Anschläge von Boston: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Zarnajew

Dschochar Zarnajew liegt schwerverletzt auf der Intensivstation. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft den 19-Jährigen angeklagt, ein Richter informierte ihn im Krankenhaus. Den Ermittlern soll er erste Auskünfte zum Tatmotiv gegeben haben.

Boston - Über der Anklageschrift gegen den mutmaßlichen Attentäter von Boston steht: "United States v. Dschochar Zarnajew". Ein Richter habe den Verdächtigen im Krankenhaus darüber informiert, teilte die Staatsanwaltschaft in der US-Ostküstenstadt mit.

Der 19-Jährigen muss sich wegen der Verwendung von Massenvernichtungsmitteln und heimtückischer Zerstörung von Eigentum mit Todesfolge verantworten. Ihm droht die Todesstrafe. Gemeinsam mit seinem 26-jährigen Bruder Tamerlan, der bei einer Verfolgungsjagd starb, soll er die Anschläge auf den Boston-Marathon am Montag verübt haben. Drei Menschen starben, 180 wurden verletzt. Bei einer Schießerei auf dem Campus des MIT sollen die Brüder außerdem einen Polizisten getötet haben.

Nicht als "feindlicher Kämpfer" eingestuft

Weil der in Kirgisien geborene Dschochar Zarnajew eingebürgert wurde und damit US-Bürger ist, kann er nicht vor ein Militärgericht gestellt werden, wie dies einige Republikaner erwogen hatten. Zarnajew wird sich vor einem Bundesgericht verantworten müssen; im nationalen Recht ist die Todesstrafe seit 1790 verankert, auch Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh wurde unter Bundesrecht verurteilt und im Jahr 2001 schließlich hingerichtet.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, betonte, Zarnajew werde nicht als "feindlicher Kämpfer" behandelt, wie dies etwa der republikanische Senator John McCain gefordert hatte. "Wir werden diesen Terroristen durch unser ziviles Justizsystem bestrafen", sagte Carney. Er wies darauf hin, dass seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 das Justizsystem bewiesen habe, dass es der anhaltenden Bedrohung gewachsen sei. Wäre Zarnajew als "feindlicher Kämpfer" eingestuft worden, hätte er unbefristet und ohne Anklage oder Prozess festgehalten und befragt werden können - so wie die Häftlinge von Guantanamo.

Zarnajew wird derzeit auf der Intensivstation des Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston behandelt. Bei einer Schießerei mit der Polizei war er verwundet worden. Sein Bruder starb bei der Auseinandersetzung. Es wird vermutet, dass Dschochar Zarnajew versucht hat, sich mit einem Schuss in den Mund selbst zu töten. Weil die Zunge verletzt ist, ist er derzeit nicht in der Lage zu sprechen. Er wird in schriftlicher Form verhört.

Informationen der Nachrichtenagentur AP zufolge hat Zarnajew dabei nun erste Auskünfte zum Tatmotiv gegeben. So seien die Brüder offenbar von ihren religiösen Ansichten motiviert gewesen, schienen allerdings mit keiner islamistischen Terrorgruppe verbunden, meldet AP unter Berufung auf zwei US-Beamte, die mit dem Fall befasst seien. Trifft dies zu, würde es die bisherigen Annahmen der Ermittler stützen.

In der SPIEGEL ONLINE vorliegenden Anklageschrift wird ausführlich die Beweisführung des FBI zitiert. Demnach soll anhand des sichergestellten Video- und Fotomaterials der Tatablauf rekonstruiert worden sein: Am Montag gegen 14.38 Uhr, also elf Minuten vor der ersten Explosion, seien die mutmaßlichen Täter Tamerlan und Dschochar Zarnajew - das FBI nennt sie "Bomber 1" und "Bomber 2" - von der Gloucester in die Boylston Street eingebogen; beide hätten große Rucksäcke getragen.

Zehn Sekunden später explodiert die Bombe

Während zu sehen sei, wie Tamerlan schließlich der Boylston Street in Richtung Ziellinie folge - dem späteren Ort der ersten Explosion - bleibe Dschochar gegen 14:45 Uhr vorm "Forum Restaurant" stehen - dem Ort der zweiten Explosion. Das Material zeige, wie er dort seinen Rucksack auf den Boden stelle und ungefähr vier Minuten in dieser Position verharre, während er auf sein Mobiltelefon schaue. Rund 30 Sekunden vor der ersten Explosion nehme er das Telefon ans Ohr und halte es dort für circa 18 Sekunden.

Kurz nachdem er den Anruf beendet habe, sei auf den Bildern zu sehen, wie die ihn umgebende Menschenmenge auf die erste Explosion reagiere. Während alle in Richtung Ziellinie starrten, erscheine "Bomber 2" ruhig und entferne sich dann ohne seinen Rucksack schnell nach Westen, weg von der Ziellinie. Rund zehn Sekunden später explodiere die Bombe an genau jener Stelle vorm Restaurant.

Auch zur Verfolgungsjagd auf die beiden Verdächtigen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag liefert das FBI neue Details. Demnach habe der Mann, dessen Mercedes mutmaßlich von den Zarnajews in Cambridge gestohlen wurde, ausgesagt, er habe in seinem Auto gesessen, als sich ein Mann näherte und an das Seitenfenster auf der Beifahrerseite getippt habe. Der Fahre habe das Fenster hinuntergelassen, worauf der Angreifer die Tür geöffnet und sich mit erhobener Waffe ins Auto gesetzt habe: "Hast Du von der Explosion in Boston gehört?", habe er den Fahrer gefragt. Und hinzugefügt: "Ich habe das getan."

Der Rest ist bekannt. Es folgt eine wilde Verfolgungsjagd durch Watertown, in deren Verlauf Tamerlan Zarnajew tödlich verletzt wird. Sein Bruder Dschochar wird schließlich schwerverletzt am Freitagabend gestellt.

sef/ala/AFP/AP

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1. Insidejob
alberthofmannderzweite 22.04.2013
mehr gibts nicht zu sagen... und das unter dem medialen hype wieder ein gesetz zur vernichtung des internetz durchgeboxt wurde. was ist mit G W Bush und anderen kriegstreibern, die verantwortlich für mio zivilisten im irak sind. wann werden die vor gericht gestellt? Lächerliches theater was da abläuft! und wir bekommen noch mehr kameras! Hallo, gehts noch?
2. @hofmannDerLetzte
WernerGg 22.04.2013
Zitat von alberthofmannderzweite... und das unter dem medialen hype wieder ein gesetz zur vernichtung des internetz durchgeboxt wurde. ...
1. Welches Gesetz zur Vernichtung des "internetz" wurde durchgeboxt? 2. Und was hat das mit dem Fall zu tun?
3. Muss man den nicht freilassen?
Scoremaker99 22.04.2013
...aus der Ferne scheint es so zu sein, dass allerhand prozedurale Selbstverständlichkeiten (korrekte Belehrung,...) nicht so recht eingehalten werden. Kann den dann nicht jeder Wald-und-Wiesen-Anwalt raushauen?
4. Bald kommt der Mantel des Schweigens
voltaire001 22.04.2013
Zitat von sysopDschochar Zarnajew liegt schwerverletzt auf der Intensivstation. Jetzt soll der 19-Jährige angeklagt werden - allerdings nicht als feindlicher Kämpfer, sondern als Krimineller. Anschläge von Boston: Tatverdächtiger wird als normaler Krimineller angeklagt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/anschlaege-von-boston-tatverdaechtiger-wird-als-normaler-krimineller-angeklagt-a-895888.html)
An Dschochar Zarnajew wird man sich in einigen Monaten genausowenig erinnern, wie an Nordine Amrani, Arid Uka, Mohammed Mehra, Nidal Malik Hasan,Mohammed Atta und diese Brüder im Geiste. Der Mehltau des Vergessens wird sich auf die Namen und die Taten legen. Dafür wird schon die Elite und die Medien sorgen.
5. Wieder gegen Bush
voltaire001 22.04.2013
Zitat von alberthofmannderzweitemehr gibts nicht zu sagen... und das unter dem medialen hype wieder ein gesetz zur vernichtung des internetz durchgeboxt wurde. was ist mit G W Bush und anderen kriegstreibern, die verantwortlich für mio zivilisten im irak sind. wann werden die vor gericht gestellt? Lächerliches theater was da abläuft! und wir bekommen noch mehr kameras! Hallo, gehts noch?
Wieso wird wieder gegen Bush zu Felde gezogen? Man sollte mal vor der eigenen Haustüre kehren und sich Politiker ansehen, die Pol Pot unterstützten, Mao vergötterten oder Stalin für einen "Kumpel" hielten.
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