Amoklauf von Ansbach Sollen Waffen in Deutschland verboten werden?

Der Amoklauf von Ansbach mit elf Verletzten hat eine neue Diskussion über die deutschen Waffengesetze ausgelöst: Gehören Schusswaffen grundsätzlich verboten? Auf SPIEGEL ONLINE geben die Experten Hermann Scheer und Jürgen Kohlheim zwei unterschiedliche Antworten.

dapd

PRO

Hermann Scheer

Hermann Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter für Waiblingen:

"In Deutschland dürfen Privatleute keine Waffen im Haus haben. Wir müssen das schlicht und einfach verbieten. Die Geschehnisse von Ansbach zeigen doch, dass ein Amokläufer ohne Zugang zu Schusswaffen rechtzeitig von der Polizei gestoppt werden kann. Sie kann leichter eingreifen, das Risiko für die Beamten ist etwas geringer.

Ganz anders war das vor sechs Monaten im schwäbischen Winnenden, das in meinem Wahlkreis liegt. Da plünderte der Täter den Waffenschrank seines Vaters - und die Polizei hatte keine Chance, die Tat zu verhindern. Es schießt sich eben schneller als es braucht, einen Molotow-Cocktail zu werfen, wie es Georg R. in Ansbach tat.

Somit spricht alles für ein rigides Waffenverbot. Die bisherigen Verschärfungen des Waffenrechts allein bringen kaum was. Die Polizei ist doch überfordert, wenn sie etwa auf Verdacht hin Stichproben in Privathäusern machen soll. Das findet ganz selten statt, die Polizei hat dafür gar nicht die personellen Ressourcen.

Nur ein Verbot von Waffen für den Privatgebrauch kann die Konsequenz sein. Die Sportschützen müssen ihre Waffen ja nicht selbst besitzen, sondern können sie im Vereinsheim ausgehändigt bekommen. Ich habe da persönliche Erfahrung, weil ich früher aktiv im Modernen Fünfkampf war, der ja auch das Pistolenschießen umfasst.

Keiner von uns hatte eine Privatpistole, sondern man händigte uns die Waffen samt Munition vor Training und Wettkampf aus, später reinigten wir sie und gaben sie wieder ab. Man muss doch keine Waffen aus Liebhaberei zu Hause rumliegen haben."

Aufgezeichnet von Sebastian Fischer

CONTRA

Jürgen Kohlheim

Jürgen Kohlheim, Vizepräsident des Deutschen Schützenbundes:

Natürlich brauchen wir Waffen in Deutschland. Der Schießsport hat eine lange Tradition bei uns, die ganze Republik bejubelt regelmäßig die Erfolge unserer Sportschützen. Und wie sollen bitte 400.000 Jäger für das biologische Gleichgewicht der Fauna sorgen, wenn sie keine Gewehre mehr besitzen und benutzen dürfen?

Vor allem aber brächte eine Radikalkur, allen Privatpersonen die Waffen zu nehmen, überhaupt keinen Zugewinn an Sicherheit. Schon heute werden lediglich 0,03 Prozent aller Straftaten in Deutschland mit den acht bis zehn Millionen legalen Waffen begangen. Ein viel größeres Problem stellt laut Polizei die Zahl der illegalen Waffen dar, die - sehr konservativ geschätzt - dreimal höher ist.

Kritiker fordern immer wieder, die Waffen der Sportschützen sollten zentral gelagert werden. Das ist Unsinn! Auf diese Weise schüfe man riesige Depots, die aufwendig gesichert werden müssten und Straftäter erst recht anzögen. Eine beängstigende Vorstellung.

Sportschützen und Jäger gehören schon heute zu den am strengsten kontrollierten Bundesbürgern. Eine weitere Verschärfung des Waffengesetzes tut nicht Not. Die Tat von Ansbach zeigt doch: Nicht die Waffen schaffen Amokläufer. Diese verwirrten jungen Männer schlagen auch dann zu, wenn sie gar nicht an Schusswaffen gelangen konnten.

Insofern sollten wir endlich über die Ursachen der stetig wachsenden Zahl von jugendlichen Gewaltexzessen diskutieren - und nicht immer nur über ihre Werkzeuge. Die nämlich richten - in den richtigen Händen - kein Unheil an.

Aufgezeichnet von Jörg Diehl

insgesamt 1017 Beiträge
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Seite 1
capu65, 19.09.2009
1.
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
Die meisten jugendlichen Gewalttäter werden sich nicht von Videokameras aufhalten lassen. Diese denken nicht rational in solchen Momenten. Alkohol, Drogen und das wichtigste, Testosteron sind stärker als der Gedanke an Videokameras.
discipulus, 19.09.2009
2.
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
Video-"Überwachung" ist die Methode des repressiven Staates, der Diktaturen jeglicher Farbschattierung. Sinnvoller wäre, es Kamera-Attrappen aufzustellen vergleichbar mit den Notrufsäulen-Attrappen auf den Strecken der Bayerischen Oberlandbahn wie beim Mord in München-Solln dokumentiert.
caillebotte, 19.09.2009
3. Ganz kurze Antwort: NEIN! Man braucht "Bodentruppen"
Zitat von sysopGewalt auf U-Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen erregt Bürger und Politiker. Lösungen und Prävention werden heftig diskutiert. Immer wieder ein Favorit ist die lückenlose Videoüberwachung von Gewalt-Brennpunkten. Kann sie entscheidend zur Lösung des Problems Jugendgewalt beitragen?
auch wenn ich einen Beitrag aus einem anderen Thread sinngemäß wiederhole. Sehr lange, bevor der Mord an Herrn Brunner passiert war hatte ich das Problem, auf dem U-Bahnhof Münchener Freiheit zu stehen, als jugendliche anfingen, dort eine veritable Schlägerei unter Anwendung asiatischer Kampftechniken aufzuführen - und das war KEINE SHOW! Die von mir per Notruf auf dem perfekt videoüberwachten Bahnhof gerufene Polizei war auch nach ca. 15 Minuten noch nicht da. Ich habe mich dann "diskret zurückgezogen" weil ich keine Lust hatte totgeschlagen zu werden, wenn sich schon die Polizei nicht blicken lässt, die es ob ihrer Bewaffnung etwas einfacher hat da einzugreifen als jemand, der nicht mal einen weissen Gürtel in Karate hat :-) Von daher - ähnlich, wie es Herrn Oberst Klein in Afghnistan gerade ging - wenn man qualifiziert etwas verhindern will, braucht man nicht nur Aufklärung, sondern auch Bodentruppen in ausreichender Menge. Videokameras ohne Poliziei, die auch eingreift sind SINNLOS. Und wenn ich es den Diskussionen hier richtig entnommen habe: * Stellen bei der Polizei werden gestrichen * offensichtlich zu viel Verwaltung und zu wenig Beamte auf der Strasse * Video ist da nur ein billiges Placebo für die Bevölkerung - das leider noch üble Nebenwirkungen hat. Und zum Schluss noch einer: War neulich mal in England - habe abends BBC Nachrichten geschaut. Da hatten sie an einem Abend zwei perfekte Filme von Morden - schön auf Video - nur die Opfer waren leider - na was - TROTZDEM TOT! In GB haben sie jetzt sehr viele Mordvideos - aber leider auch nicht weniger Opfer.
romy88 19.09.2009
4. münchen
Ich würde gern eure Meinung wissen, auch wenn ihr keine Hintergründe wisst. Denkt ihr dass die Polizei zu spät reagiert hat und eher am Bahnsteig hätte eintreffen sollen ,immerhin sind es zw. Donnersb. Br. und Solln noch 4 stationen oder tragen die beamten keine mitschuld ,weil es nicht unmöglich ist so schnell von A nach B zu kommen,was meint ihr?
shakowsky 19.09.2009
5.
Man sollte da denke ich auch mal die Kirche im Dorf lassen. Dank einer (durch die Medien, auch den Spiegel) massiv begünstigten Befindlichkeit in Deutschland ist ANGST das vorherrschende Lebensgefühl des grössten Teils der Bevölkerung. Mit ANGST lässt sich nämlich blendend Auflage machen, Angst vor Moslems, Milben, Jugendlichen, Feinstaub, Kopfhörern, ungewaschenem Obst... Wenn sich Jugendliche prügeln, muss man weder einschreiten, noch die Polizei rufen. Das tun Jungs seit hunderttausenden von Jahren. Wenn Leute, die am Boden liegen, zusammengetreten werden, dann MUSS man einschreiten, und wenn die Täter von Solln jeweils 10 Jahre kriegen, würde ich jeden Zeugen ohne wenn und aber zur Hälfte davon verdonnern, etwas erbärmlicheres als 15 Leute, die zuschauen, wie ein einzelner von zwei Kindern totgeschlagen wird, lässt sich nur schwer vorstellen. Und nein, wenn ich dem Mann helfe, muss ich eben NICHT um mein eigenes Leben fürchten, denn allein das Schaffen einer zwei gegen zwei Situation (geschweige denn einer 15 gegen zwei Situation) hätte die ganze Sache in Null Komma Nix aufgelöst. Video Überwachung verhindert - siehe England - gar nichts. Weniger "Wegschauen aus Angst, involviert zu werden" - Mentalität, wie sie das Opfer gezeigt hat (leider als einziger und daher mit diesem tragischen Ausgang) ändert alles. DAS ist der wahre Skandal, die Gaffer. Übrigens...letztes Jahr hat hier in Mü-Neuperlach ne Mädchengang jemanden stationär ins Krankenhaus befördert, das ist kein reines (wenn auch zugegeben ein überwiegendes9 Testosteron Phänomen. Das hat eher was mit nicht vermittelten Werten zu tun. Und solange in München grossangelegte Razzien auf Fahrradfahrer, die auf der falschen Strassenseite fahren, veranstaltet werden, solange Strafverfahren für den Besitz winziger Cannabiskrümel eingeleitet werden, solange die Hauptbeschäftigung der Beamten das Verteilen von Strafzetteln ist und solange die lieben Fernsterbank Bürger lieber die Polizei anrufen, als selber mal Farbe zu bekennen in ihren Gartenzaunkonflikten, solange sehe ich auch keinen Bedarf an mehr Beamten. Die sollten halt mal aufhören, Greifertrupps am Bahnhof hinter Schulschwänzern herzuschicken, dann kommen sie auch mit der Arbeit hinterher.
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