Amoklauf von Winnenden Die Stille nach den Schüssen

Sein Sohn tötete 15 Menschen, verletzte 11 weitere und erschoss sich dann selbst: Jetzt steht Jörg K. vor Gericht. Begünstigte er den Amoklauf von Winnenden, weil er die Tatwaffe nicht sicher genug verwahrte? Bislang schweigt er - doch die Angehörigen der Opfer verlangen eine Antwort.

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Hamburg - Als Jörg K. am 11. März 2009 nach Hause kam, hatten Dutzende Polizisten vor seiner Wohnung Stellung bezogen. Panisch sei er beim Anblick der Beamten geworden, weil er gleich an die vielen Waffen gedacht habe, die sich in seinem Tresor befanden, sagte der Sportschütze später den Ermittlern. Da wusste er bereits, dass die Beretta 92 FS, die er in seinem Schlafzimmerschrank aus Angst vor Einbrechern unter Pullovern versteckt hatte, zur Tatwaffe eines Massakers geworden war, das sein Sohn Tim angerichtet hatte.

15 Tote und elf zum Teil schwer Verletzte - so die schreckliche Bilanz des Schul-Amoklaufs in Baden-Württemberg, der ganz Deutschland alarmierte und wesentlich zu einigen Änderungen des Waffengesetzes beitrug. Der 17-jährige Täter richtete sich nach einer stundenlangen Verfolgungsjagd mit der Polizei selbst. Ab Donnerstag muss sich sein Vater, der schwäbische Unternehmer Jörg K., nun vor dem Landgericht Stuttgart verantworten - wegen fahrlässigen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Erstmals muss sich damit in Deutschland ein Angeklagter den Richtern stellen, der zwar nicht aktiv an einem Amoklauf beteiligt war, ihn durch sein Verhalten aber begünstigt haben soll.

Dass der Prozess überhaupt stattfindet, ist der Intervention des Generalstaatsanwalts Klaus Pflieger zu verdanken. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafbefehl erlassen und damit dem Angeklagten eine öffentlichkeitswirksame Hauptverhandlung ersparen wollen. Doch Pflieger war der Überzeugung, bei dem Verfahren gehe es auch um eine "Generalprävention" und mithin um Abschreckung. Er forderte Anklageerhebung wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Zwar ließ die zuständige Kammer die Anklage zu. Sie hat jedoch in einer rechtlichen Bewertung bereits anklingen lassen, dass man lediglich von einer Verurteilung wegen fahrlässigen Verstoßes gegen das Waffengesetz ausgeht, was mit höchstens einem Jahr Haft bestraft wird. Eine fahrlässige Tötung sei dem Vater im Strafprozess nur nachzuweisen, wenn ausschließlich seine Pflichtverletzung die tödlichen Schüsse ermöglichte.

Die zentralen Fragen im Prozess sind:

  • Jörg K. verwahrte die Tatwaffe und zwei Magazine mit Patronen offen zugänglich im Haus. War diese Fahrlässigkeit die Ursache der Katastrophe? Oder wäre es auch zu dem Amoklauf gekommen, wenn der Vater alles ordnungsgemäß im Waffentresor verstaut hätte?
  • Kannte Tim K. den Code für den Waffentresor? Zeugen berichteten, der 17-Jährige habe sich damit gebrüstet, die achtstellige Zahlenkombination aus dem Geburtstag seines Vaters und dem Geburtsmonat der Mutter zu wissen - sein Vater bestritt dies gegenüber den Ermittlern vehement. Allerdings soll der Code mit dem für die Alarmanlage des Hauses übereingestimmt haben, und den könnte Tim zweifelsohne gekannt haben. Insgesamt hatte der Amokläufer am Tag des Amoklaufs 285 Patronen dabei - so viel Munition lag aber nicht offen in der Wohnung herum.
  • Hat der Vater von den Gewaltphantasien seines Sohnes gewusst, die dieser einer Psychotherapeutin bereits 2008 anvertraut hatte? War ihm bekannt, dass Tim in einer der fünf Probesitzungen von "so einem Hass auf die Menschheit" sprach, von dem Wunsch, "alle Menschen zu erschießen"? Nein, sagt der Vater, man habe ihm das nie gesagt. Die Psychotherapeutin kam zu einer Vielzahl von Diagnosen - Verdacht auf atypischen Autismus, Zwanghaftigkeit und Spielsucht, auch von einer schizophrenen Psychose soll die Rede gewesen sein. Dennoch erklärte die Ärztin knapp ein halbes Jahr vor der Bluttat, dass bei Tim K. keine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliege. Jörg K. sagte den Ermittlern, man habe ihm signalisiert, dass sich die Probleme mit der Zeit "auswachsen" würden. Er und seine Frau seien erleichtert gewesen, dass nichts Gravierendes vorlag.

Jenseits der Fragen, die im Verfahren geklärt werden müssen, gibt es zahlreiche weitere, auf die aber vermutlich keine Antwort gefunden werden wird:

  • Wieso darf jemand Dutzende Schusswaffen in einem Haus aufbewahren, in dem Kinder leben?
  • Wieso dürfen Minderjährige in Sportschützenvereinen überhaupt den Umgang mit Waffen lernen?
  • Wieso wundert sich ein Vater, dass sein Sohn zur Waffe greift, wenn er ihm doch selbst das Schießen beigebracht und jahrelang vorgelebt hat, dass Waffen etwas Interessantes, ja Begehrenswertes und Kostbares sind, etwas, das im Tresor aufbewahrt wird und im Ernstfall vor Einbrechern und anderen Übergriffen aus einer feindlich gesinnten Außenwelt schützt?

"Die Eltern des Täters müssen sich stellen"

"Meine Mandanten sind froh, dass es den Prozess überhaupt gibt", sagt Anwalt Jens Rabe aus Waiblingen, der die Eltern von fünf getöteten und drei verletzten Schülern vertritt. "Sie wissen, dass es sehr anstrengend wird, aber sie wollen das auf sich nehmen." Natürlich hofften die Angehörigen, dass es zu einer Verurteilung kommt. "Aber auch die individuelle Aufarbeitung spielt eine große Rolle", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Sie wollen wissen, was für ein Mensch der Vater ist, und sie erwarten eine Entschuldigung."

Hardy Schobers Tochter Jana war das jüngste Opfer des Amoklaufs von Winnenden. Sie starb im Alter von 15 Jahren, nachdem Tim K. ihr im Raum 305 der Albertville-Realschule in den Hinterkopf geschossen hatte.

"Uns ist ein bestimmtes Strafmaß nicht wichtig, das entscheidet das Gericht", betont der ehemalige Finanzberater, der seinen Beruf nach dem Tod der Tochter aufgab und das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" für Angehörige und Opfer gründete. "Aber wir wollen, dass der Staat Stellung bezieht und definiert, was er unter Verantwortung für seine Bürger versteht", sagt er SPIEGEL ONLINE. Das Aktionsbündnis hatte im Juni zusammen mit der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" am Bundestag 100.000 Unterschriften für ein schärferes Waffenrecht abgegeben. Die Initiative reichte Mitte Juli Verfassungsbeschwerde gegen das geltende Gesetz ein.

"Unsere Tür stand immer offen"

"Die Eltern des Täters müssen sich stellen", fordert Schober kurz vor Beginn des Prozesses, der ihm persönlich sehr zusetzt. Der Amoklauf von Ansbach im September 2009 habe gezeigt, dass Erziehungsberechtigte durchaus verantwortungsvoll mit einem fehlgeleiteten Sohn und den Folgen einer Schreckenstat umgehen können. Im Ansbacher Carolinum wurden zehn Menschen zum Teil schwer verletzt, der Täter zu neun Jahren Jugendstrafe mit Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. Auch der Vater von Georg R. war Sportschütze in einem Verein, hatte aber Wochen vor dem Ausraster seines psychisch kranken Sohnes immerhin seine Waffen zurückgegeben. "Direkt nach dem Amoklauf ist er in die Kirche gegangen und hat sich entschuldigt", lobt Schober.

Auf solch eine persönliche Entschuldigung warten die Angehörigen aus Winnenden noch. "Unsere Tür stand immer offen", sagt Schober. Man habe versucht, ein Treffen zu arrangieren, aber Herr K. sei dazu psychisch nicht in der Lage, habe es geheißen. In einem offenen Brief hatte sich die Familie des Täters am 17. März 2009 an die Öffentlichkeit gewandt und den Angehörigen ihr Mitgefühl ausgesprochen. K.s Anwalt wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE vor dem Prozess nicht zu dem Fall äußern.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 399 Beiträge
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Seite 1
endbenutzer 15.09.2010
1. Klare Regeln
Zitat von sysopSein Sohn erschoss 15 Schüler, verletzte 11 weitere und erschoss sich dann selbst: Jetzt steht Jörg K. vor Gericht. Begünstigte er den Amoklauf von Winnenden, weil er die Tatwaffe nicht sicher genug verwahrte? Bislang schweigt er - doch die Angehörigen der Opfer verlangen eine Antwort. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,717297,00.html
Als legaler Waffenbesitzer, der sich an die geltenden und meiner Ansicht nach ausreichenden Gesetze hält, muss ich sagen: Ja! Eine Waffe gehört in den Tresor und kein unberechtigter darf darauf zugreifen können. So einfach ist das.
butter_milch 15.09.2010
2. ...
Anstatt die Schuld beim Täter zu suchen, welchen man nicht mehr zur Rechenschaft ziehen kann, schimpft man über Killerspiele und die Eltern. Wenn der Vater von den Problemen seines Sohnes wusste, hätte er ihm die Waffe natürlich nicht zugänglich machen dürfen, wenn nicht, dann trifft ihn in meinen Augen keine Schuld denn er hat seinem Sohn neben dem Umgang mit der Waffe (was an sich nicht schlecht ist) auch Werte beigebracht. Die Familie stammt ja nicht aus einem schlechten Umfeld.
dieMegamaschine, 15.09.2010
3. Aufklärung statt Vertuschung
Beim Amoklauf von Winnenden gibt es sehr viele Ungereimtheiten zum Ablauf der Tat, vor allem von Seiten der Polizei. Das sollte mal zur Sprache gebracht werden. Ich verweise auf die Vorträge von Andreas Hauss. Es gibt viel zu viele Fragen, die ersteinmal klar beantwortet werden sollten. Der Abschlussbericht der Polizei schafft diese Klarheit nicht. Hier stimmt etwas nicht und das ist keine Verschwörungstheorie.
MasterMurks 15.09.2010
4. ...
Zitat von sysopSein Sohn erschoss 15 Schüler, verletzte 11 weitere und erschoss sich dann selbst: Jetzt steht Jörg K. vor Gericht. Begünstigte er den Amoklauf von Winnenden, weil er die Tatwaffe nicht sicher genug verwahrte? Bislang schweigt er - doch die Angehörigen der Opfer verlangen eine Antwort. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,717297,00.html
Keine Frage, ja. Laut Waffengesetz hat die Aufbewahrung sicher und vor unberechtigtem Zugriff geschützt zu erfolgen. Dass er sich nicht daran gehalten hat war zwar nicht Ursache für die Tat, sorgte aber dafür, dass das tatwerkzeug ungleich effektiver gegenüber Axt, Messer oder sonstigen Hieb und Stichwaffen wurde. Dass die Politik als erstes das Waffengesetz änderte und die Grundrechte der Waffenbesitzer aushebelte (Unverletzlichkeit der Wohnung), wobei das alte schon, hätte sich sein Vater daran gehalten, ihm die Tatwaffe niemals zugänglich gemacht hätte, war ein typischer Schnellschuss, der an der Ursache nichts ändert. Und jetzt auf die Killerspiele zu verweisen zeugt von erschreckender Gleichgültigkeit. (Spielte Killerspiele, verbieten, Fall erledigt!) P.S.: Auch ich würde K.s Vater am liebsten im Knast sehen. Auch ich bin legaler Waffenbesitzer, aber so lange Verstöße wie dieser straffrei ausgehen wird sich nie etwas ändern! Und Gesetzesänderungen sind nur so effektiv wie ihre Kontrolle, was die letzte Änderung im Hinblick auf das Verhältnis legaler zu illegalen Waffen von 1:20 lächerlich macht!
charlie1111 15.09.2010
5. xxx
Nein, ich denke nicht das das fahrlässige Rumliegen lassen das Problem ist. Das Problem ist überhaupt der Besitz, das Verherrlichen von Waffen und einem Kind eben damit die falschen Werte zu vermitteln. Kein Privatmensch benötigt Waffen, wer diese benötigt um damit ein Gefühl der Macht zu erlangen (Was sonst soll der Grund für den Besitz sein?) sollte lieber eine Therapie machen. Kinder sind immer auch Spiegelbilder der Eltern.
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