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Amoklauf von Emsdetten: Zehn Millionen legale Waffen - und ein paar Millionen illegale

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Sebastian B. hat sich einen Teil seines Waffenarsenals über das Internet-Auktionshaus eGun in Darmstadt ersteigert - ganz legal. Aber auch illegal können Interessenten in Deutschland ohne große Probleme an Waffen kommen.

Hamburg - Unter einem Pseudonym soll Sebastian B. Waffen beim Internet-Auktionshaus eGun in Darmstadt ersteigert haben - darunter auch die Vorladerwaffe, mit der sich der 18-Jährige am Ende seines Amoklaufs das Leben nahm. Wie er an das Kleinkalibergewehr kam, das er bei sich trug, konnte noch nicht ermittelt werden. "Das hätte er keinesfalls besitzen dürfen", so Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer.

EGun bestätigte, dass Sebastian B. einen Teil seiner Waffen über die Handelsplattform des Unternehmens gekauft hat. "Richtig ist, dass der Täter im Oktober und November 2006 an drei Internetauktionen teilnahm", schreiben die Betreiber auf ihrer Homepage.

Dabei habe er Waffen erworben, die für jedermann ab dem 18. Lebensjahr frei verkäuflich seien. "Nach der geltenden Rechts- und Gesetzeslage hätte der Täter die fraglichen Einkäufe jederzeit auch in einem Waffengeschäft vornehmen können." Käufer und Verkäufer müssen sich namentlich mit Anschrift und Altersangaben registrieren, bevor sie aktiv werden. Der Kauf und die Übergabe der Waffen werden persönlich abgewickelt.

Das Darmstädter Unternehmen betonte, es habe nicht gesetzwidrig gehandelt: "Die Firma eGun bedauert aufrichtig die schlimmen Vorfälle von Emsdetten, insbesondere, dass hierbei Menschen verletzt wurden, und verurteilt die Tat auf das Schärfste." Gegen das Auktionshaus ist laut Staatsanwaltschaft bisher noch nie ermittelt worden - im Gegenteil: "Wenn es Hinweise auf verbotene Geschäfte gab, hat eGun immer sehr kooperativ die Namen der betroffenen Händler preis gegeben", so ein Sprecher des Landeskriminalamtes.

Zehn Millionen Waffen sind in Deutschland registriert

"Mit genügend krimineller Energie kommt man in Deutschland jederzeit an Waffen", sagt Arne Niederbacher zu SPIEGEL ONLINE. Der Sozialwissenschaftler erforschte jahrelang die Faszination, die Waffen auslösen. Menschen den Zugang zu Waffen zu verbieten, hält er für sinnlos. "Wenn ich auf illegalem Weg eine Waffe erwerben will, ist das kein Thema - in manchen Städten reicht es, sich dafür am Bahnhof umzuhören."

Die meisten illegalen Waffen würden aus den benachbarten Ländern, speziell aus dem ehemaligen Jugoslawien, nach Deutschland geschmuggelt, sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes zu SPIEGEL ONLINE. Allein im vergangenen Jahr seien mehr als 12.500 Fälle von Waffenkriminalität registriert worden. 2002 schätzte die Gewerkschaft der Polizei die Zahl der illegalen Schusswaffen in Deutschland auf 20 Millionen, die Größenordnung wurde seither nie ernsthaft bestritten. Die Sprecherin des Bundeskriminalamtes dazu: "Uns liegt hierzu kein statistisches Datenmaterial vor, und Schätzungen geben wir nicht ab."

3,6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik besitzen legal Schusswaffen: Davon sind zwei Millionen Traditions- und Sportschützen, 900.000 so genannte Altbesitzer und Erben von Waffen, 400.000 Jäger und 300.000 Sammler, die Waffen in erster Linie als Kulturgegenstand bewerten. Insgesamt sollen sie schätzungsweise zehn Millionen legal registrierte Waffen besitzen. Drei Prozent aller mit Schusswaffen begangenen Verbrechen werden von registrierten Waffenbesitzern begangen, so Niederbacher. "Seit Jahren eine konstante Zahl."

Der legale Weg, an Waffen zu kommen, sei schwer, so der Experte. Schützenvereine weisen eine hohe soziale Kontrolle auf. Ein Sportschütze muss erst einmal von einem Verein aufgenommen werden - die erste große Hürde. Ein Jahr lang darf er nur mit einer vereinseigenen Waffe schießen und muss darüber Buch führen. Am Ende des Jahres muss er eine Sachkundeprüfung ablegen, ähnlich einer Führerscheinprüfung. Personen unter 25 Jahren müssen sich ein psychologisches Gutachten erstellen lassen.

Neben der geistigen Reife und der persönlichen wie körperlichen Eignung müssen Sportler, Jäger, Sammler oder gefährdete Personen wie Geldtransporteure ihr besonderes Bedürfnis nachweisen. Eine weitere Verschärfung des Waffengesetztes, so Niederbacher, bringe nicht den erzielten Zweck. "Je mehr Regularien, desto mehr driftet der Wunsch nach Waffen in die Illegalität ab."

Gegen die Faszination sind in erster Linie Männer machtloser als Frauen. "Es fängt meist auf der Kirmes an, wenn man mit einem Luftdruckgewehr auf Plastikrosen schießt. Im Anschluss geht es zur Bundeswehr, wo bei einigen der Wunsch noch einmal stärker wird." Auch Sebastian B. träumte davon, zur Bundeswehr zu gehen.

Niederbacher vergleicht die Leidenschaft von Männern für Waffen mit der für Autos. "Sie sind fasziniert von ihrer Ästhetik, ihrer Technik, ihrer Historie und der Dimension zu schießen. Und so etwas würde man auch gern besitzen. Es ist eben etwas anderes, eine Waffe zu besitzen als eine Laubsäge." Nur in den seltensten Fällen besäßen Menschen eine Waffe, um sie aus Angst vor Einbrechern unter ihr Kopfkissen zu legen.

Mit Material von dpa und AP

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Amoklauf in Emsdetten: Die Waffen des Sebastian B.

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