Angriffe auf Flüchtlingsheime Gefährliche Angst

Zwei Drittel derjenigen, die Flüchtlingsheime angegriffen haben sollen, haben laut BKA keine Kontakte zur rechten Szene. Das macht es noch schlimmer.

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Es ist erst ein paar Monate her, da zündete ein Finanzbeamter der Freien und Hansestadt Hamburg in seinem Heimatort ein Flüchtlingsheim an. In dem Haus sollten Menschen untergebracht werden, die sich vor Mord, Folter und Verwüstungen im Irak geflüchtet hatten.

Er habe Angst um "das Schöne" gehabt, das sich seine Familie in der schleswig-holsteinischen Provinz aufgebaut habe, rechtfertigte sich Kim M. vor Gericht. Angst darum, dass "die Idylle beeinträchtigt" werde. "Wer erklärt denen, wann der Müll rausgestellt werden muss, wenn die kein Deutsch verstehen?", fragte M. allen Ernstes die Richterin.

Den Müll.

Das Böse, Gemeine, Niederträchtige kann aus so banalen Gründen entstehen, das zeigt der Fall des Kim M. Dieser mag wegen seines gutbürgerlichen Hintergrunds ein extremer Fall sein, aber er ist kein Einzelfall. Eine Analyse des Bundeskriminalamts (BKA) hat ergeben, dass zwei Drittel derjenigen, die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte verübt haben sollen, bislang keinen Bezug zur rechten Szene erkennen ließen: Biedermänner als Brandstifter.

Die Furcht wird Sache der Bürgerlichen

Dieser Befund muss alarmieren, muss aufschrecken. Es sind nicht mehr nur die politisch Verirrten, die aus Angst vor dem und den Fremden kriminell werden. Die einfachen Schubladen des politischen Lagerdenkens funktionieren nicht mehr, nicht jeder Ausländerfeind ist ein organisierter Rechtsextremist. Es ist längst komplizierter geworden und damit auch schlimmer.

Die Furcht vor Flüchtlingen greift in bürgerliche Kreise aus. Genährt von der Stimmungsmache rechter Rattenfänger, gespeist von Hetze und Desinformation in sozialen Medien wird auch jenseits der Neonazi-Szene allmählich aus Furcht Ablehnung - und daraus mitunter Hass und Gewalt. Pegida und die AfD laben sich an dieser Angst. Das aber darf nicht sein!

Eine Demokratie wie Deutschland kann einige Tausend Extremisten ertragen. Ihre Taten und ihre Ideologie sind schändlich und dumm, aus ihrer Brutalität und Menschenverachtung entspringt eine Gefahr für andere, keine Frage. Aber auch alle Radikalen zusammen wären noch immer meilenweit davon entfernt, das politische System der Bundesrepublik erschüttern zu können.

Angst hilft nicht

Aber wenn wir zulassen, dass sich die Angst und die Ablehnung in unsere Mitte schleichen, wird es gefährlich. Wenn die einigermaßen Vernunftbegabten sich plötzlich von Feinden umgeben sehen, wenn sie meinen, ihre Sicherheit sei gefährdet, ihr Wohlstand bedroht, dann wird es gefährlich. Wenn die Bürger glauben, die Politiker dienten nicht mehr ihren Interessen und nur sie selbst seien noch in der Lage, mit Verzweiflungstaten das Wohl des Landes zu sichern, dann wird es gefährlich.

Und deshalb ist das Wichtigste: Wir dürfen keine Angst haben! Sie hilft uns nicht, sie hilft denjenigen nicht, die zu uns kommen, sie lähmt uns und sie führt - nicht immer, aber immer öfter - zu Hass. Fürchtet euch nicht, könnte man sagen. Das wäre sehr pathetisch. Oder an die Adresse von Kim M. und allen anderen Angstbürgern gerichtet: Jemand wird den Müll schon rausbringen.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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