Urteil gegen Millionärsverlobte Richter geht Anwälte an - "Jegliche professionelle Distanz verloren"

Viereinhalb Jahre Haft wegen versuchten Totschlags: Das Landgericht München I hat die Verlobte eines Millionärs wegen einer Messerattacke auf der Wiesn verurteilt. Seine Wut über die Anwälte der Frau verbarg der Richter nicht.

Melanie Meier (2.v.r.) mit Anwälten
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Melanie Meier (2.v.r.) mit Anwälten


Nach dem Urteil gegen die Verlobte eines Hamburger Millionärs hat der Richter die Verteidiger der Frau heftig kritisiert. "Ich habe es in 27 Jahren noch nicht erlebt, dass Verteidiger jegliche professionelle Distanz zu ihrer Mandantin derart verloren haben", sagte Norbert Riedmann, Vorsitzender der Kammer am Landgericht München I.

Sichtlich wütend sagte Riedmann, es müsse geprüft werden, ob die Anwälte auch in eine gekaufte Zeugenaussage verwickelt seien. Der Hamburger Immobilienkaufmann Detlef Fischer, Lebensgefährte der Angeklagten Melanie Meier, hatte nach Auffassung des Gerichts mehrfach versucht, Zeugen zu kaufen - deswegen läuft gegen Fischer ein Ermittlungsverfahren, er wurde sogar vorübergehend festgenommen.

Melanie Meier wurde wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, weil sie auf dem Oktoberfest einen Pöbler mit einem Messer gestochen hatte. Sie berief sich auf Notwehr.

Fischer soll einem Mann, der vor Gericht aussagte, für eine entlastende Falschaussage 200.000 Euro geboten haben. Der Mann gab zu, für seinen Auftritt gekauft worden zu sein. Tatsächlich war er überhaupt nicht auf der Wiesn.

Anwalt spricht von "Verteidiger-Bashing"

Im Zusammenhang mit der gekauften Aussage sei auch ein "lancierter" Artikel in einer Zeitschrift zu beachten, sagte Richter Riedmann in Richtung der Anwälte. "Die Umstände verlangen nach Aufklärung." Es gebe hinreichende Anhaltspunkte für den Anfangsverdacht einer Straftat, sagte der Richter. Er kündigte außerdem an, die Anwaltskammer über das Verhalten der Verteidiger zu unterrichten.

Einer der Kritisierten, Rechtsanwalt Gerhard Strate, wies die Vorwürfe entschieden zurück und sprach von "Verteidiger-Bashing". Strate vermutete Lokalpatriotismus hinter der nicht alltäglichen und sehr deutlichen Rüge: Er glaube, "dass Verteidiger, die aus Hamburg kommen, hier nicht willkommen sind in München". Und: "Die Wiesn ist schon ein Rechtsgut für sich." München sei zwar eine schöne Stadt, aber "die Strafjustiz in Bayern ist nicht so, dass man sich darüber freut".

Richter Riedmann hatte dagegen betont: "Die Kammer entscheidet nicht nach einem Sonderrecht für Prominente und auch nicht nach einem Sonderrecht für die Wiesn."

"Die Angeklagte handelte mit Tötungsvorsatz"

Meier, Mutter dreier Kinder, hatte die Tat zugegeben. Der Verletzte hatte ihren Bekannten, den Ex-Fußballnationalspieler Patrick Owomoyela, zuvor heftig rassistisch beleidigt. Der Lastwagenfahrer erlitt eine schwere Stichwunde, verlor viel Blut, ihm musste die Milz entfernt werden.

"Die Angeklagte handelte mit Tötungsvorsatz", sagte Riedmann. "Sie bringt die Tasche auf, sie bringt das Messer raus, sie macht es auf, sie sticht zu." In dem Verhalten könne er keine Anhaltspunkte für eine Panik erkennen. Das Gericht lastete der 34-Jährigen vor allem an, dass sie die Tat zwar gestanden, den verletzten Mann aber nicht als Opfer anerkannt und darum keine Verantwortung für ihre Tat übernommen habe. Meier ging nach der Tat in die Nobeldisco P1 und feierte weiter.

Beim Urteil hatte Meier die Augen geschlossen, schließlich brach sie - wie schon zuvor oft in der Verhandlung - in Tränen aus und schluchzte verzweifelt. Ihre Verteidiger hatten stets von Notwehr gesprochen und auf Freispruch plädiert. Sie kündigten an, das Urteil "sehr wahrscheinlich" anzufechten und vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe zu ziehen.

ulz/dpa

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