Angriff auf Polizei in Hameln "Hemmungslose Gewalt"

Er wollte aus dem Fenster fliehen und stürzte ab: Nach dem Tod eines Verdächtigen im Amtsgericht Hameln griffen wütende Angehörige Polizisten an - 14 Beamte wurde verletzt. Die Stadt befindet sich in einem "schockähnlichen Zustand".

Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln: Großeinsatz nach tödlichem Sturz
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Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln: Großeinsatz nach tödlichem Sturz

Von Veronika Wulf


Es muss alles sehr schnell gegangen sein: Der mutmaßliche Räuber streifte sich eine Handschelle vom Gelenk, öffnete das Flurfenster im siebten Stock des Amtsgerichts Hameln und schlüpfte hindurch. Sein Verteidiger, der direkt daneben stand, schrie überrascht auf, vier Polizisten waren etwa zehn Meter entfernt und sprangen herbei - doch sie kamen zu spät. Der Verdächtige war schon draußen und versuchte, die etwa ein Meter breite Mauernische herunterzuklettern. Dabei stürzte der 26-Jährige ab und starb später im Krankenhaus. So berichtet es die Staatsanwaltschaft Hannover unter Berufung auf die Aussagen der Polizisten und des Verteidigers.

Der Todesfall hat über die Grenzen von Hameln große Aufregung ausgelöst. Nicht nur, weil ein Festgenommener auf dem Gerichtsgelände ums Leben gekommen ist. Sondern auch, weil seine Angehörigen anschließend Polizisten massiv angegriffen haben. Hameln befinde sich nach den Gewalttaten "in einem schockähnlichen Zustand", sagte Stadtsprecher Thomas Wahmes.

Der Verdächtige, ein gebürtiger Hamelner, war festgenommen worden, weil er am Dienstagabend zusammen mit einem Komplizen eine Tankstelle im Nachbarort Aerzen überfallen haben soll. Ein Zeuge merkte sich das Autokennzeichen, über das die Polizei schnell auf den 26-Jährigen kam. Etwa eineinhalb Stunden nach der Tat wurde er in einer Spielhalle festgenommen. Eine Tasche mit der Beute hatte er in einem Gebüsch versteckt, wie Jens Petersen von der Polizeistelle Hameln sagt.

Der Verdächtige soll an Raubserie beteiligt gewesen sein

Während der Fahrt zur Wache kam es dann zu einem ersten Zwischenfall: Laut Polizei versuchte der 25-jährige Bruder des Verdächtigen, diesen aus dem Streifenwagen zu befreien - er scheiterte aber. Am Mittwoch gegen 14 Uhr wurden beide in das Hamelner Amtsgericht geladen und dem Haftrichter vorgeführt.

Dem 26-Jährigen drohte eine Gefängnisstrafe von mindestens einem Jahr. Laut Staatsanwaltschaft stand er unter Verdacht, an einer Serie von Überfällen auf zwei Tankstellen, ein Tiergeschäft und einen Bäcker beteiligt gewesen zu sein.

Nach der Anhörung wollte der Verdächtige auf dem Flur vertraulich mit seinem Anwalt sprechen. Sie unterhielten sich in der Nähe des Fensters, die Polizisten hielten Abstand. "Er muss den Plan, aus dem Fenster zu klettern, blitzschnell gefasst haben", sagt Oliver Eisenhauer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover. Die Polizei geht davon aus, dass der 26-Jährige flüchten wollte.

Die Wut der Großfamilie

Zur selben Zeit warteten Angehörige des mutmaßlichen Räubers vor dem Gebäude, darunter sein Onkel. Dieser sagte der lokalen "Deister- und Weserzeitung", er sei davon ausgegangen, dass sein Neffe lediglich Kaution hinterlegen wolle und dann wieder freikäme. Die Mutter des 26-Jährigen habe dann gesehen, dass zwei Männer ihren Sohn aus dem Fenster gestürzt hätten.

Was dann geschah, schildert die Polizei folgendermaßen: Als Rettungskräfte den Verletzten ins Krankenhaushaus bringen wollten, wurden sie von den Angehörigen angegriffen. Vor dem Krankenhaus eskalierte die Situation schließlich. Als der Tod des jungen Mannes festgestellt wurde, hätten etwa 30 Angehörige versucht, in das Klinikum einzudringen, sagt Polizeisprecher Petersen. Der Zutritt sei ihnen verwehrt worden - wegen des bereits zuvor aggressiven Verhaltens und weil der Leichnam wegen andauernder Ermittlungen beschlagnahmt wurde.

Mit Reizgas, Fäusten und Steinen

Einige Polizisten vor Ort versuchten den Eingang zu schützen, mussten aber bald Verstärkung holen. "Die Mitglieder der Großfamilie schleuderten Steine, die sie zuvor aus dem Pflaster gerissen hatten, auf die zum Schutz der Klinik eingesetzten Beamten und griffen diese auch mit Pfefferspray an", sagte Petersen. Einer kleinen Gruppe sei es gelungen, das Klinikum durch einen Hintereingang zu betreten. "Sie konnten aber von den Beamten zurückgedrängt werden."

Eine Glasscheibe ging zu Bruch, 14 Polizisten wurden verletzt: einer durch einen Faustschlag, einer durch einen Steinwurf und die restlichen durch Reizgas. SPD-Landrat Tjark Bartels sprach von "hemmungsloser Gewalt".

Einige Angehörige waren laut Polizei aus anderen Bundesländern angereist. Petersen geht davon aus, dass sie sich vorbereitet haben. "Wer hat schon zufällig Reizgas dabei? Ich nicht."

Die Polizei zog Kräfte aus der Region in Hameln zusammen, mehr als 100 Beamte waren im Einsatz. Gegen die Familienmitglieder des Toten wird wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch ermittelt. Festnahmen gab es zunächst nicht.

Mit Material von dpa

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