Mordanschlag auf russischen Banker: Abrechnung in "Londongrad"

Von , Moskau

In Russland ist German Gorbunzow als "schwarzer Banker" bekannt, der mit zwielichtigen Gestalten Geschäfte machte. Nun wurde er in London bei einem Mordanschlag schwer verletzt. Sein Anwalt vermutet einen Zusammenhang mit einer früheren Tat in Moskau.

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RIA Novosti

German Gorbunzow (Archiv): Anschlag auf den "schwarzen Banker"

Londons Stadtteil Canary Wharf hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verwandelt. Die runtergekommenen Docklands sind verschwunden, Finanzriesen haben glänzende Bürobauten aus Glas und Stahl bezogen. Hier residieren Barclays, Morgan & Stanley oder Credit Suisse. In Apartmentblöcken wohnen Millionäre und Banker. Sie schätzen die kurzen Wege, wenn sie nach 23 Uhr ihre Büros verlassen.

Der Mann aber, der am Dienstagabend seine Wohnung in der Byng Street ansteuerte, passt nicht recht in die Glitzerwelt der Hochfinanz. German Gorbunzow, ein Russe von untersetzter Statur und mit einem verquollenen Gesicht, verdankt sein Vermögen zwielichtigen Geschäften in Osteuropa. In seiner russischen Heimat nennen ihn die Medien auch den "schwarzen Banker".

Der Killer lauerte ihm vor dem gediegenen Apartmentblock in der Byng Street auf, in dem Gorbunzow eine Wohnung hat. Zeugen beschreiben den Täter als weiß und etwa 1,80 Meter groß. Der Mann feuerte ein ganzes Magazin auf sein Opfer und entkam. Gorbunzow ist schwerverletzt, Ärzte kämpfen noch immer um sein Leben.

Gorbunzow, der seit 2010 Russland meidet, weil er fürchtete, dort "erschossen oder inhaftiert" zu werden, ist eine Schlüsselfigur in einem britisch-russischen Wirtschaftskrimi, in dem es um Milliarden geht und um mehrere Auftragsmorde.

Gorbunzow ist ein Geschöpf der von Halbweltgrößen durchsetzten Finanzbranche in seiner Heimat. Seine Geschäftsinteressen reichten von Moskau bis nach Moldau und Armenien. Seine Banken jonglierten mit Geldern, die offenbar auch aus zweifelhaften Quellen stammten. Moskauer Ermittler werfen dem Banker Geldwäsche vor, Moldau hat ihn zur Fahndung ausgeschrieben.

Gorbunzow beteuert, von ehemaligen Kompagnons aufs Kreuz gelegt worden zu sein. Sie hätten ihn um mehr als 2,5 Milliarden Dollar erleichtert. Er selbst war nie wählerisch bei der Auswahl seiner Partner: Da ist Ramsan Kadyrow, der vom Kreml protegierte Gewaltherrscher Tschetscheniens, der Gorbunzow bei der Eröffnung einiger Banken in der Unruherepublik half. Da ist der Moskauer Banker Alexej Frenkel, mit dem Gorbunzow gute Geschäfte machte, bis Frenkel 2008 zu 19 Jahren Haft verurteilt wurde - er hatte die Ermordung des stellvertretenden Zentralbankchefs Andrej Koslow in Auftrag gegeben.

Alte Rechnungen mit nach London genommen

Dass nun die futuristische Skyline von Londons Canary Wharf mutmaßlich zur Kulisse einer Abrechnung osteuropäischer Geschäftsleute mit zweifelhaftem Leumund wurde, ist kein Zufall. Jahrelang hat Großbritannien reiche Russen mit niedrigen Steuern und recht schlichten Einwanderungsregeln gelockt: Wer genug Millionen vorweisen kann, darf bleiben.

Rund 300.000 Russen leben heute offiziell in "Londongrad", wie die Einwanderer die Stadt scherzhaft nennen. In Moskauer Oligarchenkreisen gehört es zum guten Stil, an der Themse eine Residenz zu unterhalten. Der Mordanschlag auf Gorbunzow offenbart, dass die Reichen aus dem Osten nicht nur ihre Vermögen mit nach London gebracht haben, sondern auch die Rechnungen, die sie untereinander zu begleichen haben.

Gorbunzows Anwalt Wadim Wedenin glaubt, dass der Angriff auf seinen Mandanten mit einem zweiten Mordanschlag zusammenhängt. 2009 wurde Alexander Antonow in Moskau angeschossen, ein Geschäftspartner Gorbunzows. Antonows Sohn Wladimir besitzt den britischen Fußballclub FC Portsmouth. Drei Männer sitzen wegen des Antonow-Attentates in russischer Haft: Aslanbek Dadajew, Elim-Pascha Chazujew und Timur Isajew. Die Tschetschenen gelten als Auftragskiller. Sie sollen 2008 auch den ehemaligen russischen Parlamentsabgeordneten Ruslan Jamadajew getötet haben, einen Gegner von Tschetschenenherrscher Kadyrow.

Es ist eine verworrene Geschichte. Gorbunzows Anwalt behauptet, sein Klient habe auspacken wollen. Er habe gewusst, dass es seine ehemaligen Moskauer Geschäftspartner gewesen seien, die 2009 den Anschlag auf Alexander Antonow in Auftrag gegeben hätten. Er sei Zeuge dieser Gespräche gewesen, habe aber geschwiegen, "weil sie ihm drohten, genauso mit ihm zu verfahren", sagt Anwalt Wedenin.

Ob es nun aber die gleichen zwielichtigen Ex-Kompagnons waren, die Gorbunzow mundtot machen wollten, vermag Wedenin nicht zu sagen. Gorbunzow habe auch sonst genügend Drohungen erhalten, die im Zusammenhang mit seinen anderen Geschäften gestanden hätten.

Laut britischer Polizei ist es noch zu früh, um über einen Zusammenhang mit dem Anschlag 2009 zu spekulieren.

Mitarbeit: Carsten Volkery, London

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