Anschlag in Boston: Das Rätsel der Kochtopfbombe

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REUTERS/ JTTF Boston

Die Analyse der Sprengsätze bringt das FBI bei der Jagd nach den Bombenlegern von Boston offenbar wenig weiter. Selbst ein bisher unauffälliger Einzeltäter könnte die Kochtopfbomben gebaut haben - und dieser wäre wohl am schwersten aufzuspüren.

Boston - Die US-Ermittler versuchen nach dem Anschlag von Boston, die Erwartungen zu dämpfen. Es werde noch Tage dauern, bis man allein die Spuren am Tatort ausgewertet habe, hieß es auf einer Pressekonferenz der Behörden.

Bisher scheinen die Polizisten noch ratlos. Es wurde niemand festgenommen, noch nicht einmal eine Fahndung wurde ausgerufen. Offenbar ist völlig unklar, wer überhaupt der Tat verdächtigt werden könnte: ein Mitglied einer militanten Gruppe? Ein Einzeltäter? Bekannt hat sich zu dem Anschlag keiner.

Die Bauart der zwei Sprengsätze lässt keine Rückschlüsse über den oder die Täter zu. Nahezu jeder hätte eine solche Bombe bauen können, auch ein Einzeltäter, der der Polizei bisher nicht aufgefallen ist und möglicherweise auch in Zukunft nicht auffällt.

Anleitungen gibt es online - und offline

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Anschlag in Boston: Primitiver Sprengsatz
Der Sprengsatz bestand aus einem Schnellkochtopf, gefüllt mit Schwarzpulver und Nägeln, sowie einem Zeitzünder, einer Eieruhr - selbstgebaute Bomben für wohl weniger als 100 Euro. Abgestellt wurden sie in einen dunklen Rucksack oder einer Tasche aus Nylon in der Nähe der Ziellinie des Marathons.

Es ist eine der simpelsten Arten, eine Bombe selbst zu bauen. Anleitungen für solche Rohrbomben, bei denen durch das Kochtopf-Gefäß der Druck erhöht werden soll, finden sich mit einiger Mühe offline, etwa im 1971 veröffentlichten "Anarchist's Cookbook", und relativ problemlos im Internet.

Bei vier versuchten und mindestens 30 gelungenen Bombenanschlägen in den USA zwischen 1985 und 1996 wurden die Sprengsätze nach Internetanleitungen zusammengebaut, wie eine Statistik der US-Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF) zeigt - und das war, bevor das englischsprachige Qaida-Magazin "Inspire" detaillierte und seitenlange Bauanweisungen lieferte.

Es ist die klassische Waffe von Einzeltätern

Ihre verhältnismäßig einfache Handhabung macht die Rohrbombe besonders beliebt bei allein agierenden Extremisten - quer durch das ideologische Spektrum.

Einen Schnellkochtopf gefüllt mit Dutzenden Feuerwerkskörpern, Schwarzpulver und zwei Reiseweckern zwischen vollen Benzinkanistern hatte der Dschihadist Faisal Shahzad 2010 am New Yorker Times Square deponiert, doch seine Bombe explodierte nicht. Auf seine Spur kamen die Ermittler durch das Auto und die Aufnahmen von Überwachungskameras.

Auch der Abtreibungs- und Homosexuellengegner Eric Rudolph setzte Rohrbomben mit Weckern als Zeitzünder ein. Er legte zwischen 1996 und 1998 mehrere Bomben - am bekanntesten der Anschlag 1996 in Atlanta während der Olympischen Spiele. Insgesamt kamen durch seine Anschläge zwei Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt.

Ob tatsächlich ein Einzeltäter hinter der Attacke von Boston steckt, bleibt bloße Spekulation. Über die Kommunikation ihrer Mitglieder untereinander können Gruppen in der Regel einfacher aufgespürt werden.

Wie schwierig die Arbeit der Ermittler im Falle eines Einzeltäters werden könnte, zeigt auch der Fall des christlichen Extremisten Rudolph. Er geriet erst 1998, zwei Jahre nach seiner ersten Bombe, nach einem Anschlag auf eine Abtreibungsklinik aufgrund von Zeugenaussagen ins Visier der Ermittler. Erst nach einer fünfjährigen Fahndung konnte er 2003 aufgespürt und verhaftet werden.

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insgesamt 67 Beiträge
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1. Sehr tragisch...
leylimley 17.04.2013
was da passiert ist. Aber müssen wir und das jetzt wochenlang reinziehen? Wenn im nahen osten so etwas passiert interessiert es doch auch kein schwein.. Ist so etwas schlimmer wenn es in den usa passier? Sind amerikanische leben mehr wert als das leben von menschen anderer nationen? So etwas sollte nirgends passieren. Medien sollten sich um faire berichterstattung bemühen.
2. Intention
achkuckma 17.04.2013
Was ich mich ja bei allem Entsetzen und natürlichem Unverständnis frage: Welche Intention mag den Täter wohl zu der Tat bewegt haben? Ich meine, eine ganz rationale Frage ist doch: Wenn ich mich schon zu einer solchen Tat entscheide, dann verfolge ich doch ein Ziel damit. Das heißt, er wird sich doch bekennen müssen. Denn so gibt es einfach "nur" Opfer, aber keiner weiß, was dahintersteckt. Das kann doch nicht sein Ziel sein, er wird doch irgendetwas damit sagen wollen. Einfach nur unverständlich, was sich in solch kranken Hirnen abspielt.
3. Erschreckend verantwortungslos
chrisal_macrisal 17.04.2013
Liebe Redaktion, Ihnen ist doch klar, dass dieser Artikel eine Quasi-Anleitung ist, wie und wo man sich derart heikle Informationen beschaffen kann? Als würde die Aussage, solche Infos seien leicht verfügbar, nicht schon reichen, wird der Artikel auch noch mit den nötigen Zutaten und sogar dem Verweis auf eine konkrete Publikation gespickt. Hatten sich die Medien (abgesehen vom Boulevard) in den letzten Jahren nicht stillschweigend dahin bewegt, dass mit solchen Informationen (z.B. auch, wie knackt man ein Auto etc.) verantwortungsvoller umgegangen wird? Sie dagegen streuen hier erneut explizite Hinweise für Rezipienten, denen diese Möglichkeiten potentiell entgangen sein könnten. Da kann ich nur noch den Kopf schütteln.
4. In der Tat
konoko 17.04.2013
Zitat von chrisal_macrisalLiebe Redaktion, Ihnen ist doch klar, dass dieser Artikel eine Quasi-Anleitung ist, wie und wo man sich derart heikle Informationen beschaffen kann? Als würde die Aussage, solche Infos seien leicht verfügbar, nicht schon reichen, wird der Artikel auch noch mit den nötigen Zutaten und sogar dem Verweis auf eine konkrete Publikation gespickt. Hatten sich die Medien (abgesehen vom Boulevard) in den letzten Jahren nicht stillschweigend dahin bewegt, dass mit solchen Informationen (z.B. auch, wie knackt man ein Auto etc.) verantwortungsvoller umgegangen wird? Sie dagegen streuen hier erneut explizite Hinweise für Rezipienten, denen diese Möglichkeiten potentiell entgangen sein könnten. Da kann ich nur noch den Kopf schütteln.
Da möchte ich mich anschließen. Ein konkreter Literaturverweis ist verantwortungslos und völlig unnötig.
5. Sehr dumm
karabas 17.04.2013
Zitat von leylimleywas da passiert ist. Aber müssen wir und das jetzt wochenlang reinziehen? Wenn im nahen osten so etwas passiert interessiert es doch auch kein schwein.. Ist so etwas schlimmer wenn es in den usa passier? Sind amerikanische leben mehr wert als das leben von menschen anderer nationen? So etwas sollte nirgends passieren. Medien sollten sich um faire berichterstattung bemühen.
und wenn es bei uns in DE passieren würde, würden Sie auch keine Berichtserattung haben wollen, weil ja deusche Leben nicht wichtiger sind als die der anderen? Was in Amerika passiert ist, kann auch hier passieren. So wie schon in London und in Madrid (sofern gleicher Hintergrund wie gestern - das ist auch höchstwahrscheinlich). Und die meisten Deutschen interssiert es sehr wohl.
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