Deutscher Betrüger gefasst: Der smarte Mr. Engler

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Er versprach 72 Prozent Rendite, legte Tausende Anleger rein und raffte für sich selbst Millionen zusammen: Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Ulrich Engler ist von den USA nach Deutschland abgeschoben worden. Aus dem Leben eines Hochstaplers.

Jahre auf der Flucht: Der Hochstapler Ulrich Engler Fotos
AP/ U.S. ICE

Ulrich Engler hatte zu viel getrunken, als sein Leben ins Schlingern geriet. Einer Polizeistreife fiel sein Fahrstil auf, die Beamten der Nevada Highway Patrol nahmen von Engler Fingerabdrücke. Das war am 11. Februar dieses Jahres. Engler durfte am selben Abend wieder nach Hause in seine Villa.

Doch FBI-Agenten observierten Engler. Am Abend des 25. Juli nahmen sie ihn mit einem knappen Dutzend US-Marshalls mit gezückten Waffen in Las Vegas fest, als er gerade im Auto saß. Der Abgleich hatte ergeben, dass der 51-Jährige zu den erfolgreichsten Betrügern Deutschlands gehört und seit Jahren gesucht wurde - mit internationalem Haftbefehl.

Engler soll laut der Staatsanwaltschaft Mannheim Tausende Anleger aus Deutschland, der Schweiz und Österreich dazu überredet haben, erhebliche Geldbeträge bei seiner Firma anzulegen. Er versprach ihnen vermeintlich höchst lukrative Aktiengeschäfte an der New Yorker Börse. Von Ende 2004 bis Mitte 2007 soll er mindestens 3500 Anleger um weit mehr als 100 Millionen Dollar betrogen haben.

Für das Verfahren hat die Staatsanwaltschaft die Zahl der Geschädigten auf 1295 begrenzt. Die vergleichsweise wenig Geschädigten bleiben außen vor, zu umfangreich wäre sonst die Anklage. Sie kommt auf einen Gesamtschaden von bislang etwa 37 Millionen US-Dollar. Der tatsächlich eingetretene Schaden liege allerdings weitaus höher, bestätigte Staatsanwalt Peter Lintz.

Engler agierte aus den USA heraus über ein ausgeklügeltes System von Haupt- und Untervermittlern. Sie wickelten die Anlagegeschäfte ab und erhielten Provisionen von 12 bis 40 Prozent. Gegen acht von ihnen hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Sieben weitere sollen folgen, Engler soll ihr Chef gewesen sein. Die Ermittler sprechen von einem schneeballartigen Betrugssystem, angelegt wurde von dem investierten Geld gar nichts. Die Opfer: Hausfrauen, Handwerker - überwiegend unerfahrene Kleinanleger. Aber auch Anleger, die Schwarzgeld investierten, sollen zu Englers Kunden gehört haben. Viele sollen aus Furcht vor Strafverfolgung auf eine Anzeige verzichtet haben.

Am vergangenen Freitag eskortierten zwei US-Marshalls Engler, als er am Frankfurter Flughafen aus einer Maschine stieg und in Gewahrsam kam. Am Mittwoch bezog Engler sein neues Zuhause: Eine Untersuchungshaftzelle in der Justizvollzugsanstalt Mannheim - 260 Kilometer von seiner ursprünglichen Heimat entfernt.

Leben im Luxus

Ulrich Felix Anton Engler - kräftig, 1,81 Meter groß, Brille - stammt aus Andelfingen, einem Dorf im Landkreis Biberach nahe Tübingen, sein Vater war Straßenbauarbeiter. Er selbst schloss die Hauptschule ab, verpflichtete sich bei der Bundeswehr, wollte mehr aus sich machen. So baute er sich ein Doppelleben mit Hilfe derer auf, die wie er zu Reichtum kommen wollten: mit möglichst wenig Aufwand.

Sein Startkapital: smartes, gewinnendes Auftreten, Überredungskunst, scheinbare Vertrauenswürdigkeit. Engler suchte Kontakt zu vertrauensseligen Personen, gerierte sich als Börsenspezialist und täuschte vor, durch Day-Trading-Geschäfte an der US-Börse hohe Gewinne zu erzielen.

Die Geschäfte liefen gut: Ende der Neunziger richtete er sich in dem idyllischen Städtchen Cape Coral im Südwesten Floridas ein, das vor der Finanzkrise einen Immobilienboom erlebte und bei deutschen Rentnern ein begehrtes Reiseziel ist. Er führte ein luxuriöses Leben, fuhr schnelle, teure Autos und frönte seinem Hobby, dem Golfen.

Und er erfand eine neue Vita, Demnach arbeitete er mehr als 20 Jahre lang als internationaler Banker, zuletzt als Leiter für Devisenhandel bei der Chase Manhattan Bank, die heute zu JP Morgan gehört. Er gab sich aus als "Investmentbanker des Jahres 2006", mit besten Beziehungen zu "Partnern aus Regierung, Banken und privaten Großgrundbesitzern" - und er nannte sich Richie, weil die Amerikaner mit der Aussprache des Namens Ulrich Schwierigkeiten haben. Wahlweise präsentierte er auch einen neuen Namen: Joseph Miller oder Joseph Walter.

Über Hochglanzbroschüren, PR-Videos und mit einer gefälschten notariellen Beurkundung versprach Engler Traumrenditen - bis zu 72 Prozent pro Jahr.

Mit auf der Flucht: Englers Terrier

Engler gründete die Firma Private Commercial Office Inc. und verleitete Anleger in Europa, ihm ihr Erspartes anzuvertrauen. Dank einer raffinierten Software, behauptete der angebliche ehemalige Chefhändler einer Investmentbank, könne er Kurstrends bei Aktien früher als andere erkennen und weitaus höhere Gewinne erzielen.

Ähnlich begründete Engler vermeintliche Renditechancen von 25 Prozent über ein US-Land-Banking, bei dem er brachliegendes Land in den Vereinigten Staaten weit unter Wert aufkaufen und später versilbern könne. "Verdoppeln Sie Ihr Kapital in vier Jahren. US-Land-Banking. Grundbuchabgesichert!", so lautete auch 2007 sein Slogan auf Bandenwerbung beim UEFA-Pokalspiel Bayer Leverkusen gegen Blackburn Rovers und bei der Pferde-Rennwoche in Iffezheim.

Die deutschen Ermittler waren hilflos, vermuteten Engler in Mittel- oder Südamerika. 2007 erließen sie Haftbefehl, ein Jahr darauf weiteten sie die Fahndung international aus, setzten gar 10.000 Euro Belohnung aus. Über "Aktenzeichen XY - ungelöst" baten sie die Bevölkerung um Mithilfe. Ein Beleg für die Verzweiflung der Zielfahnder des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, die von ständigen Ortswechseln Englers ausgingen. Im Schlepptau: Seine deutsche Lebensgefährtin und der gemeinsame Yorkshire-Terrier.

Engler wusste, dass sein Leben in Saus und Braus ein Ende haben musste. Davon ist sein Rechtsanwalt Steffen Lindberg aus Mannheim überzeugt, nachdem er mehrstündige Gespräche mit ihm geführt hat. Engler sei froh, dass alles vorbei ist. Die Jahre auf der Flucht, das ständige In-Habachtstellung-Sein, das sei eine Herausforderung gewesen. "Die Situation kam nicht völlig überraschend", so Lindberg. Vielleicht hat Engler auch deshalb an jenem 11. Februar keine Koffer gepackt, keine neue Flucht vorbereitet.

"Er will reinen Tisch machen", sagt Lindberg. Engler räume die Vorwürfe ein und sei bereit, die Chronologie seiner Taten und die Vorgehensweise darzulegen. Auch schließt der Anwalt nicht aus, dass Engler gegen seine ehemaligen Vermittler als Zeuge aussagt. Engler sei "auf dem Boden der Tatsachen angekommen".

Das FBI beschlagnahmte bei der Durchsuchung von Englers Immobilien in Las Vegas mehr als tausend wertvolle Kunstgegenstände - darunter ein Gemälde von Wassily Kandinsky. Ob die Werke echt sind, ist noch unklar. Da in den USA ein Insolvenzverfahren laufe, liege dort das Erstzugriffsrecht, erklärt Staatsanwalt Lintz.

Einen Funken Hoffnung gibt es für die geprellten Anleger doch. Peter Mattil, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, vertritt etwa 250 von ihnen. Er hat 2009 beim Insolvenzgericht in Florida Klage eingereicht und einen US-Titel erreicht, damit im Fall einer Festnahme und eines Insolvenzverfahrens Engler nicht von seiner Restschuld befreit wird. Über den Hochstapler sagt Mattil: "Er war ein dahergelaufener Nobody. Mehr nicht."

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