Menschenrechtsklage von Anders Breivik Von der Welt isoliert

Seit fünf Jahren sitzt er in Haft, nun klagt Massenmörder Anders Breivik gegen seine Haftbedingungen. Norweger akzeptieren den Prozess, auch wenn seine Briefe aus dem Gefängnis zeigen: Verändert hat er sich nicht.

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Auf dem Umschlag steht kein Name als Absender, sondern eine Nummer: 13/113, drinnen drei Blätter, beidseitig bedruckt, die Zeilen eng gedrängt. Unterschrieben ist der Brief mit einem blauen Kugelschreiber: Anders Behring Breivik.

Es ist bereits der zweite Brief, den der norwegische Attentäter an mich geschrieben hat. Vor drei Jahren hatte ich über den Prozess gegen den Attentäter geschrieben, der mit einer Autobombe im Zentrum von Oslo acht Menschen tötete und anschließend 69 meist junge Teilnehmer eines Feriencamps auf der Insel Utøya niederschoss.

Meine Arbeit als Journalist scheint mich zu prädestinieren als Adressaten für seine bizarren Gedanken. Anders Behring Breivik, der Massenmörder, fühlt sich nämlich als Opfer. Als Opfer des norwegischen Staates, der herrschenden Klasse seines Landes, der gleichgeschalteten Medien, die eines nicht zu erkennen scheinen: dass er in Wahrheit der Retter der "nordischen Rasse" sei.

So steht es in dem Brief. Doch statt diese vermeintlich auserwählte Rasse vor "der Ausrottung" zu bewahren, wie er schreibt, hält ihn der norwegische Staat in Isolationshaft.

Brief von Breivik
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Brief von Breivik

Das ist auch der Grund dafür, dass ich diesem Menschen noch einmal begegnen werde. Am Dienstag, dem 15.3., tritt Breivik erneut in einem Gerichtsverfahren auf. Diesmal nicht als Angeklagter, sondern als Kläger. Er will bessere Haftbedingungen für sich erstreiten, hat eine Klage wegen Menschenrechtsverletzung eingereicht.

Für das Verfahren, das auf vier Tage angesetzt ist, hat die Justiz ihm in seinem Gefängnis in Skien, einer Stadt zwei Autostunden südwestlich von Oslo, einen eigenen Gerichtssaal hergerichtet - in der Turnhalle des Hochsicherheitsgefängnisses.

Dort wird ein Prozess beginnen, der die norwegische Volksseele schon seit Wochen in Aufruhr bringt. Die Norweger halten ihren Rechtsstaat für über alle Menschenrechtszweifel erhaben, sie sind stolz darauf - und das ist auch der einzige Grund, warum sie diesen Prozess akzeptieren: Die Welt soll sehen, dass er es auch aushält, wenn ein Mann, der Dutzende Kinder und Jugendliche eiskalt exekutierte, sich über seine Haftbedingungen beschwert.

Als Breivik seine schrecklichen Taten beging, am 22. Juli 2011, lebte ich als Korrespondent in Norwegen. Im April 2012 begann der Prozess gegen ihn, den ich in einem Gerichtssaal in Oslo verfolgte. Schon damals war es so, dass sich die in ihrem Selbstbild tief verunsicherten Norweger daran aufrichteten, dass die Justiz selbst Breivik einen fairen Prozess machte.

Traumatisierte sollen sich "abschirmen"

Jetzt, über drei Jahre später, herrscht eine Mischung aus Unverständnis und Empörung über den mittlerweile 37-Jährigen vor. Der Psychiater Pål Hartvig sieht in dem Prozess "eine Provokation für die Überlebenden und Angehörigen". Viele von ihnen habe ich damals kennengelernt. Väter, die ihre Töchter verloren haben, ein Mann, dessen Frau vor seinen Augen von Breivik erschossen wurde, ein junger Mann, dem Breivik die Pistole ins Gesicht gehalten hat - und den er am Leben ließ.

Wie müssen sie sich fühlen, wenn Breivik in dieser Woche wieder in ihr Leben tritt, durch die Schlagzeilen der Tageszeitungen und die Sondersendungen im Fernsehen?

Die Vorsitzende der Selbsthilfegruppe der Überlebenden, Lisbeth Røyneland, empfiehlt den immer noch traumatisierten Opfern und Hinterbliebenen, "sich abzuschirmen" von der Berichterstattung über den Prozess.

Schon 2013 hatte Breivik die damalige Justizministerin Grete Faremo wegen Folter angezeigt. Unmittelbarer Auslöser für seine aktuelle Beschwerde ist offenbar, dass man ihm einen seiner drei Räume, die er zur Verfügung hat, wegnehmen will. In einem Raum schläft Breivik, den zweiten nutzt er bislang als Fitnessraum und den dritten als eine Art Arbeitszimmer. Eine der Zellen soll nun ein anderer Häftling bekommen, ohne dass dieser Kontakt zu Breivik aufnehmen kann.

Schreibmaschine statt Computer

Breivik soll, so steht es in der Tageszeitung "Aftenposten", umgehend auf die Umquartierung reagiert haben: Er kündigte einen Hungerstreik an gegen den Plan der Gefängnisleitung, weil es "Folter" sei. Wächter berichteten, Breivik habe Zeichen starker kognitiver Veränderungen gezeigt, nachdem er von den Plänen der Gefängnisleitung erfahren hatte. Er habe "konfus" gewirkt. Zwei Wochen habe dieser Eindruck angehalten.

Für Breivik gilt das "besonders hohe Sicherheitsniveau", wie es in der norwegischen Rechtssprechung heißt. Nur sechs Gefangene wurden in dieser Kategorie in den letzten zehn Jahren in Haft gehalten. Breivik darf Zeitungen lesen, Fernsehen schauen und verfügt auch über eine Spielekonsole vom Typ Xbox 360. Statt eines Computers besitzt er allerdings nur eine Schreibmaschine. Die Gefängnisleitung baute ihm eigens einen 50 Quadratmeter großen Hof, wo er einmal am Tag für eine halbe Stunde Hofgang hat.

Er hat keinerlei Kontakt zu Mitgefangenen, was auch zu seinem Schutz angeordnet wurde. Er darf aber auch keine Besucher empfangen. Bislang gab es davon nur eine Ausnahme: Anfang des Jahres 2013 durfte die todkranke Mutter Breiviks ihren Sohn in seiner Zelle besuchen. Sie verstarb im März desselben Jahres.

Breivik hat sich in seiner sonderbaren Welt eingerichtet, er schreibt Briefe, viele Briefe. Darin gibt er Einblicke in das, was in seinem Kopf spukt. In seiner Welt, da ist er Vorsitzender der "Partei Nordischer Staat", einer, wie er schreibt "nationalsozialistischen" Bewegung, die seiner Vorstellung nach viele Anhänger außerhalb der Gefängnismauern hat - die sich aber nicht versammeln dürfen, weil der Staat die Partei unterdrücke und ihn als deren Anführer einsperre.

Versunken in einer verqueren Welt

So erfahre die Welt nicht die angebliche "Wahrheit" über die "Attacken des 22. Juli", schreibt Breivik, der zu verstehen gibt, dass er keine seiner grausamen Taten bereut. Im Gegenteil: Sie hätten sich gegen die Unterdrückung der angeblichen Bewegung Norwegens gerichtet, die als einzige dagegen kämpfe, dass die nordische Rasse ausgerottet werde durch den Vormarsch asiatischer Einwanderer, für ihn verkörpert durch muslimische Immigranten, die sich mit der norwegischen Bevölkerung vermischten.

Es ist eine verquere Welt, in die sich Breivik, offenbar schon viele Jahre vor seiner Tat, zurückgezogen hat. Jetzt, in Isolationshaft, scheint er vollends in ihr versunken zu sein. In dieser Welt entwirft er Pläne, wie die nordische Rasse durch künstliche Befruchtung wieder zu genetischer Reinheit zurückkehren kann - es ist die Welt eines psychisch Verwirrten, der seinen Wahn in einem politischen Kampf zwischen Orient und Okzident auslebt.

Für einen Menschen wie Breivik, der offensichtlich nichts an seiner tödlichen Gefahr für die Gesellschaft eingebüßt hat, ist der Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in Skien der richtige Ort zu leben.

Mitarbeit: Espen Eik



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