Obamas Trauerrede im Wortlaut: "Newtown, du bist nicht allein"

"Diese Tragödien müssen enden." In seiner Rede nach dem Schulmassaker in Newtown hat US-Präsident Barack Obama die Angehörigen getröstet und eine Verschärfung des Waffenrechts angedeutet. "Wir werden uns ändern müssen", sagte er. Die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Barack Obama in Newtown: "Diese Tragödien müssen enden" Fotos
DPA

"Wir sind hier, um 20 wunderbare Kinder und sechs großartige Erwachsene zu betrauern, die in einer Schule starben, die jede Schule in Amerika hätte sein können; in einer ruhigen Stadt - bewohnt von vielen guten und anständigen Menschen -, die überall in Amerika hätte sein können.

Ich bin hier nach Newtown gekommen, um die Liebe und Gebete einer Nation zu bringen. Mir ist bewusst, dass bloße Worte nicht euer tiefes Leid ausdrücken können. (...) Ich kann nur hoffen, dass es euch hilft zu wissen, dass ihr mit eurer Trauer nicht allein seid; dass auch unsere Welt erschüttert wurde; dass überall in unserem Land, wir mit euch geweint haben, wir unsere Kinder fest umarmt haben. (...) Newtown, du bist nicht allein.

Mit euren Geschichten von Stärke, Entschlossenheit und Aufopferung habt ihr uns in diesen schweren Zeiten auch inspiriert. Wir wissen, dass die Mitarbeiter der Schule nicht zurückschreckten, nicht zögerten, als die Gefahr in die Flure der Sandy-Hook-Grundschule einzog. Dawn Hochsprung und Mary Sherlach, Vicki Soto, Lauren Rousseau, Rachel Davino und Anne Marie Murphy - wir können uns nur wünschen, in so einer furchterregenden Situation so zu reagieren wie sie - mit Mut und Liebe; sie haben ihr Leben für das der Kinder in ihrer Obhut geopfert.

Wir wissen, dass andere Lehrer sich in den Klassenzimmern verbarrikadiert haben, bei all dem Ruhe bewahrt haben und ihre Schüler beruhigten, indem sie sagten: "Wartet auf die Guten, sie kommen", "Zeig mir dein Lächeln".

Und wir wissen, dass die Guten gekommen sind. (...)

Und es gab auch die Szenen, in denen Schulkinder sich gegenseitig halfen, sich festhielten, brav die Anweisungen befolgten, wie kleine Kinder das manchmal tun; ein Kind versuchte einen Erwachsenen gar zu trösten mit den Worten: "Ich kann Karate. Es ist ok. Ich bringe uns hier raus." (...)

Aber als Nation müssen wir uns einigen schweren Fragen stellen. (...) Wir wissen, dass unsere Kinder sich mit dem ersten Schritt und jedem folgenden ein Stück weit von uns entfernen - dass wir nicht immer für sie da sein können und werden. Sie werden Krankheit erleben, Rückschläge, gebrochene Herzen und Enttäuschungen. Und wir lernen, dass unsere wichtigste Aufgabe darin besteht, ihnen das zu geben, was sie brauchen, um selbstständig, fähig und belastbar zu sein; bereit, sich ohne Angst der Welt zu stellen.

Und wir wissen, dass wir das nicht allein leisten können. (...) Dass die Aufgabe, unseren Kindern Sicherheit zu bieten, ihnen Dinge beizubringen, etwas ist, dass wir nur zusammen schaffen können, mit der Hilfe von Freunden und Nachbarn, der Hilfe der Gemeinde und der Hilfe der Nation. (...)

Das ist unser erster Auftrag - für unsere Kinder zu sorgen. Es ist unsere erste Aufgabe. Danach werden wir als Gesellschaft beurteilt.

Können wir wirklich sagen, als Nation, dass wir diese Pflicht erfüllen? Können wir ehrlich sagen, dass wir genug tun, um unsere Kinder - sie alle - vor Unheil zu schützen? Können wir als Nation den Anspruch erheben, dass wir alle an einem Strang ziehen, sie wissen lassen, dass sie geliebt werden und ihnen beibringen, Liebe zu erwidern? Können wir sagen, dass wir wirklich genug machen, um allen Kindern in diesem Land die Chance zu geben, die sie verdienen, um ihr Leben mit Glück und Zweck zu leben?

Ich habe in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht, und wenn wir ehrlich mit uns sind, die Antwort ist nein. Wir tun nicht genug. Wir werden uns ändern müssen.

Zum vierten Mal, seitdem ich Präsident bin, kommen wir zusammen, um eine trauernde Gemeinde zu trösten, die von einer Schießerei erschüttert wurde. Zum vierten Mal umarmen wir Überlebende. Zum vierten Mal trösten wir die Familien der Opfer. Und in der Zwischenzeit hat es endlose Serien von tödlichen Schießereien in diesem Land gegeben, nahezu täglich Berichte von Opfern, viele von ihnen Kinder, in Klein- und Großstädten quer durch Amerika - Opfer, deren einziges Vergehen es oft war, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

Wir können das nicht mehr tolerieren. Diese Tragödien müssen enden. Und um sie zu beenden, müssen wir uns ändern. Wir werden zu hören bekommen, dass die Gründe für diese Gewalt komplex sind, und das ist wahr. Kein einziges Gesetz oder Bündel von Gesetzen kann Böses ausrotten oder jeden sinnlosen Gewaltakt in unserer Gesellschaft verhindern.

Aber es gibt keine Ausreden für Untätigkeit. Ganz sicher können wir es besser machen als bisher. (...)

In den kommenden Wochen werde ich meine Macht im Amt (...) zu Bemühungen nutzen, die darauf abzielen, weitere Tragödien wie diese zu verhindern. Denn was für eine Wahl haben wir? Vorfälle wie diese dürfen nicht zur Routine werden. (...)

Charlotte. Daniel. Olivia. Josephine. Ana. Dylan. Madeleine. Catherine. Chase. Jesse. James. Grace. Emilie. Jack. Noah. Caroline. Jessica. Benjamin. Avielle. Allison.

Gott hat sie nach Hause gerufen."

Übersetzung: dpa

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