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Gewalt gegen Homosexuelle: Überfälle verunsichern New Yorks Schwulenszene

Von , New York

Gedenkstätte für den ermordeten Mark Carson in New York: Auf offener Straße erschossen Zur Großansicht
AFP

Gedenkstätte für den ermordeten Mark Carson in New York: Auf offener Straße erschossen

In New York häufen sich Übergriffe auf Homosexuelle, die Szene ist besorgt. Im Greenwich Village, der Geburtsstätte der US-Schwulenbewegung, wurde nun sogar ein Mann auf offener Straße erschossen. Aktivisten fürchten, dass Unverbesserliche mit Gewalt die Liberalisierung im Land abwürgen wollen.

Amerikas Schwulenbewegung begann im Greenwich Village. Am Stonewall Inn lieferten sich Kneipengänger, Drag Queens und Cops 1969 ihre erste Straßenschlacht. Die Christopher Street wurde zur Schwulenmeile. Bis heute ist sie Zielgerade der alljährlichen Pride Parade, der weltgrößten ihrer Art.

Zwar ist das Village längst kommerzialisiert und von "Sex and the City"-Touristen überlaufen, und die alten Bewohner sind vor den Wuchermieten geflohen. Doch immer noch gilt es als das aufgeschlossenste und sicherste Viertel New Yorks.

Für Mark Carson wurde es zur Todesfalle.

Der 32-Jährige war voriges Wochenende mit seinem Freund unterwegs. Nicht weit vom Stonewall Inn entfernt wurden sie von drei Männern angepöbelt: "Guck mal, diese Tunten!" Später zog einer der Angreifer einen Revolver aus dem Hosenbund: "Willst du hier sterben?" Dann schoss er Carson ins Gesicht.

Carson starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der mutmaßliche Täter, der vorbestrafte Elliot M., wurde schnell gefasst. "Yeah, ich habe ihm in den Kopf geschossen", prahlte er nach Angaben der Justiz lachend.

Tausende demonstrierten danach am Tatort. Denn der Mord an Carson, so schon schockierend genug, ist nur einer in einer ganzen Serie brutaler Attacken auf Schwule und Lesben, die die Stadt aufgerüttelt haben.

Die Polizei fährt Sonderstreifen, Bürgermeister Mike Bloomberg zeigt sich besorgt. "Wir sind ein Ort, der Vielfalt zelebriert", sagte er. "Ein Ort, an den Menschen aus aller Welt kommen, um frei von Vorurteilen und Verfolgung zu leben."

Überfallen, verprügelt, erschlagen

Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate sprechen dagegen:

  • Im populären "Waverly Diner" - nur Schritte von der Ecke entfernt, an der Carson erschossen wurde - griff ein Unbekannter eine Frau an, die er für lesbisch hielt, und schlug ihr mit einer Ketchupflasche ins Gesicht.
  • Ein schwules Paar wurde in der Nähe vom Madison Square Garden von einer Gruppe Männer zusammengeschlagen. Beide landeten mit Brüchen im Krankenhaus.
  • Ein weiteres Paar wurde auf einem U-Bahnsteig überfallen. Die Angreifer brüllten schwulenfeindliche Parolen.
  • Der Schwulenaktivist Lou Rispoli, 62, wurde im Oktober erschlagen, als er Milch holen wollte. Er und sein Partner Danyal Lawson hatten 2011 geheiratet, am ersten Tag, als die Homo-Ehe in New York legal war. Der Fall bleibt ungeklärt.
  • Selbst wenige Stunden nach der Demo am Montag gab es schon wieder neue Angriffe. Ein schwuler 45-Jähriger wurde bewusstlos geschlagen, zwei weitere Männer verprügelt.

Bisher hat das New York Police Department in diesem Jahr 29 schwulenfeindliche Übergriffe gezählt, mehr als doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum 2012 (14). Auch landesweit steigt die Anzahl der Vorfälle.

Viele sind verunsichert - ausgerechnet kurz vor Juni, dem "Gay Pride Month". "Wir laufen nicht mehr Hand in Hand herum", sagt Tim Hicks, der seit Jahren mit seinem Freund Wayne Rucker im alten Schwulen-Mekka Chelsea lebt. "Wie kann so was passieren?", fragt der Kellner Carlos Morales. "Im Jahr 2013?"

"Wir haben noch einen weiten Weg vor uns"

Manche suchen eine Erklärung gerade in den jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Homo-Ehe ist inzwischen in zwölf US-Staaten und der Hauptstadt Washington legal. Das Schwulenverbot im Militär ist gefallen. Ende Juni entscheidet der Supreme Court über die staatliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben.

"Fortschritt kann eine Gegenreaktion erzeugen", schreibt der Jurist Ari Ezra Waldman auf dem Gay-Blog Towleroad. Die PR-Expertin Allison Hope sieht in der "Huffington Post" ein "letztes Aufbäumen" der Homophoben. "Wir haben noch einen weiten Weg vor uns", warnt jedoch die Bürgerrechtsanwältin Yetta Kurland.

Eine ähnliche Diskussion gab es 2010 schon einmal, nach einer Reihe von Suiziden unter schwulen und lesbischen US-Schülern.

Trotzdem haben einige immer noch nichts dazugelernt - auch in der Politik nicht. So konnte sich der Senat in dieser Woche erst zu zu einer Einwanderungsreform durchringen, als eine Passage gestrichen wurde, die auch gleichgeschlechtliche Ehepaare begünstigt hätte.

Und in Virgina macht gerade der Republikaner E.W. Jackson Furore, der als Vizegouverneur kandidiert: Er titulierte Schwule und Lesben als "pervers". Als er nach dem Mord an Carson dafür kritisiert wurde, sagte er nur, er habe "als Christ" gesprochen: "Ich habe mich für nichts zu entschuldigen."

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