Amoklauf in Newtown Die Minuten des Grauens

Schreckliche Details kommen nach dem Amoklauf von Newtown ans Licht: Die Opfer starben im Kugelhagel, getroffen von besonders grausamer Munition. In dramatischen Aktionen gelang es Schulangestellten, viele Kinderleben zu retten.

AFP

Newtown - Das erschreckende Ausmaß des Amoklaufs an der Sandy-Hook-Grundschule von Newtown wird erst nach und nach deutlich. H. Wayne Carver, der Oberste Gerichtsmediziner des US-Bundestaates Connecticut, hat - sichtlich erschüttert - über Details der grausamen Tat gesprochen. Die Opfer des Schützen, darunter 20 Erstklässler im Alter von sechs und sieben Jahren, hätten "verheerende Verletzungen" aufgewiesen. Mehrfach sei auf die kleinen Körper geschossen worden, so Carver - erst aus der Ferne, dann aus kurzer Distanz. Ein kaltblütiges Vorgehen.

Bis zu elfmal wurden die Opfer getroffen. Der Schütze, Adam Lanza, habe eine spezielle Munition für halbautomatische Waffen verwendet, die besonders großen Schaden anrichte, teilten die Behörden mit. Für das Attentat nutzte Lanza ein halbautomatisches Sturmgewehr. Bei der Leiche des Täters wurde auch eine Glock 9 Millimeter und eine Sig Sauer gefunden, beides Pistolen.

Doch nach Angaben des Gerichtsmediziners wurden alle Opfer mit dem Gewehr erschossen. Auf die Frage, ob sie leiden mussten, antworte Carver laut "New York Times": "Nicht sehr lange." Seit 1989 arbeitet der 60-Jährige als Gerichtsmediziner. "Das ist wahrscheinlich das Schlimmste, was ich gesehen habe", sagte er. Und das gelte wohl auch für alle seine Kollegen.

Die Behörden veröffentlichten am Samstag eine Liste der Todesopfer. Darauf fanden sich unter anderen die Direktorin und die Psychologin der Schule. Sie hatten nach Angaben von Mitarbeitern der Stadtverwaltung versucht, den Täter zu stoppen. Es waren offenbar nicht die einzigen mutigen und tapferen Handlungen.

Als Heldin wird die 27-jährige Lehrerin Victoria Soto gefeiert, weil sie einige der Schüler in einem Waschraum und in einem Schrank versteckte, wie ihr Cousin dem Fernsehsender ABC sagte. Sie habe sich zwischen den Schützen und die Kinder gestellt - und dabei ihr Leben gelassen, um das der Schüler zu retten.

Im Abstellraum verschanzt

Eine andere Schulangestellte brachte laut Polizei mehrere Kinder in einem Abstellraum in Sicherheit und versteckte sie dort so lange, bis die Gefahr vorüber war. Mary Ann Jacob, in der Bibliothek der Schule beschäftigt, sagte der "New York Times", sie habe mehrere Schüler zunächst hinter ein Bücherregal geschickt, wo sie nicht gesehen werden konnten. Dieser Ort sei in Sicherheitsübungen als Versteck ausgewählt worden, so Jacob. Doch am Freitag habe sie sich mit den Kindern schließlich in dem Abstellraum verschanzt, "weil wir entdeckt haben, dass eine unserer Türen sich nicht verschließen ließ".

In dem Lagerraum gab es Buntstifte und Papier. Sie habe den Kindern gesagt, dass sie malen sollen, so Jacob. Die Kinder hätten gefragt: "Was ist da los?" Sie wisse es nicht, habe sie geantwortet, "wir müssen still sein". Dabei habe sie gewusst, dass es sich um Schüsse handelte.

"Ich dachte, wir werden alle sterben", sagte Lehrerin Kaitlin Roig, die sich während der Tat am Freitagmorgen mit ihren Schülern in der Toilette versteckt hatte, unter Tränen. "Ich stellte ein Regal vor die Tür, schloss sie ab und schaltete das Licht aus. Wir saßen im Dunkeln", berichtete Roig dem Sender ABC. Sie habe ihre Schüler beruhigt und gemahnt, ganz leise zu sein. "Das sind böse Leute draußen. Wir müssen warten, bis die guten kommen," habe sie gesagt. Dabei habe sie gedacht, sie würden die nächsten sein. Erst nach dem Ende des Amoklaufs holte sie schließlich ein Polizist aus ihrem Versteck. Weitere Berichte von Augenzeugen finden Sie hier.

Die Tage vor dem Massaker

Die Ermittler wissen inzwischen auch immer mehr über Adam Lanzas letzte Tage. Am Dienstag, drei Tage vor dem Massaker, versuchte er, sich in einem Laden in Connecticut eine eigene Waffe zu besorgen, meldete NBC unter Berufung auf Vertreter der Bundesbehörden. Er habe aber die erforderliche Personenüberprüfung abgelehnt und auch nicht die Frist von 14 Tagen abwarten wollen. Daher habe er die Waffe nicht bekommen. Das Sturmgewehr, das Lanza für die Morde nutzte, war auf seine Mutter angemeldet.

CNN und NBC berichteten unter Berufung auf die Ermittler, dass der 20-Jährige am Donnerstag eine Auseinandersetzung mit Schulangestellten gehabt haben soll. Am Freitag tötete er erst seine Mutter - laut Polizei mit einem Schuss ins Gesicht. Dann fuhr er mit ihrem Auto zur Schule. Dort, so beschreibt es Polizeisprecher Paul Vance, schoss er sich in Kampfmontur gekleidet den Weg ins Gebäude frei und überwand so das Sicherheitssystem der Schule. Die ersten Schüsse fielen gegen 9.30 Uhr, acht Minuten später hieß es in einem Funkspruch der Polizei: "Die Schießerei scheint aufgehört zu haben. Es ist ruhig. Die Schule ist abgeriegelt." Gegen 10.30 Uhr erklärt die Polizei den Schützen für tot. Nach seiner Tat nahm sich Adam Lanza laut den Behörden selbst das Leben.

"Enorme Tragödie"

Angaben aus Polizeikreisen zufolge wurde bei Lanza kein Abschiedsbrief gefunden. Vance betonte aber, dass Ermittler "sehr gute Erkenntnisse" hätten, die Aufschluss über das Motiv des Täters geben könnten. Im Wohnhaus des Schützen wurde einige Unterlagen sichergestellt.

Lanza litt möglicherweise an einer Persönlichkeitsstörung, in Ermittlungskreisen war vom Asperger-Syndrom, einer leichten Form des Autismus, die Rede. Nach Beschreibung eines Lehrers konnte Lanza anscheinend keinen seelischen oder körperlichen Schmerz fühlen. Lanza habe eindeutig Probleme gehabt, sagte Richard Novia, ein ehemaliger Berater des Technik-Clubs der Newtown High School, an der Lanza einst Schüler war. "Wenn der Junge sich verbrannt hätte, hätte er das nicht bemerkt oder gespürt", so Novia. Er sprach von Episoden, während derer sich Lanza plötzlich vollständig in sich zurückzog. Er beschrieb den Jungen als klug, aber verängstigt und nervös, niemand sei ihm wirklich nahe gekommen.

Der Vater des mutmaßlichen Schützen drückte den Angehörigen der Opfer sein tiefes Bedauern über die "enorme Tragödie" aus. In einer vom Sender CNN veröffentlichten Mitteilung erklärte er am Samstag, dass seine Familie mit den Ermittlern eng zusammenarbeite. Auch sie seien schockiert und hätten keine Erklärung für die Tat.

Der 30-jährige Assistenzarzt Robbie Parker äußerte in einem bewegenden Interview die Hoffnung, dass der Tod seiner sechsjährigen Tochter Emilie und der anderen Opfer die Menschen "besser, mitfühlender und fürsorglicher" machen möge. Er finde Trost in der Erinnerung an die Hilfsbereitschaft und das Mitgefühl seiner kleinen Tochter.

Parker, der in einer Baby-Intensivstation arbeitet, konnte seinen Arbeitsplatz nicht verlassen, als ihn die ersten Nachrichten von dem Massaker am Freitag erreichten. In dem Interview berichtete er von seiner Angst, als er mit seiner Frau Alissa telefonierte, die zur Grundschule geeilt war. Dass es noch andere betroffene Familien gebe, die die Trauer nachempfinden könnten, gebe Trost. Auch wenn jeder anders mit diesem Schicksalsschlag umgehe, "stecken wir gemeinsam darin und sind durch dieses Ereignis für immer miteinander verbunden".

Am Sonntagabend wird US-Präsident Barack Obama in Newtown erwartet. Er will bei einer Gedenkfeier sprechen und die Familien der Opfer treffen.

wit/dpa/AP/AFP

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