Breivik vor Gericht: Gescheiterter Gernegroß

Von Gerald Traufetter, Oslo

Er verliert sich in großen Worten, verkauft seine Hirngespinste als Ideologie und sein berufliches Scheitern als selbstgewählte Schaffenspause. Die Staatsanwaltschaft hat Anders Breivik über die Zeit seiner Radikalisierung befragt. Die war weniger politisch motiviert, sondern eher Ergebnis persönlichen Versagens.

Breivik-Prozess: Der vierte Verhandlungstag Fotos
AFP

Der vierte Prozesstag gegen den Attentäter Anders Behring Breivik begann mit einer Überraschung. Besonders war, was nicht passierte: Das erste Mal seit Beginn des Verfahrens hob Breivik nicht die rechte Faust zur Begrüßung. Der militante Gruß, mit dem er seine ideologischen Unterstützer in der islamfeindlichen Szene eine Aufwartung machen will, galt vielen Opfern und Hinterbliebenen als Provokation.

Offensichtlich hat Breiviks Verteidiger Geir Lippestad es geschafft, seinen Mandanten davon zu überzeugen, dass er sich mit diesem Ritual schadet. Der positive Einfluss des Anwalts hatte schon gestern gewisse Wirkung gezeigt: Breivik steht seit Mittwoch auf, wenn die Richter den Raum betreten. Das hat er bislang beharrlich verweigert - als Ausdruck seiner Geringschätzung des Gerichts, das er nicht anerkennt.

Der 33-Jährige wirkte gefasster als am Mittwoch, als Staatsanwältin Inga Bejer Engh ihn mit ihren Fragen in die Enge getrieben hatte und Breiviks krude Weltanschauung auseinandernahm.

Der vierte Verhandlungstag gab ernüchternde Einblicke in jene Lebensphase Breiviks, die er selbst versucht als Vorbereitung seines "Märtyrertums" zu verklären. Breiviks Radikalisierung wurde weniger durch die Sorge vor einer vermeintlich schleichenden Islamisierung eingeläutet als durch persönliches Scheitern. Breivik stand vor den Trümmern seiner Karriere als Selfmade-Unternehmer.

Er musste zugeben, dass die Firmen, die er gegründet hatte, allesamt im Konkurs endeten. "Ich war eine ziemlich risikoadverse Person", musste der Angeklagte angesichts seines Finanzgebarens zugeben.

Computerspielen, verbrämt zum Sabbatical

Nach der Pleite zog Breivik zu seiner Mutter. Er verbrachte jeden Tag zwischen 12 und 16 Stunden mit dem Computerspiel World of Warcraft. "Schlafen und spielen, schlafen und spielen", so spricht er selbst über sein Leben damals. Diese Zeit, in der nichts funktionierte, in der er nichts auf die Reihe bekam, beschreibt er als Sabbatical, als "Märtyrertum-Geschenk", das er zur Vorbereitung seines als Selbstmordattentat geplanten Anschlags nutzen wollte. Auf Utøya freilich rief er zweimal die Polizei an und bettelte darum, jetzt festgenommen werden zu können.

Wie sich seine Mutter dabei gefühlt habe, dass er sich damals praktisch nur noch in seinem Zimmer aufhielt und zockte? "Sie war geschockt und das ist natürlich für eine Mutter", sagt Breivik: "Aber ich konnte ihr doch nicht sagen, ich nehme mir fünf Jahre frei, um mich am Ende in die Luft zu jagen."

Dann breitete Breivik seinen ursprünglichen Plan für einen Großanschlag aus: Dazu sollten drei Autobomben zählen mit jeweils einer Tonne Sprengstoff. Eine Autobombe sollte im Regierungsviertel explodieren, eine vor der Zentrale der Arbeiterpartei und die dritte am Königsschloss. "Da wollte ich aber Vorkehrungen treffen, dass die Königsfamilie nicht verletzt worden wäre." Er sei Anhänger der Monarchie.

Breivik distanziert sich von Teilen seines Manifestes

Die Pläne für drei Bomben scheiterten an der Logistik - aber auch, weil ihm die Ersparnisse ausgingen und auch die "Notabhebungen von den Kreditkarten" - eine Umschreibung für Kreditkartenbetrug, mit dem er sich damals finanzierte. Er reduzierte seine Pläne: auf eine Autobombe und eine Schießerei auf einer internationalen Journalistenkonferenz. Er war aber zu spät für die internationale Journalistenkonferenz. Als Alternativziel wählte er das Ferienlager der Arbeiterpartei auf der Insel Utyøya.

Überraschend war Breiviks Aussage, er stehe nicht hinter allen Inhalten des 1500 Seiten starken Manifestes, das er wenige Stunden vor seinen Taten per E-Mail verschickte. Er sei mit dem Dokument nicht ganz fertig geworden, es sei nur ein Entwurf. "Sie haben 77 Menschen getötet, ohne ganz sicher über das zu sein, was im Manifest stand?", fragte Staatsanwältin Inga Bejer Engh. Breivik antwortete, er stimme dem allermeisten zu.

Er habe beim Schreiben aber Rücksicht auf andere nehmen müssen. Das Manifest repräsentiere daher nicht seine Meinung, sondern die von vielen Europäern, sagte Breivik. Er sei von einem Netzwerk mit dem Schreiben des Dokuments beauftragt worden.

Mit Material von dpa und AP

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Gescheitert?
StefanSchu 19.04.2012
Ist ja ganz was neues! Wenn man persönlich scheitert, läuft man also Amok und tötet dutzende Menschen? Die Spiegel-Redakteure haben ziemlich abenteuerliche Thesen. Breivik ist nicht zum Massenmörder geworden, weil er mit seinen Firmen gescheitert ist, sondern weil er verrückt ist und den Bezug zur Realität verloren hat. Etwa jeder siebte Erwerbstätige in Deutschland hat keinen beruflichen Abschluss. Da müsste es aber in Deutschland vor lauter Massenmördern nur so wimmeln!
2. Breivik ein Kanonenschlag ?
pförtner 19.04.2012
So mancher wäre gerne ein Kanonenschlag, ist aber doch nur ein Piepmansche! v Pförtner
3. Zu viel Aufmerksamkeit
estiikay 19.04.2012
Zitat von sysopEr verliert sich in großen Worten, verkauft seine Hirngespinste als Ideologie und sein berufliches Scheitern als selbstgewählte Schaffenspause. Die Staatsanwaltschaft hat Anders Breivik über die Zeit seiner Radikalisierung befragt. Die war weniger politisch motiviert als Ergebnis persönlichen Versagens. Breivik vor Gericht: Gescheiterter Gernegroß - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,828455,00.html)
Ich finde, diese Person bekommt zu viel mediale Aufmerksamkeit. Mich interessiert nicht, was er für eine verschrobene Ideologie vertritt, was er für Games zockt, wielange er arbeitslos war und dass er eine gescheiterte Existenz ist. Der Typ ist ein verrückter Killer und Terrorist - ab in den Knast mit dem und Schlüssel wegwerfen.
4.
membot 19.04.2012
Zitat von StefanSchuIst ja ganz was neues! Wenn man persönlich scheitert, läuft man also Amok und tötet dutzende Menschen? Die Spiegel-Redakteure haben ziemlich abenteuerliche Thesen. Breivik ist nicht zum.....
Ihre Argumentation ist sehr einfach gestrickt. Es wird auch nicht jeder Verrückte oder jeder, der den Bezug zur Realität verliert, ein Massenmörder. Ihre eigene Argumentation widerspricht Ihnen da. Erstaunlich, dass Sie das nicht selber gemerkt haben.
5. Was bringt es, Dreck aufzuhäufen?
stanislaus2 19.04.2012
"Ergebnis persönlichen Versagens" Ist doch völlig ohne Belang, den Täter zu diffamieren. Wie am Pranger, SPON schmeisst Kohlköpfe und Pferdeäppel.
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Norwegisches Rechtssystem
Keine lebenslange Haftstrafe
Norwegen gehört zu den weltweit rund 20 Staaten, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben. Normalerweise kommt dort jeder Gefangene nach spätestens 21 Jahren frei. Dennoch könnte der Attentäter Anders Breivik für immer hinter Gitter kommen. Das Gericht kann die Verwahrung ("forvaring") verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sie wird verlängert, "wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht". Voraussetzung ist überdies ein "schweres Gewaltverbrechen" und eine "naheliegende Wiederholungsgefahr".
Psychisch kranke Straftäter
Psychisch kranke Straftäter, die als vermindert schuldfähig oder schuldunfähig eingestuft werden, kommen in eine geschlossene Fachklinik. Ein Staatsanwalt kann den Aufenthalt dort alle drei Jahre verlängern, ein Straftäter einmal im Jahr seine Entlassung beantragen.
Fall Breivik
Sollte das Gericht Breivik am Ende für unzurechnungsfähig erklären, bliebe er straffrei und würde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Spätestens nach drei Jahren wird auf Antrag erstmals überprüft, ob es erforderlich ist, Betroffene weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie zu belassen.
Fotostrecke
Breivik-Prozess: Staatsanwältin Enghs wichtigster Fall


Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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