Oktoberfest-Attentat Der rätselhafte Nachruf

Wer steckt hinter dem Bombenanschlag auf das Oktoberfest 1980? Die Bundesanwaltschaft ging stets von einem Einzeltäter aus. Ein Anwalt will nun die Wiederaufnahme des Verfahrens erreichen. Er hat gute Argumente.

AP

Von Tobias Lill, München


München - Die Ermittler waren sich recht schnell sicher: Der Bombenanschlag auf das Oktoberfest sei die Tat eines Einzelnen gewesen, das tödliche Werk des rechtsextremen Studenten Gundolf Köhler, der bei der Explosion selbst ums Leben kam. Insgesamt 13 Menschen starben an jenem 26. September 1980, rund zwei Jahre später stellte die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen ein.

Doch bis heute gibt es viele, die nicht an einen Alleingang Köhlers glauben. Der Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich vertritt ein halbes Dutzend Opfer des Attentats. Zweimal versuchte er bereits, ein Wiederaufnahmeverfahren zu erreichen, doch er scheiterte 1984 und 2008. Nun hat er erneut einen Antrag bei der Bundesanwaltschaft eingereicht. Und dieses Mal könnte er die These vom Einzeltäter tatsächlich so sehr ins Wanken bringen, dass man sich in Karlsruhe zu einem Neuanfang durchringt.

Dietrich hat nach eigenen Angaben die Aussagen eines Ehepaares, das zum Zeitpunkt der Explosion nur sechs bis sieben Meter von Köhler entfernt gewesen sei. Die Zeugin gibt demnach an, sie habe zwei junge Menschen in dunklen Parkas gesehen, die kurz vorher noch neben Köhler gestanden und dann weggelaufen seien. Diese möglichen Mittäter seien regelrecht geflüchtet, sagt Anwalt Dietrich. Das Paar machte seine Angaben in einem Brief, der Dietrich bereits zu Beginn des Jahres erreichte.

"Ehrenwerter Heldentod"

Tatsächlich passt die Schilderung der Frau zu der ebenfalls im Antrag enthaltenen und jüngst erst bekannt gewordenen Aussage des Augenzeugen Ramin A. Der IT-Fachmann will kurz vor der Explosion mögliche Mittäter gesehen haben. Ramin A. sagt laut Dietrich, die Polizei habe sich bei seinem Verhör 1980 ausdrücklich nicht für die von ihm in Köhlers Nähe beobachteten Männer interessiert. Dabei soll A. nur fünf Meter vom Ort des Attentats entfernt gestanden haben. Fest steht: Ramin A. war am Tatort. Er wird auf der offiziellen Opferliste des Attentats geführt.

Dietrich hält die Aussagen der neuen Zeugen für glaubhaft. Sie ließen "den Tathergang in einem ganz anderen Blickwinkel erscheinen". Zwar hatte bereits der Zeuge Frank Lauterjung unmittelbar nach dem Attentat ausgesagt, er habe Köhler kurz vor der Explosion mit zwei Männern streiten sehen. Doch die Ermittler hatten diese Spur rasch zu den Akten gelegt.

Dietrichs Antrag enthält eine weitere bemerkenswerte Zeugenaussage: Eine Theologin hat sich nach seinen Angaben vor Kurzem erst bei ihm gemeldet. Sie gibt an, am Vormittag nach dem Anschlag im Schrank des damals bekennenden Neonazis Andreas W. gedruckte Nachrufe auf den Bombenleger Gundolf Köhler entdeckt zu haben. "Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei Köhlers Namen jedoch noch gar nicht bekannt gegeben", sagt der Anwalt.

Die damalige Studentin gab demnach zu der Zeit Sprachkurse in einer Münchner Unterkunft für Aussiedler. Andreas W. war einer ihrer Schüler. Als sie ihre Jacke in einen Garderobenschrank hängen wollte, öffnete sie versehentlich die falsche Tür - die von Andreas W. Dahinter habe sie Zettel mit dem lobenden Nachruf auf Köhler entdeckt. Darin sei von einem "ehrenwerten Heldentod" die Rede gewesen.

Von Polizei abgewimmelt

Dietrich sieht hier einen "eindeutigen Beweis dafür, dass Köhler Hintermänner hatte". Er geht sogar von einem rechten Terrornetzwerk hinter dem Anschlag aus. "Wahrscheinlich ist Köhler nicht zufällig mit der Bombe in die Luft geflogen", sagt der Anwalt. Vermutlich hätten ihn seine Mitverschwörer als Zeugen loswerden wollen. Laut Dietrich hat Neonazi W. die Theologin kurz nach dem Anschlag auch wissen lassen, dass er nach Südamerika wolle. Hierzu müsse der mittel- und passlose W. Hilfe von einem rechten Netzwerk bekommen haben, so Dietrich.

Die Zeugin wollte 1980 laut Dietrich der Münchner Polizei von ihren Erlebnissen berichten. Doch auf einem Revier habe man sie damals abgewimmelt. Dietrich hält die Theologin, über deren Aussagen zuerst die "Süddeutsche Zeitung" berichtet hatte, für "eine äußerst glaubwürdige Person". Er habe ihren Hintergrund ausführlich durchleuchtet: "Dafür, dass sie sich erst jetzt an die Öffentlichkeit wendet, gibt es eine sehr plausible Erklärung." Er könne diese derzeit jedoch zum Schutz der Frau nicht öffentlich machen, so Dietrich.

Die drei Zeugenaussagen sind nicht die einzigen Argumente Dietrichs für eine Wiederaufnahme des Verfahrens: Die Polizei fand nach dem Anschlag mehr als 40 Zigarettenkippen von sechs unterschiedlichen Marken in Köhlers Auto, das er neben der Wiesn abgestellt hatte. Unter den Leichenteilen war das Stück einer abgerissenen Hand, das keinem Opfer zugeordnet werden konnte. War es die Hand eines Mittäters? Die Asservate wurden 1997 vernichtet.

Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte zum Antrag Dietrichs, man werde "alle neuen Hinweise sorgfältig prüfen und etwaigen Ermittlungsansätzen nachgehen".

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insgesamt 28 Beiträge
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Eppelein von Gailingen 29.09.2014
1. Dass die Staatsanwalt zu dem Oktoberfestanschlag etwas verbirgt
Wird seit 34 Jahren diskutiert. Längst wird vermutet, es könnte eine Person aus der CSU verwickelt sein. Das Geheimnis 34 Jahre von der Justiz zu verschleppen wäre mehr als eine Sauerei.
walter_e._kurtz 29.09.2014
2. allerhöchste Eisenbahn
Eine erneute Aufarbeitung wäre mehr als angemessen. Man muß sich nur vor Augen halten, in welchem Dunstkreis sich Köhler damals aufgehalten halt, wie sehr die Behörden auf die Einzeltäterversion fixiert waren. Den Sprengstoff wird er sich ja nicht im Bad zusammengepanscht haben - was hat damals die Staatsanwaltschaft dazu eigentlich gesagt? Allerdings könnte bei einer erneuten Aufarbeitung auch einiges zu Tage gefördert werden, was einigen traditionsbewußten Politikern und hochrangigen Beamten gar nicht in den Kram paßt - um es Mal vorsichtig zu formulieren. Wie dem auch sei; bzgl. dieses Attentats liegt noch viel zu viel im Dunkeln - Zeit, um die Geschichte näher auszuleuchten!
SNA 29.09.2014
3. Namensnennung
Seit wann werden volle Namen von Zeugen veröffentlicht? Das sind soch keine Personen der Zeitgeschichte. Ich würde mich an deren Stelle juristisch dagegen wehren, zumal das nicht ungefährlich für die Zeugen ist.
hanfbauer2 29.09.2014
4. alle neuen Hinweise sorgfältig prüfen...
und dann für längst erledigt oder hinfällig erklären. So kennen wir die Staatsanwälte seit vielen Jahrzehnten. Und weil das viele immer wieder mal vergessen: Staatsanwälte sind hierzulande weisungsgebundene Beamte. Die Weisung erteilt der jeweilige Justizminister....
Knacker54 29.09.2014
5. Und täglich grüsst das Murmeltier
Irgendwie erinnert das Ganze an die sehr engagierten und überaus kompetenten Ermittlungen im gesamten NSU-Komplex...
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