Amoklauf von Lörrach "Man hatte das Gefühl, sie sind gut zueinander"

In Häg-Ehrsberg ist die Welt aus den Fugen: In dem kleinen Schwarzwald-Dorf hatte die Amoktäterin von Lörrach mit Ehemann und Kind gelebt. Sabine R. galt dort als fröhlicher Mensch und liebevolle Mutter - jetzt stehen die Einwohner vor einem Rätsel.

dapd

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Hamburg - Häg-Ehrsberg ist eine kleine Gemeinde im Naturpark Südschwarzwald, rund 800 Menschen leben dort, malerisch schmiegen sich winzige Dörfer an samtgrüne Berghänge - ein Idyll.

Vor mehr als fünf Jahren waren Sabine R., die Amoktäterin von Lörrach, und ihr Ehemann Wolfgang in den Ortsteil Rohmatt gezogen. Straßennamen gibt es dort nicht, nur Hausnummern, so überschaubar ist die Anzahl der Gebäude. Die R.s hatten zuvor im nicht weit entfernten Inzlingen gelebt, sie kauften in Rohmatt das Haus einer alten, pflegebedürftigen Frau, die zu ihrer Tochter gezogenen war. Sabine R. war damals hochschwanger.

Ihr Ehemann stammte aus dem benachbarten Schopfheim, sie selbst war am Rhein aufgewachsen, im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim. Noch heute erinnern sich die Nachbarn in Rohmatt daran, wie sich die Juristin höflich bei ihnen vorstellte. "Sie kam auf einen zu, war ganz herzlich und freundlich", sagt eine. "Wir haben uns gefreut, dass eine junge Familie hier einzieht, auch ihr Mann wirkte sympathisch, mehrfach bot er von sich aus seine Hilfe an."

Die Eheleute R. wurden Fördermitglieder im örtlichen Musikverein, engagierten sich bei Festen und Auftritten. Mit Freunden renovierten sie peu à peu das Haus aus den fünfziger Jahren. Erst die Heizung, dann die Fenster, später die Türen. Das Einfamilienhaus steht am Waldrand. Rote Herzen hängen in den Fenstern. "Man hatte das Gefühl, sie leben sich schnell bei uns ein", sagt ein Bewohner. "Und man hatte das Gefühl, sie sind gut zueinander."

Warum nur tötete Sabine R. ihr eigenes Kind?

Als die beiden Eheleute nach fünf Jahren getrennte Wege gingen, machte das im Ort schnell die Runde. Nach außen hin lief die Trennung friedlich ab.

Auch hier können die Menschen kaum begreifen, dass die Sabine R., die sie als Nachbarin kannten, jene Frau sein soll, die nun in Lörrach erst Mann und Kind tötete - den Sohn erstickte sie mit einer Plastiktüte - dann auf der Straße um sich schoss und im Krankenhaus schließlich einen Pfleger erstach und ihm in den Kopf schoss. Mehr als 300 Schuss Munition hatte sie während ihres Feldzugs bei sich.

Die Gemeinde, befreundete Nachbarn, Arbeitskollegen - sie sind ratlos. "Tödliche Eifersuchtsdramen gibt es immer wieder", sagt Bürgermeister Bruno Schmidt. "Dass eine Frau aber ihr eigenes Kind umbringt und danach Amok läuft, das können wir noch immer nicht fassen." Schockiert habe man am Montagabend bei der Gemeinderatssitzung beieinander gesessen und sich den Kopf darüber zerbrochen.

Der Sohn der R.s, Roman, besuchte den katholischen Kindergarten im Dorf, wurde in der Woche von zwei Tagesmüttern abwechselnd betreut.

Eine der beiden Frauen sprach mit SPIEGEL ONLINE, sie holte Roman im Wechsel mit der anderen Tagesmutter vom Kindergarten ab, nahm ihn mit zu sich nach Hause. Sie brachte erst vor kurzem ihr drittes Kind zur Welt - auf der gynäkologischen Abteilung des St.-Elisabethen-Krankenhauses in Lörrach, in die Sabine R. am Sonntagabend mit Pistole und Messer bewaffnet stürmte.

"Sie war weder psychisch angespannt noch hatte sie einen Hass"

Ihr ist es wichtig, sagt die Frau, die ihren Namen nicht genannt wissen möchte, das "falsche Bild" von Sabine R. geradezurücken. "Sie war weder psychisch angespannt, wie das die Staatsanwaltschaft dargestellt hat, noch hatte sie einen Hass aufs St.-Elisabethen-Krankenhaus", sagt die Tagesmutter. Sabine R. sei "eine liebevolle, fürsorgliche Mutter" gewesen. Anders als in anderen Medien dargestellt, habe R. mit ihr nie über die Klink in Lörrach gesprochen.

Sabine R.s Entscheidung, den Jungen nach der Trennung beim Ehemann in Häg-Ehrsberg aufwachsen zu lassen, sei im Interesse des Kindes gefallen, sagt die Tagesmutter. Ihr Sohn sollte in seiner gewohnten Umgebung aufwachsen, den Kontakt zu seinen Freunden behalten und zu den Tagesmüttern, an denen er so hing. "Wie es auf dem Dorf ist, wurde sie sofort dafür verdammt, dass sie ihr Kind zurücklässt und alleine in die Stadt zieht", sagt die Tagesmutter. "Man unterstellte ihr, sie wollte partout Karriere machen. Dabei hatte sie sich erst vor Weihnachten als Rechtsanwältin selbständig gemacht. Hätte sie hier auf dem Dorf ihre Kanzlei eröffnen sollen?"

Nachdem Sabine R. im Juli nach Lörrach gezogen war, habe das Gerücht die Runde gemacht, dass Wolfgang R. eine neue Lebensgefährtin habe. "Ob es diese Frau schon zu Zeiten gab, als die beiden Eheleute noch zusammenlebten, wissen wir nicht", sagt einer aus dem Dorf.

Sabine R.s neues Zuhause war mehr Rechtsanwaltskanzlei als Wohnung. Laut Ermittlern hatte die Juristin nur notdürftig ein Zimmer eingerichtet. Privater Raum war demnach einzig eine Matratze.

Obwohl sie im 30 Kilometer entfernten Lörrach lebte, wurde Sabine R. weiterhin im Ort gesehen, wenn sie Roman besuchte oder ihn bei einer der Tagesmütter abholte. "Frau R. war weder verbittert noch verwahrlost, wie es jetzt hin und wieder behauptet wird", sagt die Mutter eines Kindergartenfreundes von Roman. Sie habe das Gefühl, dass mit aller Gewalt das "Bild einer Psychopathin" gezeichnet werden solle. "Vielleicht fällt es den Ermittlern leichter zu akzeptieren, dass man nur Verzweiflungstaten begehen kann, wenn man offensichtlich irre ist."

Ihren Sohn Roman schlug sie bewusstlos, erstickte ihn dann mit einer Tüte

Wolfgang und Sabine R. waren beide berufstätig. Während der 44-Jährige, ein gelernter Schreiner, als Techniker in seiner Heimatgemeinde Schopfheim arbeitete, war seine Ehefrau zunächst in der Personalabteilung einer Firma angestellt, bevor sie ihre eigene Kanzlei eröffnete. 1998 hatte sie das zweite juristische Staatsexamen abgelegt.

Dass Sabine R. Sportschützin war, war in Häg-Ehrsberg nicht bekannt. Sie sprach weder darüber noch ging sie dieser Sportart aktiv nach. Bis 1996 soll sie laut Staatsanwaltschaft Mitglied in einem Schützenverein im nordbadischen Mosbach gewesen sein, in ihrer neuen Heimat allerdings nicht. Legal besaß sie laut Behörden mindestens vier Schusswaffen verschiedener Kaliber, darunter die Tatwaffe, eine Sportpistole vom Typ Walther GSP, Kaliber .22lr

Damit schoss sie laut Obduktionsbericht ihrem Ehemann in den Kopf und in den Hals. Ihren Sohn Roman schlug sie erst bewusstlos, erstickte ihn anschließend. Am Körper des 56-jährigen Pflegers, den Sabine R. auf einem Flur im Krankenhaus tötete, zählte man drei Schuss- und zahlreiche Stichverletzungen. Sabine R. wurde von den Schüssen, die Polizeibeamte in der Klinik auf sie abgaben, tödlich getroffen, insgesamt wies ihre Leiche 17 Schussverletzungen auf.

"Sie hätte gern noch weitere Kinder gehabt"

Im Jahr 2004 hatte Sabine R. im St.-Elisabethen-Krankenhaus in Lörrach eine Fehlgeburt erlitten - recht spät in der Schwangerschaft, in der 16. Woche, wie Chefarzt Kurt Bischofberger erklärte. Sie habe sich damals dazu entschieden, im Rahmen einer psychologischen Nachsorge den toten Fötus noch einmal anzuschauen. Wenn man allerdings ein solches persönliches Drama nicht richtig verarbeite, dann komme es vor, so Bischofberger, dass Patientinnen "Dinge phantasieren, die im Extrembereich liegen".

Die Tagesmütter und Eltern aus dem Kindergarten haben, wie sie sagen, von diesem persönlichen Drama der Sabine R. nichts mitbekommen. Sabine R. habe nach Romans Geburt einen Qualifikationskurs des Kinderschutzbundes für Tagesmütter absolviert, berichten sie. "Sie hätte gern noch weitere Kinder gehabt", sagt eine Frau.

"Vielleicht konnte sie keine Kinder mehr kriegen", sagt eine Bekannte, "vielleicht machte sie ihren Ehemann oder die Ärzte dafür verantwortlich." Kurzes Schweigen. "Aber ich glaube nicht, dass sie aus diesem Grund durchgedreht ist. Es muss was anderes vorgefallen sein."

Sabine R. ist für die Menschen, die sie zu kennen glaubten, zum Rätsel geworden. Sie alle grübeln nun, stellen Fragen, die wohl nicht mehr zu beantworten sind.

insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
kdshp 22.09.2010
1. aw
Zitat von sysopIn Häg-Ehrsberg*ist die Welt aus den Fugen: In dem kleinen Schwarzwald-Dorf hatte die Amoktäterin von Lörrach mit Ehemann und Kind gelebt. Sabine R. galt dort als fröhlicher Mensch und liebevolle Mutter - jetzt stehen die Einwohner vor einem Rätsel. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,718701,00.html
Hallo, ja schön aber die frau ist nun mal amok gelaufen und hat 3 menschen hinterhältig getötet. Sie ist ein mörder und hier sollten nicht sie im vordergrund stehen sondern die opfer. Mir fällt auf das der fall anders behandelt wird als bei fällen wo männer so was machen. Finde ich nicht gut!
MacErkopp 22.09.2010
2. Psychopharmaka
Bei diesem Ausmaß von direkter Gewalt, gegen das eigene Kind (bewusstlos schlagen, dann ersticken), gegen den Pfleger (Stiche und Schüsse) und gegen Hausbewohner (Brandbeschleuniger), halte ich eine Tatbegehung bei klarem Verstand für unwahrscheinlich. Interessant wäre der Obduktionsbericht der Täterin, der einerseits Ihre Identität und andererseits mögliche bewusstseinsverändernden Substanzen in ihrem Blut belegen könnte.
schattenparker 22.09.2010
3. was...
...die eine Dame im Artikel erzählt, nämlich, dass man der Frau R. nichts angemerkt habe, glaube ich nur zu gern. Die Aussage ist absolut treffend- als ermittelnde Behörden ist es natürlich leichter, wenn man weiß, dass der Täter schon im Vorfeld- auf welche Art auch immer- auffällig war. Dann geht ein Aufatmen durch die Bevölkerung, weil man suggeriert bekommt, dass man solche Täter ja auch irgendwie schon im Vorfeld erkennen können soll (psychisch auffällig= potentielle Gefahr für mich; da halte ich mich mal besser fern). So wächst mit der Ungewissheit die Angst- ich kann mich nicht davor schützen, wenn Menschen- völlig unvorhersehbar- zu solchen Dingen fähig sind.
kdshp 22.09.2010
4. aw
Hallo, da gibt es nix zu entschuldigen wenn die frau kind und man umgebracht hat. Auch tim k. hatte seine probleme als er 15 menschen tötete und sorry nein das kann kein grund sein amok zu laufen. Für mich gibt es nur einen wirklichen grund und das ist wenn wer biologisch einen an der mütze hat und abdreht. Da das bei der frau wohl nicht der fall war hat sie eiskalt gemordet und nur an sich gedacht und das ist zutiefst zu verachten finde ich.
Haio Forler 22.09.2010
5. ..
Zitat von kdshpHallo, ja schön aber die frau ist nun mal amok gelaufen und hat 3 menschen hinterhältig getötet. Sie ist ein mörder und hier sollten nicht sie im vordergrund stehen sondern die opfer. Mir fällt auf das der fall anders behandelt wird als bei fällen wo männer so was machen. Finde ich nicht gut!
Eine ode an den mehrjährigen Sohn bringt bei der Erklärung nach der Tat auch auch keinen Schritt weiter. Über die Opfer wird schon noch gesprochen werden. Aber ich wüßte nicht, dass man nach einer solchen Tat in der Bevölkerung raunt, wie man denn zu solchem "Opfersein fähig sei"
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