schusswunden. Einige Menschen haben sich verletzt, als in der Münchner Innenstadt am Stachus eine Panik ausbrach.

Schließlich hat sich S. nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.

Zur Waffe:

Nach Angaben des Präsidenten des bayerischen Landeskriminalamts, Robert Heimberger, benutzte David S. eine 9-mm-Glock, die Nummer war ausgefeilt, die Waffe war also offenbar illegal. Woher der Schütze die Waffe hatte, ist noch unklar. Eine waffenrechtliche Erlaubnis für den Besitz einer Waffe habe der Täter nicht gehabt.

Wie oft der Täter geschossen habe, sei noch unklar, sagte Heimberger. Untersucht werde nun anhand von Videoaufnahmen, ob der Amokläufer ein geübter Schütze gewesen sei. Im Magazin befand sich noch Munition, auch in seinem Rucksack hatte er noch 300 Schuss Munition.

Zum Tatablauf:

Zum Tatablauf war zuvor schon dies bekannt: Gegen 17.50 hielt sich der Täter in dem McDonald's-Restaurant gegenüber dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) im Norden Münchens auf. Er verließ das Fast-Food-Restaurant und begann auf der Straße mit einer Pistole auf Passanten zu schießen. Dann ging er über die Straße in das Einkaufszentrum OEZ. Anschließend lief er auf das oberste Deck eines Parkhauses in unmittelbarer Nähe des OEZ. Dort lieferte er sich ein Wortgefecht mit einem Anwohner.

Auf der Flucht traf er in der Nähe des Parkhauses auf eine Zivilstreife. Der Polizist schoss auf den Flüchtigen, traf allerdings nicht, wie die Obduktion ergeben hat. Die Leiche des jungen Mannes wurde etwa einen Kilometer vom Einkaufszentrum entfernt gefunden.

jul



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