Amoklauf in München Wie "Maurächer" im Darknet nach einer Waffe suchte

Chatprotokolle zeigen offenbar, wie systematisch sich der Amokläufer von München im Darknet um eine Waffe bemühte. SPIEGEL ONLINE hat die Unterlagen ausgewertet.

Eine Glock 17 (Archiv)
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Eine Glock 17 (Archiv)

Von und David Walden


Es begann mit einer kurzen Nachricht. Sieben Zeilen, gepostet Anfang Dezember in einem Teil des Internets, in dem die dunklen Geschäfte laufen. "Hallo, ich suche nach einer Glock 17 mit insgesamt 250 Schuss Munition", schrieb der Nutzer, der sich "Maurächer" nannte. "Falls möglich" nähme er auch gerne "Ersatzmagazine". Er sei bereit zwischen 2300 und 2600 Euro für die Waffe zu bezahlen. "Dennoch soll der Verkäufer den Endpreis entscheiden", hinterließ "Maurächer".

Es deutet sehr viel darauf hin, dass es sich bei "Maurächer" um David S., 18, handelte, der bei einem Amoklauf am vergangenen Freitagabend in München neun Menschen erschoss und sich selbst tötete. Mit einer Glock 17, Kaliber neun Millimeter. In seinem Rucksack fanden Beamte mehr als 300 Schuss Munition. Später hieß es, S. habe sich die Waffe im Darknet beschafft. (Lesen Sie hier mehr über das Darknet.)

Forums-Protokolle, die SPIEGEL TV und dem SPIEGEL vorliegen, könnten nun Aufschluss darüber geben, wie systematisch "Maurächer" nach einer Waffe suchte. Und welchen Aufwand er dabei über Monate trieb. Demnach tat er sich seit Mai 2015 nach einer Pistole des Herstellers Glock um.

Ein Sprecher des bayerischen Landeskriminalamts wollte sich auf Anfrage nicht zu den Unterlagen äußern. Aus Ermittlerkreisen verlautete jedoch, dass man die Dokumente kenne und derzeit von ihrer Echtheit ausgehe.

Nach Erkenntnissen der Ermittler handelt es sich bei der von David S. verwendeten Glock um eine Dekorationswaffe, die zunächst funktionsuntüchtig gemacht worden war, um sie ohne Erlaubnis kaufen zu können. Schließlich wurde sie wieder aufgerüstet und wohl über das Darknet erneut veräußert. (Lesen Sie die Hintergründe zu dieser Art von Handel hier und hier.)

Verschlüsselte Kommunikation

Die Protokolle aus dem Darknet zeigen, dass sich "Maurächer" im Oktober auch mit der Frage befasste, wie er seine Kommunikation am besten tarnen könnte. Er suchte damals nach Hilfe im Netz, weil er Messengerprogramme mit starker Kryptierung auf seinem Rechner installieren wollte. Auch erkundigte er sich nach einem geeigneten Betriebssystem für die Verschlüsselungssoftware PGP.

Keine zwei Wochen später suchte "Maurächer" dann im Darknet nach einer Packstation. Mutmaßlich wollte er sich die Glock dorthin schicken lassen.

Das Muster ist nicht neu: Zumeist werden Packstationszugänge verwendet, um die andere Täter arglose Bürger betrogen haben. "Crime as a service" nennen die Ermittler diese illegalen Dienstleistungen.

So ist zum Beispiel die Methode bekannt, dass sich Kriminelle unter dem Namen und mit der Adresse eines unbescholtenen Bürgers einen Zugang zu einer Packstation bestellen. Hat der Bürger diese Zugangsdaten inklusive der Karte erhalten, taucht bei ihm einer der Täter auf und gibt sich als Mitarbeiter der Post aus. Er spricht von einem Missverständnis, kassiert die Unterlagen wieder ein und geht - den Zugang zu einem anonymen Postfach hat er nun im Gepäck. Und der wiederum lässt sich später im Darknet zu Geld machen.

Kriminelle greifen mit großer Vorliebe auf diese Art der anonymen Zustellung zurück, wenn sie sich Verbotenes wie Waffen oder Drogen liefern lassen wollen. Diese Abholzentren sind für die Polizei nur schwer zu überwachen, weil das Briefgeheimnis eine hohe rechtliche Hürde für Observationen darstellt. Die verschlüsselte Kommunikation der Käufer und Verkäufer wiederum kann von deutschen Sicherheitsbehörden bislang kaum überwacht werden.

"Qualität: alles top"

Auf dem Computer eines Waffenhändlers aus Baden-Württemberg, der im Dezember zu Unrecht verdächtigt wurde, Kalaschnikows an das Terrorkommando von Paris geliefert zu haben, entdeckten Ermittler Spuren dieser Vorgehensweise. Seinerzeit hatte ein User, der sich "Oxywhite" nannte, eine Pistole an eine Packstation in Bonn liefern lassen.

"Maurächer" jedenfalls war zufrieden mit der Lieferung der Packstationsdaten, die er von "Monsterkiller" erhalten hatte. "Kontakt 10/10", "Versand: alles bestens", "Qualität: alles top", lobte er den Logistiker aus dem Darknet. Sein Fazit: "Neue Forum-Mitglieder werden bei 'Monsterkiller' gut aufgehoben sein!"

Am 8. Dezember um 22.19 Uhr veröffentliche der, der wohl David S. war, dann sein Gesuch mit dem Betreff "Glock 17, 19, 21" in dem einschlägigen Forum. Die Bezahlung wollte er über eine Art Treuhandkonto abwickeln, auf das im Darknet gerne zurückgegriffen wird. "Escrow Service ist Pflicht", schrieb "Maurächer".

Tatsächlich scheint der Glock-Interessent zunächst auf mehrere Betrüger gestoßen zu sein. In dem Forum beschwerte er sich über "Scammer". "Ich hoffe doch wirklich nicht, dass man Jahre warten muss, um einen 'wahren' Waffenhändler zu finden, der eine gute Glock 17 anbieten wird", so "Maurächer".

Auch wenn die Protokolle den endgültigen Kauf nicht mehr umfassen: David S. fand einen Händler.

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