Trauer in Connecticut Papa, was ist ein Massaker?

Wie erklärt man einem Kind das Unerklärliche? Am Tag nach dem Amoklauf in der Sandy-Hook-Grundschule trauern die Menschen in Newtown - und suchen nach dem richtigen Umgang mit dem Geschehenen. Viele zogen ausgerechnet wegen der Sicherheit in die wohlhabende Kleinstadt.

Aus Newtown, Connecticut, berichtet Wlada Kolosowa

SPIEGEL ONLINE

Newtown - Normalerweise beginnt der Samstagmorgen für David Freedman so spät wie möglich. Heute steht der 43-Jährige schon um kurz nach sieben Uhr vor der Turnhalle der Reed Intermediate School, wo Psychologen Unterstützung nach dem Blutbad an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown anbieten. Er will mit Antworten nach Hause kommen, bevor seine Kinder aufwachen. "Wie soll ich ihnen erklären, was passiert ist?", fragt Freedman. "Ich verstehe es selbst nicht."

Er zog in diese Postkartenwelt, um seine Kinder so lang wie möglich vor dem Unerklärlichen zu schützen. Hier leben sie in einem riesigen Haus im Grünen, das selten abgeschlossen wird. Menschen ziehen nach Newtown, um Kinder großzuziehen: wegen der frischen Luft; wegen der Nachbarn mit perfekten Zähnen, die sie gern in einem Lächeln aufblitzen lassen; wegen Schulen mit Auszeichnungen. "Ich dachte, ich habe meine Kinder in die meistbehütete aller Welten gebracht." Im letzten Jahr habe es Freedmans Wissens nach in Newtown nur einen Mord gegeben. Am Freitag erschoss Adam Lanza an einem Tag 27 Menschen, darunter 20 Kinder, alle im Alter zwischen sechs bis sieben Jahren, seine Mutter. Und sich selbst.


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Freedmans neunjähriger Sohn und seine achtjährige Tochter gingen zwar nicht zur Sandy-Hook-, sondern zu einer anderen Grundschule in Newtown. Bisher konnte er sie vom Fernseher und dem Internet fernhalten. "Aber Kinder sind smart, sie ahnen etwas", sagt Freedman. Und spätestens am Montag wird er ihnen die Wahrheit nicht mehr vorenthalten können. In einer Stadt mit etwa 30.000 Einwohnern werden auch in ihrem Schulbus Kinder sitzen, die einen Freund verloren haben.

Nicht mehr erzählen, als nötig ist

"Was sage ich meinen Kindern? Diese Frage wurde mir bisher am häufigsten gestellt", sagt die Psychologien Dr. Jeannie Pasacreta. Die vierfache Mutter zog vor 20 Jahren nach Newtown - aus den gleichen Gründen wie Freedman: wegen der guten Schulen und der Sicherheit. Weil dieses Gefühl gestern zerschellte, ist Pasacreta gerade auf dem Weg zur Schulturnhalle, um zusammen mit anderen Psychologen und Sozialarbeitern den Einwohnern von Newtown zu helfen.

"Wer kleine Kinder hat, soll sich so gefasst wie möglich geben und seine Trauer für sich behalten", rät Pasacreta. Solange die Eltern nicht das Gefühl vermittelten, dass die Welt schwankt, bekämen Kinder keine Angst. Sie rät den Eltern, auf posttraumatische Symptome wie etwa Bettnässen zu achten. Außerdem sollten sie die Kleinsten nicht fernsehen oder im Internet surfen lassen - und die Waffen wegsperren: "Die Kleinen haben noch kein Verständnis dafür, was der Tod ist und dass er für immer bleibt. Sie könnten denken, dass ein Gewehr sie mit ihren Freunden vereinen könnte."

Wie viel man Kindern von der Tragödie erzählt, hänge von ihrem Alter und ihrer geistigen Entwicklung ab, sagt Pasacreta. Wichtig sei es, nur die Antworten zu geben, nach denen die Kinder verlangen und sie so einfach und kurz wie möglich zu halten. "Seid ehrlich, aber überfordert die Kinder nicht." Die Kleinsten hätten wahrscheinlich nicht einmal Fragen, sagt sie.

"Ich weiß, dass etwas Schlimmes passiert ist, aber ich will nicht wissen, was", sagt die achtjährige Gaby Jimenez. Ihre zwölfjährige Schwester Isabella war gerade beim Schulgottesdienst, als das Schießen losging. "Sie sagten uns: 'Betet, es ist etwas Schlimmes passiert'", erzählt sie. "Den Rest erfuhr ich erst zu Hause." Vor allem bei jüngeren Kindern überließen viele Schulen es den Eltern, die Geschehnisse zu erklären. "Ich versuche, so behutsam wie möglich zu sein", sagt der Vater der beiden Mädchen, Diego Jimenez. "Aber die Wahrheit ist: Unsere kleine Welt wird nie wieder die gleiche sein. Sie baute auf Kindern auf." Genau wie Großstädte Glückssucher anziehen, kamen Menschen aus ganz Amerika in diese recht wohlhabende, windstille Stadt, um sich niederzulassen.

Der Täter: still, angenehm im Umgang

"Als ich heute aufwachte, dachte ich, es sei ein Alptraum", sagt Marsha Moskowitz. "Mit tut jeder leid, der seinem Kind heute erklären muss, dass es die Wirklichkeit ist."

Moskowitz war 20 Jahre lang die Schulbusfahrerin in Newtown. Zwei der ermordeten Kinder fuhr sie regelmäßig zur Schule. Sie erinnerte sich auch an Adam Lanza. "Er war still, angenehm im Umgang, sagte nicht viel, zu niemanden", sagt Moskowitz. "Ich kann nicht sagen, dass ich ihn gut kannte. Aber das tat wohl niemand."

Viele suchen heute Trost bei anderen Menschen. Die meisten Kirchen sind geöffnet, viele Fassaden und Schaufenster zieren Beileidsbekundungen und aufmunternde Sprüche. Viele kamen auch, um Blumen niederzulegen oder um sich psychologischen Rat einzuholen. "Man denkt, die Welt bleibt stehen", sagt Pasacreta. "Aber man muss Fragen lösen, die alltäglich scheinen. Wie nehme ich meinem Kind die Angst, am Montag in die Schule zu gehen? Soll ich die Weihnachtsdekoration hängen lassen?"

Viele schalteten die üppige Weihnachtsbeleuchtung an ihren Häusern aus, um ihrer Trauer zu demonstrieren. Aber wie erklärt man einem Fünfjährigen den Grund dafür?

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