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Anschläge in Paris: Kampf um jedes Leben

Aus Paris berichtet

Krankenhauses La Pitié Salpêtrière: "Die Menschen daran hindern zu sterben" Zur Großansicht
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Krankenhauses La Pitié Salpêtrière: "Die Menschen daran hindern zu sterben"

Nach den Pariser Terroranschlägen ringen Ärzte noch immer um das Leben etlicher Schwerverletzter. Selbst kriegserfahrenen Medizinern gehen die Erlebnisse unter die Haut.

Ein rotes Dreieck mit schwarzem Rand, dazu die Aufschrift "Alerte attentat": Die Schilder an den Eingängen des Pariser Krankenhauses La Pitié Salpêtrière machen für jedermann deutlich, dass hier Ausnahmezustand herrscht. Es gilt die höchste Terrorwarnstufe, am Haupteingang ist Sicherheitspersonal vor den Absperrgittern postiert, mehrere Seitenzugänge sind verriegelt.

Die Wachleute weisen am Sonntag etliche Besucher ab und vertrösten sie auf einen späteren Zeitpunkt. Zugang erhalten zunächst nur ausgewählte Personen - diejenigen, die Opfern der Pariser Anschläge nahestehen. Wie etwa ein junges Paar, das einen Blumenstrauß mitgebracht hat und sich nach einer Ausweiskontrolle wortlos an den Gittern vorbeidrückt.

In dem Krankenhaus werden, wie in mehreren anderen Kliniken der französischen Hauptstadt, Dutzende Verletzte der Terroranschläge versorgt. 129 Menschen starben bei den Anschlägen, mindestens 352 wurden verletzt, 99 von ihnen befinden sich in kritischem Zustand. (Lesen Sie hier das Newsblog zur aktuellen Entwicklung, eine Übersicht über die Geschehnisse finden Sie hier.)

Zuletzt besuchte bereits Frankreichs Staatspräsident François Hollande Überlebende im Pariser Krankenhaus Saint-Antoine, um seine Anteilnahme auszudrücken. Aus den hermetisch abgeriegelten Kliniken dringt bislang nur wenig an die Öffentlichkeit. Aber bereits die spärlichen Informationen, die es gibt, legen nahe, dass sich in der Terrornacht auch in einigen Krankenhäusern der französischen Metropole regelrechte Dramen abspielten - und dass die Situation für viele Verletzte noch immer sehr kritisch ist.

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Nach den Anschlägen in Paris: Trauer, Wut, Ohnmacht
Da ist zum Beispiel Philippe Juvin. Der 51-Jährige ist Chef der Notaufnahme im Pariser Krankenhaus George Pompidou. Irgendwann habe ihn ein Anruf erreicht, um ihn umgehend in die Klinik zu beordern, sagte er zuletzt im Fernsehsender Public Sénat: "Plan blanc", lautete die Ansage - der sogenannte weiße Plan versetzt Krankenhäuser in die höchste Alarmbereitschaft.

Es dauerte nicht lange, dann kamen in jener Nacht gegen 2 Uhr Dutzende Verletzte "auf einen Schlag" in die Klinik, viele mit Schusswunden. Einige von ihnen wiesen Verletzungen am Bauch auf, andere am Brustkorb, manche hatten dazu noch gebrochene Knochen.

"Wir hindern die Menschen daran zu sterben", so beschrieb Juvin im Fernsehen den Job, um den er sich mit seinem Team in der Notaufnahme kümmert. Er lachte dabei für einen Moment - und trotzdem war ihm bei seinem TV-Auftritt anzusehen, wie nahe ihm der Einsatz nach den Pariser Attentaten geht.

Juvin ist ein routinierter Mediziner, sogar mit Erfahrungen in einer Kriegsregion: In Afghanistan war er 2008 als Narkosearzt im Einsatz. Damals sei er Zeuge vieler Feuergefechte und Explosionen geworden, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Aber noch nie zuvor habe er in so kurzer Zeit so viele Opfer gesehen. Viele seien wortlos in die Notaufnahme gekommen, innerlich gelähmt von dem, was sie gesehen und erlebt hatten.

Einsatz im Urlaub

Die Hektik angesichts der vielen Verletzten war groß in der Notaufnahme, aber es kam auch ungeahnte Hilfe: So berichtete Juvin etwa von einem Medizinerpaar aus der Bretagne, das gerade in Paris Urlaub macht - es bot im Krankenhaus George Pompidou seine Unterstützung an, nachdem es von den Anschlägen erfahren hatte.

Das größte Glück in jener Nacht im Krankenhaus Georges Pompidou: Keiner der Verletzten starb. Juvin führt das auch darauf zurück, dass es sich bei den Verletzten vor allem um junge und damit grundsätzlich gesundheitlich robuste Patienten handelt.

Trotzdem ist die Situation für Dutzende der insgesamt mindestens 352 Verletzten weiter kritisch. Aus Medizinerkreisen ist zu hören, dass es viele komplizierte Operationen gegeben habe und die ärztlichen Behandlungen teilweise sehr intensiv seien und noch lange Zeit in Anspruch nehmen würden. Manche Verletzte und auch einige Todesopfer konnten noch nicht identifiziert werden, die Behörden versuchen Angehörigen mit psychologischer Betreuung und Notfallnummern zu helfen.

An Kiosken und Straßenecken werden derweil die Zeitungen verkauft, die seitenweise nur über ein Thema berichten: "La terreur à Paris", schreibt "Le Monde" auf der ersten Seite und zeigt ein großes Foto von Ermittlern, die auf dem Boulevard des Filles-du-Calvaire, einem der Tatorte, Spuren suchen. Angst und Bedrückung sind manchen Menschen auf der Straße anzusehen.

Bei Yanis Ony gibt es davon keine Spur. Der Bankangestellte mit tunesischen Wurzeln steht auf dem Platz der Republik, dort, wo zuletzt viele Menschen der Opfer gedachten. "Die Freiheit und die Demokratie werden gewinnen", sagt der 32-Jährige. Dann formt er seine rechte Hand zum Victory-Zeichen.

Video: Stille Trauer in Paris

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Zum Autor
Björn Hengst ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und Korrespondent in München.

E-Mail: Bjoern_Hengst@spiegel.de

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Fotos: AP, AFP, dpa
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Stade de France
2
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3
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4
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5
Boulevard Voltaire
6
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Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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