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Angriff in Berlin: Schüsse auf Massiv wurden Minuten später im Internet vermeldet

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Drei Schüsse, ein Rapper, ein Kapuzenmann - und viele Fragen: In der Plattenfirma No Limit Music heißt es, Massiv habe bei dem bewaffneten Überfall in Berlin viel Blut verloren, sei dem "Tod sehr nahe" gewesen. Doch die Polizei zweifelt an der Version des Opfers, verfolgt eine mysteriöse Spur.

Hamburg - "Massiv ist total geschockt. Mit so was hat er nicht gerechnet", sagte ein Sprecher des Musiklabels "No Limits Music" SPIEGEL ONLINE. Der Mitarbeiter, der seinen Namen aus Angst vor Übergriffen nicht nennen möchte, hat heute Morgen mit dem Rapper telefoniert. "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Aber der Vorfall geht natürlich nicht spurlos an ihm vorbei. Er hat viel Blut verloren und er war dem Tod sehr nah."

Inzwischen sei sein Handy ausgeschaltet und man wisse nicht, wo er sich aufhalte. Nach Informationen der Plattenfirma war Massiv gestern Abend zu einem Interview mit dem Sender "Aggro Radio" in das Studio des Plattenlabels "Aggro Berlin" gefahren. Anschließend habe er sich mit einem Bekannten getroffen. Während der sich noch einmal verabschiedet habe, um Zigaretten zu kaufen, wartete Massiv kurz nach 22 Uhr auf der Schierker Straße in Neukölln und telefonierte neben seinem Auto stehend mit dem Handy.

"Dann kam ein maskierter Mann und hielt ihm eine Waffe ins Gesicht", so der Sprecher von "No Limits Music". Als der Begleiter zurückkam und schrie, habe der Unbekannte drei oder vier Schüsse abgegeben, von denen einer Massiv in der rechten Schulter traf. Auch der Wagen des Rappers wurde beschädigt.

Zweifel der Ermittler

"Der Schuss war ein glatter Durchschuss. Massiv ist behandelt worden, hat das Krankenhaus aber anschließend auf eigenen Wunsch wieder verlassen." Der Täter sei in einen dunklen Wagen gestiegen und Richtung Hermannstraße geflüchtet. Man gehe davon aus, dass er zusammen mit einem Komplizen am Tatort war, der das Fluchtauto gefahren habe.

Für die Polizei ist das, was in der gestrigen Nacht passiert ist, weit weniger eindeutig. Gleich nach der Tat suchten die Behörden intensiv nach Zeugen, bisher aber gibt es neben den Aussagen des Opfers keine gesicherten Hinweise auf den Ablauf der Tat. Massiv selber wurde bisher nur kurz befragt.

Merkwürdig erscheint den Ermittlern, dass im Internet-Forum des Rappers schon um 22.35 Uhr der erste Hinweis auf ein "Attentat" auftauchte. Zu diesem Zeitpunkt war Massiv laut den Akten der Feuerwehr noch auf dem Weg ins Berliner Urban-Krankenhaus, wo seine Schussverletzung behandelt wurde. Demnach wurde er im Krankenhaus erst um 22.42 Uhr eingeliefert. Wie die ersten Details der Tat so schnell auf die Internet-Seite kommen konnten, wird derzeit ermittelt.

Nur zwei Stunden später meldete sich Massiv über eine Verwandte in München in dem Forum bei seinen Fans und beschrieb, dass er einen Schulterdurchschuss erlitten habe. Die Ermittler hingegen sprechen von einem "Streifschuss am Oberarm".

Fehde oder Inszenierung?

Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. So könnte es sich bei der Tat um eine Fehde unter Gruppen staatenloser Palästinenser handeln, von denen die meisten aus dem Libanon stammen. In letzter Zeit gab es zwischen den Gruppen teils gewalttätige Auseinandersetzungen. Da Massiv zumindest offiziell eine Wohnadresse bei einer der prominentesten Familien der Szene im Stadtteil Neukölln hat, könnte hier ein mögliches Tatmotiv liegen.

Ebenso will niemand zum jetzigen Zeitpunkt ausschließen, dass es sich bei der Tat um eine zwar brutale, aber möglicherweise sehr effektive Inszenierung handeln könnte. Aus den USA kennen die Beamten Fälle, in denen Straftaten inszeniert wurden, um vor einer Plattenveröffentlichung von Rappern Aufmerksamkeit zu erzeugen. Erfahrene Ermittler erstaunt vor allem, dass auf den Sänger mehrere Schüsse aus nächster Nähe abgegeben worden sein sollen - aber nur eine Kugel den Arm streifte. Die neue Platte von Massiv jedenfalls wird in den nächsten Wochen erscheinen.

"Amerikanische Verhältnisse"

Bei "No Limits Music" spricht man ebenfalls von "amerikanischen Verhältnissen", meint allerdings die Gewaltbereitschaft innerhalb der Szene. "So was ist in Deutschland und auch in Europa noch nicht vorgekommen. Für uns alle ist das ein Schock", so der Sprecher. "Wenn es in einem Lied heißt, 'ich puste dich weg', dann bedeutet das nicht, dass so was auch tatsächlich gemacht wird. Im HipHop hat Sprache eine andere Bedeutung."

Massiv, der mit bürgerlichem Namen Wasiem Taha heißt, ist Sohn palästinensischer Flüchtlinge aus dem Südlibanon. Seine Eltern sind 1980 nach Deutschland gekommen, er ist in Deutschland geboren. In seiner Jugend ist er mehrfach straffällig geworden, hat Drogen verkauft und andere mit dem Messer bedroht. Er landete erst im Jugendarrest, dann in Untersuchungshaft. Mit Anfang 20 sagte ihm das Jugendamt, er habe keine Perspektive mehr in Deutschland.

Bis vor zwei Jahren lebte der heute 25-Jährige gemeinsam mit seinen Eltern und einer Schwester in einer Einzimmerwohnung in Pirmasens in der Pfalz. Auf Drängen Wasiems zog die Familie schließlich nach Berlin, wo Massiv eine Karriere als Gangsta-Rapper anstrebte und tatsächlich einen Plattenvertrag bei Sony BMG ergatterte. Die Plattenfirma investierte eine Viertelmillion Euro in die neue Hoffnung des deutschen Gangsta-Rap. Massiv sollte der deutsche 50 Cent werden, eine lokale Version des früheren Drogendealers aus New York, der in seinen Texten unter anderem von seinen neun Schusswunden erzählt und mit seinen Vorstrafen prahlt.

"Blut gegen Blut"

Wasiem lässt sich die Initialen seiner Eltern auf den Oberarm tätowieren, HTWA steht dort. Der Titel seines ersten Albums, "Blut gegen Blut", ist auf seinem linken Unterarm zu lesen. Die Arme des 120-Kilo-Manns sind so breit wie die Beine anderer Leute. Massivs Credo: "Ich bin meinen Weg gegangen, habe meinen Mann gestanden, keiner kann mich ficken."

In seinen Texten trägt er Fehden mit einem Rapper-Duo aus dem Ruhrgebiet aus, nennt sich selbst "Prototyp-Kanacken". Im Juni 2007 wird er nach einem Konzert in einem Kulturzentrum in Duisburg-Rheinhausen von etwa 100 der rund 150 Besucher aus der Halle geprügelt. Angeblich hat er sich abfällig über die türkische Kultur geäußert - woraufhin ihn die überwiegend türkischen Männer aus dem Publikum angegriffen haben. Erst ein Großaufgebot von 60 Polizisten konnte die Massenschlägerei schließlich beenden.

Massivs Texte seien härter als die von Bushido, heißt es in der Branche. Und vor allem seien sie authentischer. "Das Leben ist wie Einzelhaft, ich ziehe die Knarre erst, wenn der Mond in mein Ghetto kracht", lautet eine der Zeilen. Der Rapper weiß, dass er sich Feinde macht. Die Provokation ist Programm. Deshalb hat sich Massiv seit seinem Umzug nach Berlin ein enges Netzwerk aus Freunden und Beschützern gesucht.

"Mein Rücken" nennt er die Gruppe von Männern, die ihn die meiste Zeit begleiten. Einige von ihnen haben mehrjährige Haftstrafen verbüßt, unter anderem wegen Raubüberfällen. Im Januar 2007 wurde einer der Beschützer namens Aschraf mitten auf der Straße in Neukölln mit einer Waffe bedroht. Doch die hatte Ladehemmungen, keiner der Schüsse hat ihn getroffen. Die Ermittler beim LKA vermuten einen Streit zwischen Aschrafs Clan und jener Araberfamilie, die enge Verbindungen zu dem Rapper Bushido unterhält.

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