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Amoklauf von Winnenden: BGH hebt Urteil gegen Vater des Täters auf

Jörg K. ermöglichte seinem Sohn Zugang zu Waffen und Munition. Tim K. tötete 15 Menschen und sich selbst. Jetzt will der Bundesgerichtshof das Urteil wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung aufheben. Die Angehörigen der Opfer von Winnenden sind empört.

Karlsruhe - Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat das Urteil gegen den 53 Jahre alten Vater des Amokläufers von Winnenden aufgehoben. Der Prozess muss nun neu aufgerollt werden. Als Begründung nannten die Richter Verfahrensfehler: Die Verteidigung habe keine Gelegenheit gehabt, eine Familientherapeutin als wichtige Zeugin zu befragen, heißt es in dem Beschluss vom 22. März, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

"Die Angehörigen der Opfer sind sehr betroffen und verärgert, weil jetzt alles wieder von vorn losgeht", sagt Jens Rabe aus Waiblingen, Anwalt einiger Nebenkläger in dem Fall. Besonders belastend sei, dass überhaupt nicht klar sei, wann und ob es überhaupt zu einer weiteren Verhandlung kommen werde: "In der Vergangenheit ist der Angeklagte immer wieder für verhandlungsunfähig erklärt worden, der Prozess zog sich deshalb in die Länge."

Das Landgericht Stuttgart hatte den Vater des Amokläufers Tim K. im vergangenen Jahr wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in 14 Fällen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Jörg K. habe seinem Sohn den Zugang zu Schusswaffen und Munition ermöglicht, hieß es damals in der Begründung des Gerichts. Sein Sohn Tim hatte am 11. März 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden sowie auf der anschließenden Flucht insgesamt 15 Menschen erschossen und 14 weitere verletzt. Danach erschoss er sich. Die Tatwaffe hatte der Jugendliche aus dem Schlafzimmer der Eltern entwendet, wo sie ungesichert lag.

Die Verteidiger des Vaters hatten gegen das Urteil im Juni 2011 beim BGH Revision eingelegt. Dieser sei in Teilen stattgegeben worden, hieß es jetzt.

Vor der Tat Tötungsphantasien geäußert

Zwar bestätigt der BGH in dem Beschluss den Schuldspruch. Schon die unzulängliche Sicherung von Waffen und Munition könne den Vorwurf der Fahrlässigkeit begründen, heißt es. Für die Vorhersehbarkeit der Gewalttat könne auch sprechen, "dass der Vater nicht für eine Weiterbehandlung seines Sohnes sorgte", selbst als sich dessen psychischer Zustand deutlich verschlechterte. Gegenüber einer Psychotherapeutin hatte Tim K. vor der Tat Tötungsphantasien geäußert. Die Ärztin hatte dies den Eltern mitgeteilt.

Der BGH beanstandet jedoch die Vernehmung der Familientherapeutin Astrid L., die in ihrer Zeugenaussage den Vater schwer belastet hatte. L. verwickelte sich in Widersprüche und berief sich dann auf ihr Schweigerecht. Dadurch hatte die Verteidigung "zu keiner Zeit" Gelegenheit gehabt, die wichtige Zeugin zu befragen. Dies beanstande die Revision zu Recht, so der BGH.

Es bestehe jedoch kein Zusammenhang zwischen der fehlenden Möglichkeit der Zeugenbefragung und den Feststellungen zum Geschehen vom 11. März 2009 an der Albertville-Realschule, heißt es in dem Beschluss.

Laut BGH soll der Fall "an eine andere Jugendkammer des Landgerichts zurückverwiesen werden". Eine missverständliche Formulierung, wurde doch vor der großen Strafkammer in Stuttgart und nicht einer Jugendkammer verhandelt. Eine Sprecherin des Bundesgerichtshofs wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht dazu äußern.

Auf Grundlage der Verurteilung des Vaters pochen zahlreiche Opfer und Hinterbliebene auf Schadensersatz. Die Stadt Winnenden macht bei den Eltern 15 Millionen Euro geltend, die sie infolge des Amoklaufs ausgeben hat. Dazu zählten der Umbau der Albertville-Realschule, die provisorische Containerschule sowie Kosten für Notfallseelsorger, Psychologen und die Organisation des ersten Amoklauf-Jahrestags.

ala/dapd/dpa

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