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Angriff auf Hamburger Polizisten: Die rätselhafte Nacht vor der Davidwache

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Polizisten vor der Davidwache: Finanzspritze von zehn Millionen Euro Zur Großansicht
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Polizisten vor der Davidwache: Finanzspritze von zehn Millionen Euro

Was geschah am 28. Dezember vor der Hamburger Davidwache, als drei Beamte verletzt wurden? Die Polizei ging schnell von einer politisch motivierten Tat aus, doch die detaillierte Aussage eines Zeugen nährt Zweifel. Eskalierte die Situation durch eine unbedachte Aktion eines Polizisten?

Die Hamburger Polizei konnte sich in dieser Woche freuen: Der Senat bewilligte eine Finanzspritze von zehn Millionen Euro, mit denen Überstunden ausgezahlt, Ausrüstung beschafft und Beförderungen finanziert werden sollen. Der Polizeigewerkschaft dürfte es in den Verhandlungen nicht geschadet haben, dass die Beamten in den letzten Wochen viele Schichten schieben mussten: Erst die Großdemonstration kurz vor Weihnachten, dann das mittlerweile aufgehobene Gefahrengebiet in Hamburgs Innenstadt.

Es sei wichtig, sagte Innensenator Michael Neumann (SPD) zur Senatsentscheidung, dass sich "die Kollegen auch auf den Senat verlassen können". Wie viel Verlass auf die Informationspolitik der Polizei ist, wird allerdings in Hamburg zunehmend in Zweifel gezogen.

Es geht um den Angriff auf Beamte der Davidwache am 28. Dezember: Drei Polizisten wurden verletzt, einer davon schwer - er erlitt Brüche im Gesicht und eine Risswunde, als ihm offenbar ein Stein ins Gesicht geschmettert wurde.

"Die Stimmung war eher gelöst"

Nicht zuletzt diese Attacke war es, mit der die Einrichtung des Gefahrengebietes begründet wurde. Die erste Polizeimeldung gab bereits den Ton an. Es war die Rede von einer Gruppe aus 30 bis 40 "zum Teil (unter anderem mit St.-Pauli-Schals) vermummten Personen", aus der heraus die Beamten attackiert worden seien. Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch ließ sich mit den Worten zitieren: "Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele ist völlig ungeeignet und kontraproduktiv."

Eine politisch motivierte Attacke passte ins Bild der laut Sicherheitsbehörden zunehmenden Gewaltbereitschaft der linksautonomen Szene. Kurz zuvor war es bereits zu einem Angriff auf die Davidwache gekommen, bei der Großdemonstration am 21. Dezember kam es zu Ausschreitungen. Und mit der angeblichen Attacke vom 28. Dezember hatte diese Szene nach Meinung der Polizei ganz offenbar das Fass zum Überlaufen gebracht. Tagelang durften Beamte in dem Gefahrengebiet verdachtsunabhängig Hunderte Personen kontrollieren, sie sprachen Dutzende Aufenthaltsverbote aus.

Doch Beobachtungen von Augenzeugen lassen Zweifel aufkommen, dass am 28. Dezember tatsächlich Linksautonome wüteten. Simon Wilke etwa, Jurastudent aus Bremen, hat ein ausführliches Gedächtnisprotokoll von jenem Abend niedergeschrieben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Er erinnert sich an eine Gruppe von 20 bis 25 Personen, "normal" gekleidet, sie seien weder vermummt gewesen, noch hätten sie einen aggressiven Eindruck gemacht. "Die Stimmung war eher gelöst, einige hatten Getränke in ihren Händen." Die Gruppe habe ein Lied gesungen, das mit "HSV ist scheiße" geendet habe.

Polizist soll Mann zu Boden gebracht haben

Laut Augenzeuge Wilke waren "die Fans", wie er die Gruppe nennt, anfangs gutgelaunt. Pöbeleien in Richtung Polizei habe er nicht gehört, zu Stein- oder Flaschenwürfen auf die Davidwache sei es nicht gekommen.

Mit der ausgelassenen Stimmung sei es dann aber schnell vorbei gewesen: "Die Gruppe war schon an der Davidwache vorbeigegangen, als der erste Trupp Polizisten aus der Wache kam", so Wilke. Die Beamten seien zu der Gruppe gelaufen. Ein Polizist habe dann einen Mann "nach hinten gerissen und zu Boden gebracht". Es habe "keinen Grund gegeben, den Mann anzugehen, der lediglich im Schritttempo seiner Gruppe hinterhergegangen war". In der Folge habe sich ein Wortgefecht entwickelt, zu weiteren körperlichen Übergriffen sei es nicht gekommen. Kurz darauf sei der festgesetzte Mann wieder losgelassen worden.

Er und weitere Gruppenmitglieder seien dann in Richtung Hein-Hoyer-Straße gelaufen, wo die Steinattacke auf den Polizisten stattfand. Den Vorfall selbst konnte Wilke nicht beobachten. Er sah aber den Polizisten, wie er aus der Straße kam, aus der Nase blutete und sich seine Hand vor das Gesicht hielt.

Laut Wilke sagte der andere Beamte, der zuvor den Mann zu Boden gebracht hatte, zu einer Kollegin, er habe eingegriffen, weil der Mann "mit angewinkeltem Arm hinter ihr gewesen sei". Führte eine spontane, unbedachte Aktion eines Polizisten zur Eskalation? Wilke sagte, er werde auch bald gegenüber der Staatsanwaltschaft aussagen.

Staatsanwaltschaft sieht keinen Anlass für Zweifel

Auch interne Verlautbarungen der Ermittler stellen die Einordnung der Attacke als politisch motivierte Tat in Frage: Als die Gruppe in Höhe der Davidwache gewesen sei, hätten Beamte "Sprechchöre, u.a. USP-USP (Ultra Sankt Pauli - d. Red.)" wahrgenommen, "wie sie sie aus Fußballeinsätzen her kennen", heißt in einem Papier des Landeskriminalamtes, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Von Vermummten ist keine Rede mehr, die Personen seien "überwiegend dunkel" gekleidet gewesen.

Woran das LKA-Papier weiterhin keine Zweifel lässt: Polizisten seien, als sie aus der Davidwache kamen, "sofort verbal angegriffen" und "mit Gegenständen (u.a. Glasflaschen) beworfen" worden.

Offen ist auch noch, wie genau sich die Stein-Attacke auf den Polizisten abspielte. In der Polizei wird kolportiert, dass eine beteiligte Beamtin am 2. Januar gegenüber den Ermittlern ausgesagt habe, dass der Kollege eine Person gegriffen und zu Boden gerungen habe, als die Gruppe gerade an ihm vorbeizog. Danach sei er aus der Gruppe heraus angegriffen und verletzt worden. Die Staatsanwaltschaft dementierte allerdings, dass diese Aussagen so gefallen seien.

Unklar bleibt zudem, wie genau es zu den Verletzungen der anderen beiden Beamten kam. Oberstaatsanwältin Nana Frombach sagte, man sehe derzeit keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass sich in jener Nacht eine Gruppe vor der Davidwache versammelt habe und es aus ihr heraus zu Gewalt gekommen sei. Zugleich verwies sie darauf, dass die Ermittlungen noch laufen und "dynamisch" seien.

Es bleibt festzustellen, dass vor allem die Attacke auf den Beamten, wie auch immer sich die Situation abspielte, in ihrer Strafwürdigkeit nicht zu relativieren ist. Durch die Widersprüche und Ungereimtheiten steht jedoch etwas auf dem Spiel, das nicht zuletzt wegen der Gefahrengebiete von Bedeutung ist: die Glaubwürdigkeit der Polizei.

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1.
bramsel 23.01.2014
Zitat von sysopDPAWas geschah am 28. Dezember vor der Hamburger Davidwache, als drei Beamte verletzt wurden? Die Polizei ging schnell von einer politisch motivierten Tat aus, doch die detaillierte Aussage eines Zeugen nährt Zweifel. Eskalierte die Situation durch eine unbedachte Aktion eines Polizisten? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/angriff-auf-davidwache-zeuge-widerspricht-angaben-der-polizei-a-945143.html
Gewalttäter gibts offensichtlich auf beiden Seiten. Aber wie auch immer - es gibt keine Situation, die es rechtfertigt, einem anderen Menschen einen Stein ins Gesicht zu schlagen. Das machen nur Personen, die keinen Respekt vor dem Leben anderen haben und sich an Gewalt und Brutalität aufgeilen. Und solche Personen haben in einer Gesellschaft nichts zu suchen sondern gehören weggesperrt.
2. Pikant wird es besonders...
holladrio 23.01.2014
Wenn man den Fakt hinzuzieht, dass der Generalstaatsanwalt von der Polizei aus dem Fall herausgemobbt wurde (indem er keine Infos bekam, Artikel im Hamburger Abendblatt). Außerdem gibt es angeblich keine Videoaufzeichnungen (im direkten Umfeld stehen 7 Kameras) und auch die Polizisten vor Ort sollen andere Aussagen gemacht haben, als in der Pressemitteilung stand. Inwiefern sich die Polizei durch solche Aussagen glaubwürdiger macht, sah man an den Protesten in den letzten Wochen...
3. Pikant wird es besonders...
holladrio 23.01.2014
Wenn man den Fakt hinzuzieht, dass der Generalstaatsanwalt von der Polizei aus dem Fall herausgemobbt wurde (indem er keine Infos bekam, Artikel im Hamburger Abendblatt). Außerdem gibt es angeblich keine Videoaufzeichnungen (im direkten Umfeld stehen 7 Kameras) und auch die Polizisten vor Ort sollen andere Aussagen gemacht haben, als in der Pressemitteilung stand. Inwiefern sich die Polizei durch solche Aussagen glaubwürdiger macht, sah man an den Protesten in den letzten Wochen...
4. keine zweifel?
bloub 23.01.2014
weil die aussage von polizisten kam? obwohl die sich selbst bei der aktion als unglaubwürdige zeugen hervorgetan haben. seltsame logik offenbart sich da mal wieder, die justiz sieht sich offenbar als schutzpatron für die polizei.
5. Berichterstattung
Beobachter123 23.01.2014
Haben sie sich vielleicht auch schon einmal überlegt, dass die Glaubwürdigkeit der Journalisten auf dem Spiel steht? In der Berichterstattung werden immer absolute Wahrheiten suggeriert. Diese sind dann auf Grüchte innerhalb der Polizei oder angebliche Augenzeugenberichte gestützt. Warum meinen sie eigentlich gibt es eine Ermittlung mit der Vernehmung von Zeugen? Die Aufklärung eines Solchen Sachverhalts braucht Zeit. Es ist normal, dass eine solche difuse Situation aus verschiedenen Blickwinkeln anderst wahrgenommen wird. Bedenklich ist eher, wenn alle 1 : 1 die selbe Geschichte erzählen. Eines ist allerdings sicher: Nichts rechtfertigt einem Menschen einen Stein ins Gesicht zu werfen!
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