Urteil im Anneli-Prozess "Er hat nicht nach Betäubung gegoogelt, sondern nach Tod"

Markus B. erdrosselte vor einem Jahr die 17-jährige Anneli, obwohl ihr Vater das geforderte Lösegeld besorgte. Nun wurde B. zu Lebenslang verurteilt - auch sein Mittäter erhielt eine lange Haftstrafe.

Norbert K. und Markus B. im Landgericht Dresden
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Norbert K. und Markus B. im Landgericht Dresden

Von Wiebke Ramm, Dresden


"Gehe nie aus dem Haus ohne ein liebes Wort, vielleicht warst du zum letzten Mal dort!" - die Worte sind noch heute auf der Facebook-Seite von Norbert K. zu lesen. Gepostet hat er den Spruch am 12. August 2015 um 21.33 Uhr.

Einen Tag später entführt Norbert K. mit seinem Freund Markus B. die 17-jährige Anneli-Marie R. in der Gemeinde Klipphausen im sächsischen Landkreis Meißen. Ihre Eltern sollen 1,2 Millionen Euro Lösegeld für Anneli zahlen. Doch zu einer Geldübergabe wird es nie kommen. Anneli stirbt am 14. August 2015.

Als die Richterin des Landgerichts Dresden das Urteil verkündet, schüttelt Norbert K., 62, mehrfach den Kopf. Er ist aschfahl, sein Gesicht wirkt eingefallen. Markus B., 40, starrt stur auf die Tischplatte vor sich.

Markus B. wird wegen Mordes in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub mit Todesfolge zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Schwurgerichtskammer hat bei ihm zudem die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Norbert K., den die Richter als seinen Mittäter ansehen, wird wegen Mordes durch Unterlassen und Entführung zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt.

"Dilettantisch, dumm und unprofessionell"

K. hat nach Überzeugung der Richter Anneli zwar nicht selbst getötet, aber Markus B. nicht am Morden gehindert. Strafmildernd wertete die Kammer, dass K. bei der Aufklärung der Tat entscheidend geholfen habe.

Das Gericht zeigt sich überzeugt, dass Markus B. das Mädchen ermordet hat, weil er fürchtete, es würde ihn nach einer Freilassung wiedererkennen. Diese Sorge habe auch Norbert K. geteilt, so das Gericht. Der Mord sei eine Verdeckungstat gewesen.

Anneli ist am 13. August 2015 mit dem Familienhund und ihrem Fahrrad unterwegs, knapp einen Kilometer vom Elternhaus entfernt. Nach Überzeugung des Gerichts lauern Markus B. und Norbert K. ihr an einem Feldweg auf. B. reißt Anneli vom Rad und versucht, sie mit Äther zu betäuben. Das Mädchen wehrt sich, wird in ein Auto gezerrt. Die Täter sind weder maskiert noch scheinen sie einen Plan zu haben, wie es weitergehen soll. Annelis Familie tut alles, um ihr Kind zu retten. Eine Chance haben sie nicht. Zu "dilettantisch, dumm und unprofessionell" waren die Täter, so die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand.

Markus B. ruft mit Annelis Handy ihre Eltern an. Vater Uwe R., ein wohlhabender Bauunternehmer, hört das Telefon nicht. Als er zurückruft, fordert Markus B. 1,2 Millionen Euro Lösegeld. Uwe R. hört Anneli schreien. "Dieser Schrei, das muss man sich mal vorstellen, war das Letzte, was der Vater von seiner Tochter gehört hat", sagt die Richterin.

Ein auf Lügen gebautes Leben

Der nächste Anruf der Entführer landet auf der Sprachbox: Das Geld solle am nächsten Mittag bereitstehen. Uwe R. schafft es tatsächlich, das Geld zu besorgen. Doch dann heißt es, die Familie solle das Geld auf ein Offshore-Konto überweisen. Wie das ohne Name und Kontonummer gehen soll, erklärt der Anrufer nicht.

Anneli war das Nesthäkchen der Familie, gut in der Schule, beliebt bei den Mitschülern. Ihre Eltern und ihre große Schwester haben den Prozess Tag für Tag verfolgt. Auch ihr Bruder ist am Tag des Urteils anwesend.

Norbert K. und Markus B. halten das Mädchen auf einem leer stehenden Gehöft gefangen. Der Hof gehört der Schwiegermutter von Markus B. Erst kurz zuvor sind sie, Markus B., dessen Frau und zwei Söhne von dort nach Bayern gezogen, wo B. ein neues Haus gekauft hat. Dass er es sich nicht ansatzweise leisten kann, sondern weit mehr als 500.000 Euro Schulden hat, weiß niemand.

Markus B., geboren in Pforzheim, "hat sein Leben auf Lügen aufgebaut", sagt die Richterin. Seinem Umfeld, den Behörden, selbst seiner Frau erzählte er ein Märchen nach dem anderen. Er habe studiert, stamme aus einer wohlhabenden Familie, erwarte ein Millionenerbe - alles gelogen. Sein Strafregister: Betrügereien, Urkundenfälschung, solche Sachen. Wegen Betrugs saß er schon im Gefängnis.

"Norbert K. war bewusst: Jetzt wird Anneli getötet"

Laut Gericht hat Markus B. dem Mädchen am 14. August 2015 eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt und sie mit einem Kabelbinder und einem Spanngurt erdrosselt. Zuvor hatte er nach "Ersticken durch Plastiktüte" gegoogelt. "Er hat nicht nach Betäubung gegoogelt, sondern nach Tod", sagt die Richterin.

Norbert K. gab an, mit dem Mord nichts zu tun gehabt zu haben. Seine Verteidiger plädierten wegen Beihilfe zur Entführung auf eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Markus B. habe ihn zum Einkaufen geschickt, sagte K. einem psychiatrischen Gutachter. Bei seiner Rückkehr sei Anneli tot gewesen. Das Gericht stützt sich hingegen auf eine andere Aussage von ihm, wonach Anneli bereits eine Plastiktüte über dem Kopf hatte, bevor K. zum Einkaufen ging. "Norbert K. war bewusst: Jetzt wird Anneli getötet." Er habe es geschehen lassen und auch selbst gewollt.

Mehrmals hatte Norbert K. die Gelegenheit, das Kind zu retten, betont die Richterin. Er hat es nicht getan. Auch Norbert K. hat Schulden, etwa 40.000 Euro. Er hat zuletzt in Dresden von Hartz IV gelebt. Markus B. soll ihm 400.000 Euro vom Lösegeld versprochen haben. Anders als B. hat K. bisher ein untadeliges Leben geführt. Das Gericht erkennt bei Norbert K. zudem Reue, bei Markus B. nur Selbstmitleid.

Annelis Familie hatte auf die Höchststrafe für beide Männer gehofft. Das Urteil kann sie nicht anfechten, weil die Männer zwar nicht beide lebenslang bekommen haben, aber wegen Mordes verurteilt sind. Möglicherweise werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung gegen das Urteil vorgehen.

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