Holger G. im NSU-Prozess: Reue zweiter Klasse

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Holger G.: "Das war eine starke Gruppe."

Im NSU-Prozess hat der zweite Angeklagte mit seiner Aussage begonnen. Holger G. räumt ein, Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe unterstützt zu haben, von der Mordserie will er nichts gewusst haben. Mit einer Erklärung wandte er sich an die Angehörigen der Opfer.

Carsten S. war am Ende seiner Kräfte. Der Vorsitzende Richter im NSU-Prozess, Manfred Götzl, hatte ihn am Mittwoch intensiv befragt. Die Konfrontation mit einer Vergangenheit, mit der S. nicht mehr in Verbindung gebracht werden will, war offensichtlich zu viel. Es war vorauszusehen, dass dieser junge Mann besser in Anwesenheit des forensischen Psychiaters Norbert Leygraf hätte aussagen sollen. Doch sein Gutachter konnte in dieser Woche nicht dabei sein.

Nun soll Leygraf anwesend sein, wenn Carsten S. spricht, und so wurde diese Befragung unterbrochen, die Fortsetzung auf nächste Woche vertagt. Statt S. war nun am Donnerstag Holger G. an der Reihe, der zweite Angeklagte, der sich zur Anklage des Generalbundesanwalts äußern will.

Ihm wird die Unterstützung jener rechtsterroristischen Vereinigung angelastet, die unter dem Namen "Nationalsozialistischer Untergrund" den Tod von zehn Menschen verursacht haben soll. G. soll den mutmaßlich drei Mitgliedern des NSU - Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - einen Führerschein, eine AOK-Versichertenkarte, einen Pass und eine Meldebescheinigung besorgt haben und dem Trio damit das Leben in der Illegalität erleichtert und es gefördert haben.

Aussage im Stakkato

G. ist ein schlaksiger, unauffällig wirkender Mann, dem, wenn er einmal zu reden beginnt, kaum zu folgen ist. Mehrfach setzt er an, den Beginn seines Lebenswegs im Galopp zurückzulegen. 1974 geboren, Schulzeit 1981 bis 1989, DDR-Erziehung - er rattert die Daten herunter wie eine Maschine. Für einen Moment stockt der Motor: "Nach der Ausbildung zum Frequenzmechaniker die DDR-typische Arbeitslosigkeit - ach nee, war ja nich mehr - also die bundesdeutsche Arbeitslosigkeit."

Bitte noch einmal. Und nochmals: Ausbildung bei Zeiss, "wo jeder in Jena war", zum Spannungsmechaniker, erfolgreich beendet, eine zweite Ausbildung zum "Qualitätsfachmann", ebenfalls erfolgreich beendet. Zum Bruder nach Hannover gezogen, wo es Arbeit gab als Lagerist. Mutter alleinerziehend, 1977 geschieden, keine Beziehung "zu meinem biologischen Vater, der mich nicht wollte". Alle Liebe und Fürsorge der Mutter habe sich nun auf ihn, "das Nesthäkchen" konzentriert, "was der Entwicklung nicht gerade förderlich war".

Er spricht im Stakkato und gern in der dritten Person. "Was hat Ihr Vater beruflich gemacht?" fragt Götzl. "Nicht richtig viel", sagt G. Glaube er jedenfalls. Der Lebensgefährte der Mutter, "Busfahrer, immer sitzend, Herzinfarkt, Schluss, mit 44". Erst sei der ältere Bruder das Sorgenkind gewesen, als "Punk in der DDR", dann er, G., das schwarze Schaf in der Familie. "War keine Vaterfigur mehr da, als man mal einen Schlag in den Nacken gebraucht hätte." Schuleschwänzen, "Hang zur Subkultur", Autoritätsprobleme.

"Man" habe die Schule nicht respektiert, "man" habe den Ernst der Lage nicht registriert und sich nicht eingeordnet. "Man" flog von der Schule "und bekam wenigstens gleich eine Arbeitsstelle, weil es in der DDR ja keine Arbeitslosigkeit gab".

Er schilderte sich als ein Arbeitstier, ähnlich der Mutter, "die auch ohne Arbeit nicht kann". An Automaten gespielt, durch Therapie gebessert. "Man kommt nie ganz davon los."

"Ich selbst bin entsetzt"

Der Vorsitzende fragt nach Alkohol. "In Hannover hat man das Trinken gelernt", sagt G., "Hannover ist ein trinkfreudiges Völkchen". Aber alles sei besser geworden, als er 2007 seine Lebensgefährtin kennengelernt habe. "Ein stabilisierender Einfluss, so ein Leben hätte ich mir vorher nie vorstellen können. Sie, das Haus, hatte sich alles geändert. Man hatte ja keine Verantwortung vorher, nichts." Es habe halt lange gedauert, "bis man erwachsen geworden ist".

Dann eine Erklärung zur Sache: "Ich möchte den Angehörigen der Opfer mein tief empfundenes Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Ich selbst bin entsetzt über das Ausmaß und das Leid, welches diese sinnlosen Taten über die Opfer und ihre Familien gebracht haben. Ich hoffe, dass dieser Prozess Ihnen hilft, das Geschehene zu verarbeiten. Ich selbst bin bereit, Verantwortung zu übernehmen."

Im nächsten Satz aber schon die Einschränkung, dass sein Tatbeitrag nicht derjenige sei, den die Anklage ihm zuschreibe. Er bestreite nicht die "objektiven Handlungen", wohl aber die "subjektiven Kenntnisse", die ihm unterstellt würden.

Dann beschreibt G., wie er Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Anfang der neunziger Jahre in Jena kennen- und schätzen gelernt habe. Man habe sich als "Neonazis" verstanden, als Elitetruppe, die nicht wie andere, nur "saufen, prügeln und pöbeln", sondern "etwas bewegen" und den Leuten klarmachen wollte, dass sich in Deutschland etwas ändern müsse. Man habe anders gedacht als die Masse. Zschäpe und die beiden Uwes hätten damals schon einen gewissen "Bekanntheitsgrad" gehabt und die Freundschaft mit ihnen habe er, G. als "Auszeichnung", als "soziale Aufwertung" empfunden. "Ich fühlte mich in Gegenwart der Uwes sicher. Das war eine starke Gruppe."

Die Zweifel der Bundesanwaltschaft

Es habe Richtungsdiskussionen gegeben, ob Ziele mit Gewalt verfolgt werden sollten, "aber nicht jedes Wochenende" und nur theoretisch. Er habe es bis zur Verhaftung nicht für möglich gehalten, dass solche Taten begangen würden. "Ich wusste, dass Böhnhardt keiner Schlägerei aus dem Weg geht. Ich wusste auch, die haben Sprengstoff. Aber ich glaubte, dies sei nur als ultimative Drohung gedacht gewesen."

G., der vor Ermittlern erst wenig, dann immer mehr ausgesagt hatte, versucht inzwischen offensichtlich, vor Gericht seine Aussagen umzudeuten und abzuschwächen. Er habe nur aus Kameradschaft, aus Freundschaft geholfen, ihm seien "die drei" stets ganz "normal" vorgekommen - "als hätten sie sich mit dem Leben im Untergrund arrangiert".

Man habe nur selten über politische Themen geredet, sondern "über Privates". Kein Vorsatz bei ihm, nicht im Entferntesten. Dass die Bundesanwaltschaft ihm dies nicht abnimmt, sondern von einer "völlig normalen Schutzbehauptung" spricht, ist nicht verwunderlich.

G. wird zunehmend angespannter. Er gerät fast außer Atem, ringt um Fassung, als er über seinen Ausstieg aus der rechten Szene spricht. "Ich hatte den Glauben an die politische Überzeugung verloren, aber die Freundschaften sind geblieben." Alles nur Freundschaftsdienste, eine innere Verpflichtung zum Beistand. Und Vertrauen, dass schon nichts Schlimmes passieren werde. Dass er eine "Terrorzelle" unterstützt habe - nein, das sei undenkbar gewesen für ihn.

Fragen zu dieser über weite Strecken doch etwas seltsam anmutenden Einlassung wollte G. zunächst nicht beantworten. So wurde der Prozess am Donnerstagnachmittag bis nächste Woche unterbrochen. Dann wird es mit dem Stückwerk weitergehen: erst wieder mit Carsten S., dann erneut mit Holger G. - ein Hin und Her, aus dem die Angeklagten Nutzen ziehen können, wenn der Vorsitzende es zulässt. Doch darauf sollten sie nicht hoffen.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. ja
Stabhalter 06.06.2013
Zitat von sysopDPAIm NSU-Prozess hat der zweite Angeklagte mit seiner Aussage begonnen. Holger G. räumt ein, Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe unterstützt zu haben, von der Mordserie will er nichts gewusst haben. Mit einer Erklärung wandte er sich an die Angehörigen der Opfer. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/angeklagter-holger-g-sagt-im-nsu-prozess-aus-a-904207.html
wenn das Gericht dies glaubt was Holger G.von sich gibt,dann ade lieb Vaterland.
2.
kuddel37 06.06.2013
Zitat von sysopDPAIm NSU-Prozess hat der zweite Angeklagte mit seiner Aussage begonnen. Holger G. räumt ein, Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe unterstützt zu haben, von der Mordserie will er nichts gewusst haben. Mit einer Erklärung wandte er sich an die Angehörigen der Opfer. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/angeklagter-holger-g-sagt-im-nsu-prozess-aus-a-904207.html
Also auch bisher nichts an Material welches großartig zur Aufklärung beitragen könnte. Auch nichts an Aussagen die Zschäpe angelastet belasten könnten. Es kann noch nicht mal belegt werden von wem jeder einzelne Mord nun wirklich begangen wurden. Bisher alles nur Vermutungen aber keinerlei beweise.
3. Dieses Thema ist sehr brisant ...
Wichtig-Tuer1960 06.06.2013
.... und stinkt bis zum Himmel. Wir werden die Wahrheit nie erfahren , dafür sind sehr viele richtige Profis im Spiel bzw. im Hintergrund. Am dieses Gerichtverfahrens wird so gut wie nichts heraus kommen. Wofür auch ?! Die umgebrachten Personen sind Menschen zweiter Klasse und in Deutschland nicht gern gesehen. Für diese Menschen wird man bestimmt nicht die top ausgebildeten Profis denunzieren.
4. Was wollen Sie
friedenspfeife 06.06.2013
Zitat von kuddel37Also auch bisher nichts an Material welches großartig zur Aufklärung beitragen könnte. Auch nichts an Aussagen die Zschäpe angelastet belasten könnten. Es kann noch nicht mal belegt werden von wem jeder einzelne Mord nun wirklich begangen wurden. Bisher alles nur Vermutungen aber keinerlei beweise.
ist doch ein jahrhundert Prozess auf Steuerzahlerkosten. Da wird noch in vielen Jahren vor sich hin gefragt und geantwortet - wenn im Jahr 2020 die Befragungen beendet sind, wird mit der Beweisaufnahme begonnen, die vermutlich bis 2030 dauert, dann halten die Verteidiger und Staatsanwaelte ihre "Reden" bis 2050, dann gehts ab ins Kaemmerlein und schwupps wird das Urteil gefaellt. (Falls der Richter und der Staatsanwalt bis dahin nicht schon von uns gegangen sind - sonst muss der Fall wohl nochmal aufgerollt werden mit den Nachfolgern.)
5. Warum wurden massenhaft Akten vernichtet?
hartz4sucht 06.06.2013
Was stand darin? Belastendes oder Entlastendes? Wen betrafen die Akten? Die Involvierung der Ämter? Die sogenannte NSU Terrorzelle? Waren die Akten sehr aufschlussreich? Und "mussten" sie deshalb noch am Tage der Anforderung durch den Untersuchungsausschuss vernichtet werden? Warum wurden keine Sicherungskopien angelegt? Wurden wegen der Brisanz der Akten personelle Konsequenzen für Mitarbeiter in Kauf genommen? Wie konnten DNA Proben so lange Zeit unentdeckt kontaminiert werden? Und wurden die DNA Proben nach Ausscheidung der falschen DNA weiter verwertet? Was durchaus möglich ist? Was ist mit dem Herrn Temme, Geheimdienstmitarbeiter, der nachweislich um die Zeit der Morde an einigen Tatorten anwesend war? Was geschah auf dem Parkplatz auf dem der Polizistinnenmord geschah und der sich unter Beobachtung von Geheimdiensten befand? Warum konnte das Handy , von dem aus die Angeklagte am Tage des Ablebens der beiden vermuteten Terroristen in dem Wohnmobil mehrfach angerufen wurde, nicht identifiziert werden? Schließlich kamen die Anrufe aus einer Dienststelle! Das sind nur einige der offenen Fragen. Werden auch die Mitarbeiter der involvierten Dienste vor Gericht aussagen um das Ganze aufzuklären?
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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
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Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL

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