Angeblicher Kinderhandel US-Paar soll adoptiertes Mädchen zurückgeben

Ein kleines Mädchen aus Guatemala soll vor fünf Jahren aus der Obhut seiner Familie entführt und von einem amerikanischen Paar adoptiert worden sein. Nun verlangt ein Gericht die Rückgabe des Kindes an die leibliche Mutter. Egal, wie der Streit ausgeht: Alle Beteiligten leiden.

Loyda Rodríguez Morales: Jahrelang auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter
AP/ El Periodico de Guatemala

Loyda Rodríguez Morales: Jahrelang auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter


Hamburg - Als die kleine Anyelí an einem Tag im Jahr 2006 aus dem Hinterhof ihres Elternhauses in einer guatemaltekischen Kleinstadt verschwand, begann für ihre Mutter die verzweifelte Suche. Loyda Rodríguez Morales, 26, verteilte Handzettel, besuchte Waisenhäuser, kontaktierte Adoptionsagenturen. Nun will sie die heute Sechsjährige endlich gefunden haben: bei einem Paar aus dem US-Bundesstaat Missouri.

Jennifer und Timothy Monahan sollen das Mädchen adoptiert haben, nachdem es angeblich von Kinderschiebern entführt wurde. Ein Gericht in Guatemala fordert jetzt die Rückgabe des Kindes an seine biologische Mutter. Falls dies nicht innerhalb von zwei Monaten geschehe, wolle der Richter Interpol einschalten, heißt es in einem Bericht des britischen "Guardian".

"Ich konnte nichts tun"

Ein Gentest soll bewiesen haben, dass Morales die leibliche Mutter des Mädchens ist. Eine fremde Frau habe Anyelí damals im Hinterhof einfach an sich gerissen, sagte sie ABC News. "Ich konnte nichts tun."

Ob das Ehepaar Monahan über die Herkunft des Kindes Bescheid wusste, ist unklar. Sie behaupten, die Adoption sei legal abgewickelt worden - und weigern sich, das Mädchen, das nun Karen Abigail heißt, abzugeben. Die beiden ließen mitteilen, ihr Kind vor einem Trauma schützen und selbst Nachforschungen über seine Vergangenheit anstellen zu wollen.

Morales sagte dem "Guardian", sie sei dem amerikanischen Paar nicht böse. "Ich würde ihnen nur gerne sagen, dass sie mir mein kleines Mädchen zurückgeben sollen." Einwände einiger Menschen, ihre Tochter sei in den USA besser aufgehoben, wies die Guatemaltekin zurück. "Ich kann meinen Kindern ein gutes Leben bieten, mit all der Liebe und Zuneigung, die sie brauchen", zitiert die britische Zeitung Morales. Auch finanziell gehe es der Familie gut. "Wir kommen mit dem, was mein Mann verdient, aus."

Verlierer auf allen Seiten

Ist es legitim, die Sechsjährige aus der Familie herauszureißen, in der sie nun seit einigen Jahren gelebt hat? Wessen Bedürfnis wiegt höher: das der leiblichen Mutter, ihr vermisstes Kind zurückzuholen? Das des Kindes, in seiner vertrauten Umgebung zu leben? Oder gar das der Adoptiveltern?

"Illegale Adoptionen kennen nur Verlierer", sagt Rudi Tarneden vom Kinderhilfswerk Unicef. "Mütter, denen Kinder gestohlen oder unter falschen Versprechungen abgeschwatzt wurden. Traumatisierte Kinder, denen die Wahrheit über ihre Herkunft vorenthalten wird. Adoptionsfamilien in permanenter rechtlicher Unsicherheit."

Zwischen 1997 und 2007 sind nach Angaben der Hilfsorganisation mehr als 25.000 guatemaltekische Kinder von ausländischen Familien adoptiert worden. Internationale Standards zum Schutz der Kinderrechte seien dabei nicht gewährleistet und illegale Praktiken verbreitet gewesen.

Im Fall der kleinen Anyelí steht auch die amerikanische Regierung vor einem Dilemma: Einerseits ist sie zu einer Zusammenarbeit mit der guatemaltekischen Justiz angehalten. Andererseits ist das sechsjährige Mädchen nun eine amerikanische Staatsbürgerin, die nicht einfach ausgewiesen werden kann. Eine Sprecherin des amerikanischen Justizministeriums wollte sich dem "Guardian" zufolge nicht zu dem Fall äußern.

aal



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