Prozessbeginn um Marathon-Anschlag Mit aller Härte

Es wird der wichtigste US-Terrorprozess der jüngsten Zeit. In Boston beginnt das Verfahren gegen den mutmaßlichen Marathon-Attentäter Dschochar Zarnajew. Ihm droht die Todesstrafe - obwohl Massachusetts sie 1982 abgeschafft hat.

Von , New York


Der Angeklagte hat sich verändert. Bei seiner Premiere vor Gericht zur ersten Verlesung der Vorwürfe im Juli 2013 war Dschochar Zarnajew noch ein milchgesichtiger Teenager, der linkisch herumfeixte. Inzwischen ist er 21, hat einen Bart und soll nach dem Willen der US-Justiz nicht nur den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen - sondern in der Todeszelle landen.

Darüber wird im wohl wichtigsten US-Terrorprozess der jüngsten Zeit entschieden, der an diesem Montag in Boston beginnt. Bei dem Anschlag auf den Marathon im April 2013 waren drei Menschen umgekommen, mehr als 260 wurden verletzt. Zarnajew und sein älterer Bruder Tamerlan, die das Attentat nach Auffassung der Anklage gemeinsam ausführten, lieferten sich eine viertägige Verfolgungsjagd mit der Polizei. Auf ihrer Flucht erschossen die Brüder einen Polizisten. Tamerlan starb bei der Jagd, Dschochar wurde verletzt und gefasst.

Fast zwei Jahre später beginnt nun die juristische Aufarbeitung. Wobei der Prozess die Schuldfrage schnell abhandeln dürfte: Selbst die Verteidigung streitet Zarnajews Beteiligung nicht ab. Vielmehr wird es danach darum gehen, welche Strafe der Staat verhängt - lebenslang oder die Todesstrafe?

Wie schwierig das wird, zeigt schon die Benennung der Geschworenen, mit der das Prozedere nun startet. In einer Jury zu dienen, ist US-Bürgerpflicht; das Gericht hat 1200 Kandidaten vorgeladen, so viele wie nie. Aus ihnen werden ein Dutzend gewählt.

Traumatisierte Stadt: Verfolgungsjagd nach den Tätern im April 2013
DPA

Traumatisierte Stadt: Verfolgungsjagd nach den Tätern im April 2013

Voraussetzung: Sie müssen unvoreingenommen sein. Doch das lässt sich kaum erfüllen. Das Attentat traumatisierte den 4,5-Millionen-Einwohner-Großraum Boston, wenn nicht sogar die gesamten USA. So etwas wie Unvoreingenommenheit zu finden, wird ausgesprochen schwierig - zumal die US-Medien die Zarnajews von vorneherein als "Teufel" tituliert haben.

So gut wie jeder Bostoner, so Zarnajews Verteidigerin Judy Clarke, "ist im Prinzip ein Opfer". Doch alle Anträge Clarkes auf eine Verlegung oder zumindest Vertagung des Prozesses blieben erfolglos. Die Auswahl der Geschworenen dürfte nun mehrere Wochen dauern. Mit den Eröffnungsplädoyers wird frühestens Ende Januar gerechnet.

Viele neue Fakten wird das Verfahren kaum ans Licht bringen. Am 15. April 2013 explodierten gegen 14.49 Uhr Ortszeit nahe der Ziellinie des Marathons in der Bostoner Innenstadt im Abstand von Sekunden zwei Tornisterbomben. Unter den Todesopfern war ein achtjähriger Junge. 16 Umstehenden wurden die Beine ganz oder teilweise abgerissen.

Überwachungsvideos zeigen die Zarnajew-Brüder, wie sie die Sprengstoffrucksäcke am Rande der Laufstrecke ablegten. Nach ihrer Identifizierung herrschte in Boston ein tagelanger Belagerungszustand.

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Bomben beim Marathon: Der Anschlag von Boston
Die erste Prozessphase soll Zarnajews Schuld feststellen, die zweite dann das Urteil. Obwohl die Todesstrafe in Massachusetts zuletzt 1947 vollstreckt und 1982 ganz abgeschafft wurde, kann und will die US-Staatsanwaltschaft sie in diesem Fall beantragen, da es sich um keine lokale Anklage handelt, sondern um eine durchs US-Justizministerium.

Zwar verlangt auch das eine Hinrichtung nur selten. Doch von den 30 Anklagepunkten, die Zarnajew zur Last gelegt werden, ziehen sieben automatisch die Todesstrafe nach sich. Zarnajew habe auf "abscheuliche, grausame und heimtückische Weise" gehandelt, schrieb Carmen Ortiz, die zuständige US-Staatsanwältin für Massachusetts.

Ihre Gegenspielerin, die Verteidigerin Clarke, vertrat unter anderem Ted Kaczynski, den berüchtigten "Unabomber", und Jared Loughner, der 2011 in Arizona sechs Leute erschoss und die Kongressabgeordnete Gabby Gifford schwer verletzte. Beide Angeklagten entkamen der Todesstrafe, indem sie sich schuldig erklärten.

Im Fall Zarnajew lehnt die Justiz einen solchen Deal bisher ab. Clarke will deshalb versuchen, die Hauptschuld auf den toten Bruder zu schieben und will dazu nicht zuletzt Zarnajews Angehörige und Freunde vorladen. Die Brüder waren 2002 aus Tschetschenien in die USA gekommen.

Die Anklagevertretung will ihrerseits mehr als 730 Zeugen auffahren, plus 1238 Beweisstücke. Sollte der Prozess im Frühjahr zu einem Urteil finden, ist das aber noch lange kein Ende: Zurzeit dämmern 61 Delinquenten in staatlichen Todeszellen dahin. Die letzte Hinrichtung war im März 2003.

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Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

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