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Angriff auf Mädchen: Entlassener Sextäter narrte Aufpasser

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Der Sextäter ist den Behörden bekannt - nun soll er wieder ein Mädchen angefallen haben. Mehr als zehn Jahre lang hatte Ricardo K. in Sicherungsverwahrung gesessen, wurde dann frei gelassen und stand unter Dauerbeobachtung - bis er Kooperationsbereitschaft signalisierte.

Gefangener (Symbolbild): "Keine Anzeichen für hochgradige Gefahr" Zur Großansicht
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Gefangener (Symbolbild): "Keine Anzeichen für hochgradige Gefahr"

Duisburg - Die Kirchstraße im Duisburger Stadtteil Homberg ist keine feine Adresse: Die Fassaden der Häuser sind grau, von Fensterrahmen oder Eingangstüren blättert Farbe und am Straßenrand parken Kleinwagen aus Asien. In dieser westdeutschen Tristesse des Ruhrgebiets geschah am Sonntagnachmittag, wovor sich Politiker, Psychologen und Polizisten gleichermaßen fürchten.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll gegen 17.30 Uhr der erst vor zehn Tagen aus der Sicherungsverwahrung entlassene Ricardo K., 47, ein Mädchen attackiert haben. Der vorbestrafte Sexualstraftäter habe die Zehnjährige gewürgt. Dennoch habe sie sich dem Angreifer entziehen können, sagten Ermittler. Die Pressestelle der Duisburger Polizei teilte auf Anfrage lediglich schriftlich mit, dass ein 47-Jähriger festgenommen worden sei. Er solle ein Kind angegriffen haben, hieß es.

Ricardo K. war nach Angaben des Oberlandesgerichts (OLG) Hamm am 18. November aus der Justizvollzugsanstalt Werl entlassen worden und zu Verwandten in die Duisburger Kirchstraße gezogen. Der 47-Jährige saß seit mehr als zehn Jahren in Sicherungsverwahrung, nachdem er zuvor eine sechsjährige Haftstrafe wegen eines Sexualdelikts verbüßt hatte.

Keine Gefahr

Ricardo K. hatte das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zum Anlass genommen, seinen Fall noch einmal überprüfen zu lassen. Weil Psychologen ihm sodann bescheinigten, dass er nicht mehr gefährlich sei, verfügte das OLG Hamm Mitte November die Freilassung des einschlägig vorbestraften Sexualstraftäters. Es gebe keine "konkreten Anzeichen für eine hochgradige Gefahr der Begehung schwerster Gewalt- oder Sexualstraftaten", hieß es.

Offenbar war das eine Fehleinschätzung.

Dennoch wurde K. in Duisburg zunächst von 24 Beamten täglich dauerüberwacht, eine gute Woche lang. Als er aber vor wenigen Tagen die grundsätzliche Bereitschaft zur Kooperation mit den Behörden erkennen ließ, stellte die Polizei die teure Observation ein. Die Beamten wurden dringend an anderer Stelle gebraucht.

"Der Vorfall in Duisburg zeigt, dass diese tickenden Zeitbomben nicht entlassen werden dürfen", so der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Erich Rettinghaus. Die Politik müsse "schnellstens eine Lösung finden". Das Versprechen eines Täters, sich an Auflagen und Meldepflichten zu halten, reiche nicht aus. "Wenn solche Sexualstraftäter nicht therapierbar sind, dürfen sie auch nicht auf die Menschen losgelassen werden."

Eigentlich - und das ist das große Problem - weiß niemand so recht, wie generell mit den früheren Sicherungsverwahrten verfahren werden soll, irgendwie wurschteln sich die Ämter durch, es ist ein großes Provisorium. In Berlin zimmert die Politik zwar an einem neuen Gesetz, was noch Monate dauern wird, neue Therapienzentren sollen sodann entstehen, was noch Jahre dauern kann. Doch schon jetzt streiten sich höchste Gerichte auch untereinander über die Frage, wer wann wie entlassen werden darf.

Beschattung rechtlich fragwürdig

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen wird in Hamburg der 61-jährige Hans Peter W. seit Monaten rund um die Uhr von täglich 24 Beamten überwacht. Mehr als 314.000 Euro kostete die Hansestadt die Dauerobservation inzwischen - obwohl die Beschattung eines freien Bürgers rechtlich fragwürdig ist.

Und die Beamten, die nun das zweifelhafte Vergnügen haben, tagein tagaus hinter einem Mann herzulaufen, der nicht weiß, was er mit seiner Zeit eigentlich anfangen soll, fehlen natürlich an anderer Stelle. "Bewachen statt ermitteln - das ist leider viel zu oft unsere Devise geworden", klagt ein Polizeigewerkschafter.

In manchen deutschen Großstädten taten Zivilfahnder wochenlang nichts anderes, als entlassene Sexualstraftäter zu begleiten: Drogenverkäufe, Autoaufbrüche oder Straßengewalt zu bekämpfen, dafür blieb den Nichtuniformierten keine Zeit. "Wir machen hier bloß noch Babysitting", schimpfte einer von ihnen.

Ricardo K. wurde inzwischen festgenommen und sitzt nach knapp zwei Wochen in Freiheit wieder im Gefängnis - wegen versuchter Freiheitsberaubung und versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern. Der nächste zu entlassende Sicherungsverwahrte hat übrigens bereits erklärt, ihn ziehe es ebenfalls nach Duisburg.

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insgesamt 195 Beiträge
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1. Schmalspurexperten
elbröwer 29.11.2010
"Weil Psychologen ihm sodann bescheinigten, dass er nicht mehr gefährlich sei." Dann müßen die Psychologen haften. Eine Entschädigung an das Opfer ist durch diese Schmalspurexperten zu zahlen. Therapie des Täters in der Zelle durch die verantwortlichen Psychologen. Es ist unglaublich wie unfähig die meisten von denen sind. Ursache nur ihre Analyse ist richtig, der gesunde Menschenverstand zählt nichts.
2. das mit den 3-jährigen stimmt übrigens
nixda 29.11.2010
hier noch der Beweis, dass selbst 3-jährige etwas können, das Politiker nicht schaffen - aus Lebenserfahrung lernen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,729437,00.html
3. Falsch
zch 29.11.2010
Die Menschenrechte sind universal und nicht aberkennbar. Zum Glück.
4. Tödliche Fehleinschätzung
RaMaDa 29.11.2010
Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat und genau hier liegt die enorme Gefahr. Die Menschen müssen vor solchen Tätern geschützt werden - egal wie!
5. Ah,
elwu, 29.11.2010
"Weil Psychologen ihm sodann bescheinigten, dass er nicht mehr gefährlich sei" mal wieder.
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Nachträgliche Sicherungsverwahrung
Bei der Sicherungsverwahrung wird ein Straftäter über das Ende seiner Strafhaft hinaus, aufgrund entsprechender Anordnung im Urteil, wegen seiner besonderen Gefährlichkeit in Haft gehalten. Bei der nachträglichen Sicherungsverwahrung stellt sich die besondere Gefährlichkeit erst während der Haft heraus. Dann soll die Sicherungsverwahrung aufgrund qualifizierter Prognoseentscheidungen auch noch im Nachhinein angeordnet werden können. Die nachträgliche Sicherungsverwahrung wurde 2004 zunächst für nach Erwachsenenstrafrecht verurteilte Täter, seit 2008 auch für Jugendliche und nach Jugendstrafrecht verurteilte Heranwachsende (18 bis 21 Jahre) eingeführt.


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