München Waffenverkäufer des Amokläufers gefasst - und eine Komplizin

Ein 31-jähriger Deutscher soll dem Amokläufer von München die Waffe samt Munition geliefert haben. Nun ist der Mann in Marburg gefasst worden. Auch eine mögliche Komplizin nahm die Polizei nach SPIEGEL-Informationen fest.

Tatort in München (Ende Juli)
DPA

Tatort in München (Ende Juli)


Der mutmaßliche Lieferant der Schusswaffe, mit der der Amokläufer von München neun Menschen und sich selbst getötet hat, ist gefasst. Das bestätigte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, Alexander Badle, auf Anfrage des SPIEGEL.

Der Mann wurde im hessischen Marburg bei einem fingierten Waffengeschäft festgenommen, wie die Generalstaatsanwaltschaft und das Zollfahndungsamt in einer Mitteilung bekannt gaben. Es bestehe der dringende Verdacht, dass der 31-jährige Deutsche die Münchner Tatwaffe samt Munition geliefert habe. Er soll nun einem Haftrichter vorgeführt werden.

Bei dem fingierten Waffengeschäft handelte der Beschuldigte offenbar nicht allein: Nach Informationen des SPIEGEL wurde in Marburg auch eine Komplizin des Mannes festgenommen. Wie der SPIEGEL aus Ermittlerkreisen erfuhr, wollte der Waffenhändler mit dem vermeintlichen Käufer zunächst das Finanzielle abwickeln. Die Frau sollte offenbar anschließend die Ware liefern.

Die Waffe stammt offenbar aus der Slowakei

Tatsächlich konnte die Polizei bei der mutmaßlichen Komplizin dann die bestellte Selbstladepistole der Marke Glock sowie Munition sicherstellen. Außerdem wurde bei der Frau der Personalausweis des 31-Jährigen entdeckt. Ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt bestätigte auf Anfrage, dass es in Marburg eine zweite Festnahme gab.

Der Amokläufer David Sonboly hatte am 22. Juli in einem Schnellrestaurant und einem Einkaufszentrum im Norden von München neun Menschen und anschließend sich selbst erschossen; Dutzende Menschen wurden bei dem Vorfall verletzt. Zuvor hatte der 18-Jährige offenbar systematisch nach einer Schusswaffe des Herstellers Glock gesucht.

Nach Angaben des slowakischen Innenministeriums wurde die Tatwaffe von München im Jahr 2014 in einer Glock-Fabrik in der Slowakei hergestellt. Danach sei sie von mehreren Firmen weiterverkauft worden und habe mehrmals den Besitzer gewechselt, teilte ein Ministeriumssprecher dem SPIEGEL mit. Genaueres könne man wegen der laufenden Ermittlungen derzeit nicht sagen.

Die Ermittler stellten dem jetzt gefassten mutmaßlichen Waffenhändler nach eigenen Angaben eine Falle: Bei der Anbahnung eines Scheingeschäfts habe der Beschuldigte gesagt, dem 18-Jährigen bei zwei Treffen in Marburg zunächst im Mai die bei dem Amoklauf verwendete Pistole und dann vier Tage vor dem Amoklauf Munition verkauft zu haben. Diese Angaben würden durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München und des Bayerischen Landeskriminalamts gestützt.

Drei Gewehre, vier Revolver, Hunderte Patronen

Bei der Festnahme des Mannes, der seine Waffen im Darknet angeboten haben soll, wurden eine zum Verkauf bestimmte Maschinenpistole, eine Pistole und Munition zum Preis von insgesamt 8000 Euro sichergestellt. Er habe zudem in einem Schulterholster eine durchgeladene Pistole bei sich gehabt.

Ausgangspunkt für die Festnahme waren den Ermittlern zufolge Ermittlungen gegen einen 62-jährigen Buchhalter aus Nordrhein-Westfalen und einen 17-jährigen Schüler aus Hessen. Die beiden stünden im Verdacht, bei dem jetzt Festgenommenen Waffen und Munition erworben zu haben. Der 62-Jährige soll bei einem Treffen am 4. Juni in Marburg eine Pistole und 100 Patronen (Kaliber 7,65 Millimeter) gegen eine Pistole und 97 Patronen (Kaliber 9x19 Millimeter) getauscht haben.

Bei dem fingierten Waffengeschäft nutzten die Fahnder nach Informationen des SPIEGEL offenbar die Identität des Buchhalters. Der 31-Jährige Waffenhändler glaubte demnach, mit einem ihm bekannten Kunden zu verhandeln, obwohl er in Wahrheit mit verdeckten Ermittlern kommunizierte.

Der 17-Jährige soll in der ersten Julihälfte in Marburg von dem Tatverdächtigen ein Repetiergewehr und 157 Patronen zum Preis von 1.150 Euro erworben haben. Bei einer Durchsuchung seines Zimmers in der Wohnung seiner Eltern in Nordhessen in der Nacht auf den 3. August sei die Ware sichergestellt werden - ebenso wie eine Pistole Walther PK 380, drei Gewehre verschiedener Kaliber, vier Revolver, weitere 175 Patronen sowie etwa fünf Kilogramm Schwarzpulver.

Neue Details über den Tathergang

Klar ist den Ermittlern zufolge, dass der Amokläufer wohl Sympathien für den rechtsextremen norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik hatte. Auch habe er seinen Geburtstag am 20. April, derselbe wie von Adolf Hitler, als "besonders positives Schicksal" angesehen. Es gebe aber keine Hinweise, dass er in rechtsextreme Netzwerke verstrickt gewesen war.

Die bayerischen Ermittler teilten auch neue Erkenntnisse über den Ablauf nach dem Amoklauf in München mit. Demnach betrat Sonboly, nachdem er das Gelände des Einkaufszentrums verlassen hatte, eine nahegelegene Wohnanlage durch eine unversperrte Haustür.

"Im Treppenhaus hatte der Täter nacheinander Kontakt mit mehreren Anwohnern, die von ihm glücklicherweise weder bedroht noch angegriffen wurden", schrieben die Staatsanwaltschaft München I und das Bayerische Landeskriminalamt in ihrer Mitteilung. Sonboly habe sich im Anschluss in der Tiefgarage des Wohnhauses versteckt. Nach längerer Zeit habe er die Garage verlassen, traf dann auf Polizisten und erschoss sich vor deren Augen.

Die Ermittler aus München erklärten, sie hätten bislang mehr als 3100 Hinweise und Spuren erfasst, eine Vielzahl davon sei noch in Bearbeitung. Rund 250 Zeugen seien vernommen worden.

mxw/srö/wow/bim/dpa



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