Von Ureinwohnern umgebrachter US-Missionar Tod auf North Sentinel

Ein junger US-Amerikaner versucht, Einwohner einer isolierten Insel zu missionieren. Die reagieren feindselig, er lässt sich nicht beirren - und trifft eine tödliche Entscheidung.

REUTERS/ JOHNACHAU

Von


Als John Allen Chau sich den Inselbewohnern näherte, um ihnen von der Liebe seines Gottes zu berichten, traf ein Pfeil seine Bibel. Der tief gläubige Christ Chau zog sich zurück - doch er gab nicht auf. Er näherte sich erneut. Und fand den Tod.

Was sich wie ein jahrhundertealter Bericht über einen besessenen Missionar liest, soll einem 27-jährigen Amerikaner vor knapp einer Woche passiert sein - andere Quellen geben sein Alter mit 26 an: John Allen Chau aus dem US-Bundesstaat Washington wollte auf der Andamanen-Insel North Sentinel im Indischen Ozean offenbar missionieren, versuchte mit den Ureinwohnern zu sprechen, brachte ihnen Geschenke mit - einen kleinen Fußball, Angelschnur und Scheren - und verlor dabei sein Leben.

Wie genau, ist nicht klar. Fischer, die ihn hingebracht hatten, beobachteten lediglich, wie die Ureinwohner seine Leiche Tage später am Strand vergruben.

Fotostrecke

5  Bilder
Auf Insel getötet: Gefahr erkannt, Gefahr ignoriert

Klar ist hingegen, dass Chau nicht der Erste ist, der sich in den vergangenen Jahren der Insel genähert hatte und nicht zurückkehrte: 2006 waren zwei indische Fischer der Insel unabsichtlich zu nah gekommen und wurden von Sentinelesen getötet. Schon in den Siebzigerjahren war ein Dokumentarfilmer mit Pfeilen beschossen worden, einer traf ihn ins Bein.

Wie viele Menschen auf North Sentinel leben, welche Sprache sie sprechen, all das weiß man nicht. Die Sentinelesen meiden seit Jahrhunderten den Kontakt zur Außenwelt, laut indischem Gesetz müssen fünf Kilometer Abstand zu ihren Gebieten eingehalten werden - zum Schutz der Ureinwohner und Fremden gleichermaßen.

Chau hielt sich nicht an das Gesetz. Er hielt sich an Gott.

Und was mittlerweile über den Fall bekannt ist, klingt, als sei Chau sich der Gefahr bewusst gewesen, der er sich aussetzte: Laut den indischen Behörden kam er bereits Mitte Oktober in der Region an und bereitete sich auf einer anderen Insel auf die Reise nach North Sentinel vor. Es war nicht sein erster Besuch in der Gegend, 2015 und 2016 war er schon einmal dort gewesen.

Mithilfe eines Freundes soll Chau Fischern über 300 US-Dollar für die Fahrt gezahlt haben, sie brachten ihn in der Dunkelheit hin. Chau verstand es als Zeichen Gottes, dass ihr Boot nicht von den indischen Behörden abgefangen worden war. In seinen Aufzeichnungen, die er bei den Fischern gelassen hatte, schrieb er: "Gott hat mich beschützt und vor der Küstenwache und Marine getarnt." Jesus habe ihm die Kraft gegeben, an die verbotensten Orte der Erde zu gehen.

Einer der ersten Versuche, sich der Insel zu nähern, endete mit jenem Pfeil in der Bibel; offenbar abgeschossen von einem jungen Ureinwohner. "Warum musste heute ein kleines Kind auf mich schießen?", notierte er, bevor er am nächsten Morgen erneut versuchte, sich in einem Kajak North Sentinel zu nähern. Laut den Fischern wurde er mit Pfeilen beschossen, musste umkehren, probierte es aber immer wieder.

Fotostrecke

6  Bilder
Isolierte Völker: Allein im Dschungel

Chaus Vater sagte am Donnerstag, sein christlicher Glaube habe ihm Trost gespendet, nachdem er vom Tod seines Sohnes erfahren habe. Die Familie schrieb in einem Beitrag auf Chaus Instagram-Seite: "Er liebte Gott, das Leben, half den Bedürftigen und empfand nichts als Liebe für die Sentinelesen." Die Familie schrieb zudem, sie vergebe jenen, die Chaus Leben genommen hätten.

Sieben Menschen wurden verhaftet, weil sie Chau geholfen haben sollen, darunter fünf Fischer, Chaus Freund und ein Reiseleiter. Derzeit ermitteln die indischen Behörden, wer Chau bei seiner illegalen Reise noch geholfen haben könnte. Zudem suchen sie nach einem Weg, Chaus Leiche zu bergen.

"Gott, ich will nicht sterben", schrieb Chau in seinen Aufzeichnungen. "Wäre es klüger zu gehen und jemand anderen weitermachen zu lassen?"

"Nein", antwortete er sich selbst.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.