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Anders Breivik: Psychogramm eines Massenmörders

Aus Oslo berichtet

Er tötete berechnend, kaltblütig, dutzendfach: Anders Breivik plante seine Verbrechen über Jahre, erstellte einen detaillierten Ablaufplan seiner Tat, stilisierte sich selbst zum Märtyrer. Wie erklären Experten sein Verhalten?

Attentäter Breivik: Narzissmus gepaart mit Sadismus Zur Großansicht
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Attentäter Breivik: Narzissmus gepaart mit Sadismus

Wie wichtig sind die politischen Ansichten des Anders Breivik, um seine Tat zu verstehen? Viele Psychiater jedenfalls lehnen ab, ihn einen Terroristen zu nennen. Denn das würde bedeuten, dass er aus ideologischen Motiven gehandelt hat. "Er hätte genauso gut Linksextremist werden können, oder ein Gotteskrieger, wenn er den passenden Glauben hätte", ist Svenn Torgersen überzeugt. Der 70-Jährige ist klinischer Psychologe, hat am Zentrum für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Oslo praktiziert und geforscht.

Seit vorletzter Woche liest er gebannt das Manifest des Massenmörders. "So ein Fall ist in der psychiatrischen Wissenschaft einzigartig", sagt der emeritierte Professor. In seiner langen Laufbahn als Arzt in der geschlossenen Psychiatrie hat er sadistische, aggressive Menschen kennengelernt. Aber das Verbrechen verhindern? "Selbst wenn er vor der Tat bei mir im Behandlungszimmer gesessen hätte, wäre ich mir nicht sicher, ob ich sein Gewaltpotential erkannt hätte." Zwei seiner Kollegen müssen im Auftrag des Gerichts bis November die Psyche Breiviks vermessen.

Das Ausmaß des Bösen können die Experten nicht erklären, aber sie liefern Hypothesen über die mentalen Voraussetzungen einer solchen Tat. "Breivik muss ein Narzisst sein", sagt Torgensen. Und zwar in einer solch extremen Form, dass dem Gelehrten die Beispiele aus der Kriminalgeschichte fehlen.

In ihrer milden Form kann Selbstverliebtheit helfen, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Eigenliebe wirkt dann auf die Mitmenschen eher wie Selbstvertrauen. "Der Mensch kann daraus etwa ein sicheres Auftreten generieren", sagt Torgensen. Doch je stärker der Narzissmus ausgeprägt ist, desto anfälliger ist ein Mensch für Frustrationen. Läuft etwas schief, droht das vollkommen idealisierte Selbstbild einzustürzen. "Narzisstische Personen suchen die Schuld für ihr Versagen stets in ihrer Umwelt, niemals bei sich selber", erklärt der Psychiater.

"Er war ein lausiger Geschäftsmann"

Anzeichen für die Selbstbezogenheit Breiviks finden sind zuhauf. Da sind die inszenierten Fotos, die ihn in wechselnden Verkleidungen zeigen. "Diese extreme Beschäftigung mit dem Äußeren ist ein typisches Merkmal", sagt Torgensen.

Breiviks Manifest liest sich über weite Strecken wie das Porträt jenes Menschen, der er gern hätte sein wollen - einzig, dass Wunsch und Wirklichkeit eklatant auseinanderklaffen. Nach seinen Schilderungen ist er ein gewiefter Geschäftsmann, der damit prahlt, schon mit 24 Jahren mehrere Millionen Kronen verdient zu haben. Er berichtet von Firmengründungen, von cleveren Businessplänen und Geldanlagen.

Dabei war sein unternehmerisches Talent in der Realität mehr als bescheiden. "Er war ein lausiger Geschäftsmann", sagt Finanzanalyst Kjell-Ola Kleiven von der Risk Information Group in Oslo SPIEGEL ONLINE. Der Experte für Geldströme hat die finanziellen Verhältnisse des Attentäters im Auftrag der norwegischen Polizei durchleuchtet.

Die vielen Millionen hat Breivik nach den Recherchen des Analysten nie besessen. "Mir kommt sein Manifest vor wie die Prahlerei eines Kindes", sagt Kleiven. Breivik gibt darin vor, Briefkastenfirmen im Steuerparadies Antigua zu besitzen, in denen er seine Riesengewinne angeblich geparkt hat. Doch Kleivens Ermittlungen haben ergeben, dass Breivik keinerlei Firmen in Antigua besessen hat.

Narzissten behaupten, sie seien zu genial für diese Welt

Es sei zweifelhaft, "dass Breivik überhaupt jemals einen nennenswerten Aktiengewinn erwirtschaftet hat", so Kleiven. Eine angebliche Firma mit Namen Brentwood Solution Ltd. existierte nach seinen Recherchen in Schottland, hatte nie Umsätze und ist mittlerweile bankrott. Sie ist allerdings nicht auf den Namen Breivik registriert. Vielmehr könnte der Attentäter die Firma allein wegen des Namens ausgewählt haben - Brentwood ist der Name der Poststelle in New York, in der im Jahr 2001 Briefe mit Milzbranderregern aufgetaucht sind.

In Wahrheit dürfte Breivik sich nach Informationen von Finanzanalyst Kleiven durch diverse Kreditkartenbetrügereien über Wasser gehalten haben. Zwei Firmen, die Breivik nachweislich in Oslo gegründet hat, waren wirtschaftliche Totalausfälle und dienten vermutlich in erster Linie dazu, Kreditkarten auf das Unternehmen anzumelden. Das erste Mal versuchte er sich im Jahre 2002 mit einer Firma für Plakatflächen mit dem Namen Mediagroup. Die Firma verzeichnete nach Auskunft des Insolvenzverwalters Niels Kiæer nur im Jahr 2000 einen kümmerlichen Gewinn von weniger als tausend Euro. "Davor und danach gibt es keinerlei Umsätze", sagte der Anwalt SPIEGEL ONLINE.

Der Zeitpunkt dieser Pleite könnte mit dem Beginn seines Vernichtungsplans zusammenfallen und damit aufschlussreicher für Psychiater als für Wirtschaftsprüfer sein. Breivik selber spricht von dieser Zeit als der "Phase der Wegkreuzung". Damals beginnt er offenbar, seine Phantasiewelt als Kreuzritter massiv auszubauen.

Krankhafte Narzissten behaupten von sich häufig, sie seien zu genial für diese Welt. "Daraus leiten sie ab, dass sie gar nicht nötig haben, einer gewöhnlichen Arbeit nachzugehen", sagt Torgensen. Breivik kürte sich selbst zum vermeintlichen Märtyrer für sein Land.

Sadistische Befriedigung durch die Vorbereitung der Tat

Nach seiner Festnahme gab er an, seine Taten seien grausam gewesen, aber "notwendig", er ließ sich ohne Widerstand festnehmen. "Er war so in sich und seine Tat verliebt, dass er den Triumph seiner vermeintlichen Heldentat auskosten will", sagt Torgensens Kollege, der forensische Psychiater Bjørn Solbakken. Das Siegerlächeln, das er am Montag nach seiner Festnahme im gepanzerten Auto auf dem Weg zum Gerichtssaal aufgesetzt hatte, mag dafür ein Ausdruck sein.

Die Ichbezogenheit alleine kann die Blutrünstigkeit Breiviks aber nicht erklären. Hinzu kommt ein aggressiver Sadismus, eine Lust am Leid anderer. "Ohne diese Persönlichkeitsstörung sind die Taten nicht vorstellbar", sagt Torgensen. Er hält Breivik für "eindeutig psychisch krank". Allerdings für nicht so krank, dass er im Alltag nicht mehr funktioniert hätte. "Eine schizophrene Person etwa", da ist auch sein Kollege Solbakken sicher, "könnte nicht mit einer solchen Pedanterie seine perfiden Pläne umsetzen." Der Sadismus erkläre auch, warum Breivik seinen Plan über viele Jahre zielstrebig verfolgen konnte: "Den hat er über die lange Zeit genau damit ausgelebt, dass Attentat vorzubereiten". Jeder kleine Erfolg in der Planungsphase des Massenmordes war für ihn ein Ersatz dafür, seine Aggressionen anderweitig auszuleben. Breivik fand sadistische Befriedigung in der geschickten Vorbereitung der Tat.

Warum sich seine zerstörerischen Kräfte am Nachmittag des 22. Juli Bahn brachen, darüber mögen Torgensen und Solbakken nur vorsichtig spekulieren. Eine Rolle könnte Breiviks ideologisches Wahnbild vom bevorstehenden Bürgerkrieg gespielt haben. Fühlt sich der Mensch angegriffen, erscheint ihm seine eigene Gewaltanwendung als reine Selbstverteidigung.

Typisch, so fügt Torgensen an, sei wie bei den meisten Massenmördern, dass auch Breivik ein Einzelgänger war. "Die Frauengeschichten, wie sie in seinem Manifest stehen, wirken eher wie Wunschdenken", analysiert Torgensen. "Fakt ist, dass er nicht in der Lage war, eine Beziehung langfristig aufzubauen." Die Ursachen für Breiviks komplexe Persönlichkeitsstörung sind vermutlich vielfältig. "Würde man 1000 Menschen mit der gleichen psychischen Ausgangslage wie Breivik haben, würde sicher maximal einer eine solche Tat begehen", vermutet Torgensen.

Bei Breivik habe eben, und das ist eine makabere Erkenntnis, alles gepasst in seinem Werdegang zum Massenmörder.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Titel:
Wolf_68, 09.08.2011
Zitat von sysopEr tötete berechnend, kaltblütig, dutzendfach: Anders Breivik plante seine Verbrechen über Jahre, erstellte einen detaillierten Ablaufplan seiner Tat, stilisierte sich selbst zum Märtyrer. Wie erklären Experten sein Verhalten? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,778984,00.html
Was ist jetzt auf einmal los? Ist er doch nicht mehr der Teil einer Zelle eines europaweit agierenden braunen Netzwerkes, wonach man mit Hinblick auf die Top-Story und die zu erwartenden Auflagen wie der pawlowsche Hund gelechzt hatte?
2. Schuldunfähig?
Florian_Geyer 09.08.2011
Zitat von sysopEr tötete berechnend, kaltblütig, dutzendfach: Anders Breivik plante seine Verbrechen über Jahre, erstellte einen detaillierten Ablaufplan seiner Tat, stilisierte sich selbst zum Märtyrer. Wie erklären Experten sein Verhalten? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,778984,00.html
Liest man diesen Artikel, wäre er aufgrund seiner Persönlichkeitsstörung schuldunfähig und müsste in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden, bis an sein Lebensende. Somit wäre auch der Wunsch der Hinterbliebenen nach einer gerechten Strafe erfüllt. Narzismus, Selbstverliebtheit in einer extremen Form ist eindeutig eine Persönlichkeitsstörung: Millon (aus Wiki): Fanatischer Narzisst“ mit paranoiden Zügen, der ein niedriges Selbstwertgefühl und Bedeutungslosigkeit durch Omnipotenzillusionen kompensiert Das passt wohl zu Breivig wie die "Faust aufs Auge"
3. Das gleiche Problem haben die "Experten"
Schmockse 09.08.2011
Zitat von sysopEr tötete berechnend, kaltblütig, dutzendfach: Anders Breivik plante seine Verbrechen über Jahre, erstellte einen detaillierten Ablaufplan seiner Tat, stilisierte sich selbst zum Märtyrer. Wie erklären Experten sein Verhalten? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,778984,00.html
bei Herrn A.H. geb. Schickelgruber. Der war auch Massenmörder, auch er hatte krankhafte Symptome verströmt. Aber beide hatten die gleiche Gesinnung. Hass gegenüber andersartigen Menschen und beide sahen bzw. sehen sich als Retter ihrer Rasse!! Trotzdem finde ich, dass er für seine Taten geradestehen muss und sich nicht auf eine Unzurechnungsfähigkeit berufen kann!!
4. ...
KurtFolkert 09.08.2011
Ein bisschen Bewunderung scheint der Arzt für seinen Patienten ja übrig zu haben. Wann überlebt ein Versuchskaninchen wider seinen Erwartungen schon mal? Breivik kommt vor Gericht und gut is. Klappe zu, Affe tot, es lacht das Abendrot!
5. das Thema muß runtergekocht werden
albert schulz 09.08.2011
Norwegen hat ein Problem, und zwar die gesamte Gesellschaft, die fundamentalistischen Christen und vermutlich auch die Freibeuter, die Rassisten, Fremdenfeinde, Erwähltheitspre-diger, gar nicht zu reden von seiner familiären Umgebung. Im wesentlichen geht es um seine ideologische Verblendung, und sie scheint nicht ungewöhnlich, zumal wenn für SPON - Leser nicht. Das Problem muß aus der Welt, und zwar möglichst schnell, klamm und heimlich. Es handelt sich um eine absolut bewährte Methode gerade demokratischer Rechtsstaaten, solche Probleme zu lösen. Man redet nicht mehr drüber, über lebenslänglich entscheiden die Psych-iater. Um einen gesellschaftlichen Diskurs kommt die norwegische Gesellschaft aber nicht herum.
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"Abscheuliche Akte der Gewalt"

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Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 5,166 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschefin:
Erna Solberg

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Waffen in Norwegen
Zahlen
Die Zahl der Schusswaffen, die sich in Privatbesitz befinden, wird auf rund 1,4 Millionen geschätzt, bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen. Die hohe Zahl ist vor allem auf die Jagd zurückzuführen: Nach Angaben der Behörden besaß vor drei Jahren ungefähr jeder zehnte Norweger eine Jagdlizenz. Ähnlich beliebt ist das Sportschießen.
Waffengesetze
Die Waffengesetze Norwegens sind vergleichsweise strikt. Privater Waffenbesitz ist möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Dass auch sie nicht vor grausamen Verbrechen schützen, beweist der Massenmord durch Anders Breivik: Er hatte seine Schusswaffen offenbar auf legalem Weg erworben.
Allgemeine Vorschriften
In Norwegen dürfen laut dem Waffengesetz "vernünftige und verantwortungsbewusste" Personen ab 18 Jahren Schrotflinten und Gewehre besitzen. Handfeuerwaffen sind ab 21 erlaubt. Wer einen Waffenschein haben möchte, muss seine Gründe darlegen. Meistens werden hier die Jagd oder Sportschießen genannt. Es darf keine Vorstrafe vorliegen. Dies traf auf Anders Breivik zu.
Waffenbesitz für die Jagd
Die meisten Waffenscheine werden in Norwegen für die Jagd vergeben. Für die Jagdlizenz müssen Anwärter einen 30-stündigen Kurs absolvieren. Zudem müssen sie einen Multiple-Choice-Test bestehen. Der Jagdschein muss jährlich erneuert werden, allerdings nur durch die Entrichtung einer Gebühr. Breivik erwarb die halbautomatische Schnellfeuerwaffe Ruger Mini 14, die die Standardmunition westlicher Streitkräfte verschießt, offenbar auf diesem Weg. "Ich habe den einwöchigen Jagdkurs absolviert", schreibt er im September 2010 in sein Tagebuch. "Die Polizei hat keinen Grund, meinen Antrag abzuweisen."
Waffenbesitz für das Sportschießen
Wer als Sportschütze einen Waffenschein erwerben will, muss einen mindestens neunstündigen Sicherheitskurs absolvieren, der zu zwei Dritteln aus praktischen Übungen mit der Waffe besteht. Der Kurs endet mit einem schriftlichen Test, der allerdings kürzer ist als im Fall des Jagdscheins. Nach dem bestandenen Test müssen die Anwärter über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens 15-mal an einem Training im Schützenverein teilnehmen. Erst danach darf man einen Waffenschein beantragen. Auch seine Pistole, eine halbautomatische Glock 17 scheint Breivik auf diesem vorgeschriebenen Weg erworben zu haben: "15-mal Training im November, Dezember und Januar wurden abgeschlossen und dokumentiert. Der Antrag für eine Glock 17 wurde Mitte Januar abgeschickt", schreibt Breivik in seinem Tagebuch.
Unterbringung von Waffen
Waffen und Munition müssen in einem verschlossenen Schrank gelagert werden. Der Polizei ist es erlaubt, die Unterbringung zu überprüfen.
Transport von Waffen
Das Mitführen von Waffen an öffentlichen Plätzen ist streng geregelt. Der Besitzer darf nur aus bestimmten Gründen Waffen transportieren, etwa wenn sie zur Reparatur müssen oder er auf dem Weg zur Jagd ist. Die Waffen dürfen nicht geladen und nicht nach außen hin sichtbar sein. Es ist verboten, sie am Körper zu tragen. Selbst Polizisten tragen in Norwegen im Normalfall keine Pistolen bei sich. Die Waffen müssen im Polizeiwagen in einer verschlossenen Box gelagert werden. Die Beamten dürfen sie erst herausholen, wenn sie die Erlaubnis eingeholt haben. Insofern war schon das Auftreten Breviks ungewöhnlich, als er auf der Insel ankam: Er soll zwei Waffen offen getragen haben.


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