Millionenbetrüger Ulrich Engler: Das Ende eines Hochstaplers

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Millionenbetrüger vor Gericht: Der Fall Ulrich Engler Fotos
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Er hortete Bargeld in Millionenhöhe, einen Fuhrpark und Hunderte von Kunstwerken: Hochstapler Ulrich Engler hat vor dem Landgericht Mannheim ausgepackt, wie er 1300 Anleger an der Nase herumführte und ein gigantisches Vermögen anhäufte.

Das Dorf Andelfingen im Landkreis Biberach nahe Tübingen war nicht seine Welt. Ulrich Felix Anton Engler - sein Vater war Straßenbauarbeiter, er selbst Staubsaugervertreter - zog es in die feine Gesellschaft, in ein Leben voller Reichtum, Luxus, Glamour.

Englers Traum endete abrupt im Juli vergangenen Jahres, als er - einer der erfolgreichsten Hochstapler, gesucht mit internationalem Haftbefehl - den Fahndern bei einer Polizeikontrolle in Las Vegas ins Netz ging.

Am Freitag legte Engler vor dem Landgericht Mannheim ein umfassendes Geständnis über sein Doppelleben als Millionenbetrüger ab, beschrieb detailliert sein Schneeballsystem und kennt bereits das Urteil, das ihn am Ende des Prozesses erwarten wird: maximal acht Jahre und neun Monate Haft. Das hatte sein Verteidiger Steffen Lindberg zur Bedingung für ein Geständnis gemacht.

Sichtlich entspannt schilderte Engler fast vier Stunden lang, wie er sich vom Staubsaugervertreter zum Millionär gemogelt hatte. Seine Vita hatte er frisiert: Aus dem Klinkenputzer wurde ein internationaler Banker mit besten Beziehungen zu "Partnern aus Regierung, Banken und privaten Großgrundbesitzern", der vertrauensselige Gestalten suchte, die sich um den Finger wickeln ließen - mit Traumrenditen von bis zu 72 Prozent pro Jahr.

Engler gaukelte ihnen vor, zuletzt als Leiter für Devisenhandel bei der Chase Manhattan Bank, die heute zu JP Morgan gehört, gearbeitet zu haben. Er gerierte sich als Börsenspezialist, der durch Daytrading-Geschäfte an der US-Börse hohe Gewinne erzielen könne. Die Interessenten rannten ihm die Tür ein. So sehr, dass er sich gar als "Investmentbanker des Jahres 2006" ausgab. "Jeder war zufrieden oder wollte zufrieden sein", sagte Engler am Freitag, nur ein Anleger habe Zweifel bekommen und sei abgesprungen.

Vom Mercedes zum Rolls-Royce

"Es war mir von Anfang an klar, dass das nie und nimmer funktionieren würde", sagte Engler vor Gericht - und doch funktionierte es ganz erstaunlich: Etwa 1300 Anleger hat Engler um mehr als 37 Millionen Dollar betrogen. Mehr kann ihm nicht nachgewiesen werden, die tatsächliche Zahl der Geschädigten liegt nach Schätzungen bei 3000 bis 6000.

Ausführlich gab Engler Einblick in sein betrügerisches Schneeballsystem. Von 2005 an baute er demnach von Florida aus ein System von Vermittlern und Untervermittlern auf, die bei Anlegern bis zu siebenstellige Beträge einsammelten, die er angeblich in Aktien investierte. Tatsächlich besaß er lediglich ein Computerprogramm, mit dem er Aktienkurse analysieren konnte.

Seine vier Hauptvermittler nannte er die "Famous Four". Wer von ihnen sich einen Porsche wünschte, bekam ihn. Er habe ihnen gegenüber nie zugegeben, dass seine Geschäfte fingiert waren, sagte Engler. Inwieweit sie die betrügerische Seifenblase dennoch durchblickten, wisse er nicht. Kritische Nachfragen habe es nicht gegeben. "Die haben das Geld ihres Lebens verdient."

Die besten 40 Vermittler habe er samt Partnerinnen in die USA eingeladen, wo er jedem eine Goldmünze überreichte und mit Luxus überschüttete. Er präsentierte ihnen eindrucksvoll einen Kontoauszug, auf dem 500 Millionen US-Dollar verzeichnet waren.

Englers Gier - vielleicht der schwäbischen Sparsamkeit geschuldet - steigerte sich langsam. Vor Gericht sagte er, er habe erst einen Mercedes gefahren, dann einen Porsche, später einen Bentley und einen Ferrari, zuletzt einen Rolls-Royce.

Ein Teil der neu eingenommenen Gelder sei verwendet worden, um Ansprüche von Anlegern zu befriedigen, sagte Engler. Das meiste davon ging jedoch auf sein Privatkonto. Und zwar nicht zu knapp. Nach seiner Festnahme wurden in einer Lagerhalle mehr als 800 Gemälde, Statuen, Diamanten, Rubine sowie 200 Kunstwerke aus dem 16. und 17. Jahrhundert sichergestellt. In seinem Besitz befanden sich zudem drei Luxusanwesen auf dem Land im Wert von 21 und 15 Millionen Dollar, drei Eigentumswohnungen, zwei Grundstücke, Bauland im Wert von knapp sechs Millionen Dollar, und eine Gewerbeimmobilie im Wert von 600.000 Dollar.

500 handschriftliche Briefe

Engler hortete auch tausend Goldmünzen, knapp zwei Millionen Dollar in bar, 600.000 Euro in bar, zehn Diamanten im Wert von einer Million Dollar, 100 Platin- und knapp 200 Palladiummünzen. Kurz vor seiner Flucht hatte er an ein Dutzend Bekannte und Familienangehörige zwischen 20.000 und 1,5 Millionen Euro überwiesen. Allein dieses Vermögen dürfte verdeutlichen, dass Engler weitaus mehr Schaden verursacht haben muss als die Summe, für die er jetzt angeklagt ist.

"Er ist erleichtert, dass es vorbei ist", sagt sein Rechtsanwalt Lindberg. Vor allem dürfte Engler erleichtert sein, dass das Gericht den Deal seines Verteidigers akzeptiert hat: Im Gegenzug für das Geständnis war ihm die milde Strafe in Aussicht gestellt worden. Andernfalls hätten ihm bis zu 15 Jahre Haft gedroht.

2007 flog der Schwindel auf, Engler tauchte unter und lebte fünf Jahre lang auf der Flucht. Mit einem Programm, das er sich in Amerika in einem Supermarkt gekauft haben will, fälschte er sich Führerscheine und Pässe, nannte sich Josef Müller oder Jose Ricardo Fernandez de Velasco.

Unter seinem richtigen Namen hat er seit vergangenem Dezember knapp 500 Briefe mit der Hand geschrieben - auf dem Papier der Schreibblöcke, die man im Gefängnis erwerben kann. Engler will sich bei allen 1300 Anlegern, deren Adressen in der Anklageschrift aufgeführt sind, persönlich entschuldigen. In dem Schreiben zeigt er Reue, beteuert, dass es keine Entschuldigung dafür gebe, was er dem Adressaten angetan habe.

Die meisten dieser Briefe sind den Empfängern bereits zugestellt worden. Es bleibt ihnen überlassen, wie sie Englers Verhalten bewerten. Hätten sie ihn am Freitag im Gerichtssaal erlebt, wie er teilweise selbst schmunzeln musste, wenn das Publikum laut auflachte - sie hätten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

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