Amoklauf von Blacksburg Falsche Fährte verschaffte Killer zwei Stunden Zeit

Zwei Stunden vergingen zwischen den ersten Morden im Wohnheim von Blacksburg und dem Massaker an 30 Menschen im Uni-Gebäude. Jetzt ist klar, warum die Polizei den Täter nicht stoppte: Sie verfolgten einen falschen Verdächtigen.


Blacksburg - Warum nun konnte der Amoklauf von Blacksburg nicht verhindert werden? Zwei Stunden ließ sich der Täter Zeit, nachdem er am Montagmorgen um kurz nach sieben Uhr im Wohnheim die 18-jährige Emily Hilscher und Ryan Clark, 22, erschoss. Bewaffnet mit seiner 9-Millimeter-Glock und einer Walther P-22 eröffnete Cho Seung-Hui um kurz vor neun Uhr im Hörsaalgebäude Norris Hall das Feuer, die Türen hatte er von innen verkettet, dann schoss er sich durch vier Seminarräume. Auch auf der Treppe entdeckten Fahnder später von Kugeln durchsiebte Leichen.

Polizeiwagen vor Norris Hall: Von einem einmaligen Vorfall ausgegangen
DPA

Polizeiwagen vor Norris Hall: Von einem einmaligen Vorfall ausgegangen

Erst jetzt wird deutlich, warum die Polizei den Killer nicht stoppte: Durch einen Hinweis einer Mitbewohnerin von Emily Hilscher glaubten die Fahnder, den Täter zu kennen - Hilschers Freund Karl D. Thornhill. Laut Informationen der "New York Times" hatte die Studentin Heather Haugh zu Protokoll gegeben, sie sei kürzlich mit dem Verdächtigen auf einer Schießanlage gewesen - der Mann sei im Besitz von Waffen.

Von einer Verbindung zwischen dem Amokläufer und ihrer Mitbewohnerin wisse sie allerdings nichts, so Haugh. "Ich habe ihn nie gesehen", sagte die 18-Jährige der "Los Angeles Times", "ich kenne seinen Namen nicht. Emily kannte ihn auch nicht, so weit ich weiß."

Von der Polizei zum Verhältnis zwischen Hilscher und Thornhill befragt, habe Haugh gesagt: "Es war eine perfekte Beziehung, sie hatten keine Probleme." Hilscher habe ihre Familie geliebt und "jeden Tag mit iher Mutter telefoniert. Ich werde sie so sehr vermissen."

Obwohl die Polizei den Täter nach den ersten Schüssen nicht gefasst hatte, lief der Betrieb auf dem Universitätsgelände uneingeschränkt weiter. Die Polizei erklärte, sie habe die Schüsse in dem Wohnheim für einen isolierten Vorfall gehalten und deswegen zunächst keine weiteren Maßnahmen ergriffen.

In dem Moment, als die Polizei Thornhill ausfindig machte und befragen konnte, fielen die Schüsse in Norris Hall. "Zu diesem Zeitpunkt gab es sicherlich keinen Grund zu glauben, dass es noch einen anderen Verdächtigen gab", sagte W. Steven Flaherty, Chef der Virgina State Police. Weitere Offizielle nehmen die Campus-Polizei in Schutz: Charles W. Steger, der Präsident der Universität und Wendell Flinchum, der Chef der Campus-Polizei hätten "die richtigen Entscheidungen getroffen, auf der Basis der besten Informationen, die sie zu diesem Zeitpunkt hatten", sagte John W. Marshall, der Sicherheitsbeauftragte des Bundesstaates.

Virginias Gouverneur Tim Kaine versicherte, er werde innerhalb von zwei Tagen eine unabhängige Mannschaft von Ermittlern berufen, die den Ablauf der Ereignisse rekonstruieren soll. Warum Verantwortliche der Universität und Polizei Cho Seung-Hui nicht in Verdacht hatten, soll geklärt werden. Schließlich war der Student in Lehrveranstaltungen durch gewaltverherrlichende Prosa aufgefallen.

Ian MacFarlane, der mit dem Täter in einem Kurs war, berichtete, Cho habe "sehr anschauliche" und "extrem beunruhigende" Theaterstücke geschrieben. Sie seien "wie aus einem Albtraum" gewesen. "Die Stücke waren voller perverser, makaberer Gewalt mit Waffen, die ich mir nie hätte vorstellen können."

Die Englisch-Professorin Lucinda Roy sagte dem Sender CNN, sie sei besorgt wegen seines Zorns gewesen, habe ihn aus einer Klasse genommen und einzeln unterrichtet. Dies sei vor rund eineinhalb Jahren gewesen, Roy habe auch Polizei und Uni-Verwaltung informiert. Kommilitonen berichteten von seltsamen Verhaltensweisen, er habe nur geflüstert, auf Kritik habe er nicht reagiert, sich auffällig abgegrenzt.

Nach Angaben zweier ehemaliger Zimmergenossen war Chos Verhalten "unüblich", er habe von Selbstmord gesprochen und drei Frauen nachgestellt. Die Behörden bestätigten laut CNN, dass im vergangenen Jahr gegen Cho ermittelt wurde, weil er eine Frau persönlich und per E-Mail verfolgt haben soll.

Spekulationen über einen Abschiedsbrief wurden zurückgewiesen: "Cho hat keine Suizid-Nachricht hinterlassen", sagte Polizeisprecher Flaherty. Der Sender ABC News berichtete jedoch, Cho habe eine Botschaft hinterlassen: "Ihr habt mich dazu gebracht, das zu tun." Bereits gestern hatte die "Chicago Tribune" über diese Notiz berichtet, in der sich der Todesschütze über "reiche junge Leute, "Verkommenheit" und "betrügerische Scharlatane" auf dem Campus beschwert habe.

In Seoul setzte die Regierung die Diskussion über mögliche Folgen für die koreanische Gemeinschaft in den USA fort. Präsident Roh Moo Hyun hoffe, dass die Gemeinde der Koreaner in Amerika zusammen mit allen US-Bürgern "weise" mit diesem traumatischen Erlebnis umgehen werde, teilte das Präsidialamt in Seoul mit.

jto/Reuters/dpa



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